Kartographie des Sounds – Hat uns das Web nicht mehr zu sagen? (2/4)

Das Internet entwickelt sich rasant weiter – mehr Bilder, mehr Videos, mehr Vielfalt im Web 2.0. Doch eine mediale Form verstummt in den weiten Welten des Internets: Der Sound. Wie das Fernsehen früher sich vor dem Radio behaupten konnte, stellt sich auch der Sound in der visuell-überfluteten Welt des Internets hinten an. Aus diesem Grund machen wir eine  Bestandsaufnahme und zeichnen die Kartographie des Sounds im Netz nach – und klären ab, inwiefern der auditive Sinn im Netz vernachlässigt wird. Doch wir meckern nicht nur – im zweiten Teil unseres Artikels liefern wir Anreize und mögliche Alternativkonzepte!

 

Im Internet nimmt der Sound verschiedene Rollen ein – eine grobe Klassifizierung soll im ersten Teil unseres Artikels mit den Bereichen “Sound als Nebenprodukt/Unterstützung” und “Sound als Hauptprodukt” vorgestellt werden. Für uns stellte sich also zu Beginn die Frage: ist die Präsenz bzw. das Angebot im Netz multimedial angelegt oder steht der Fokus allein auf dem auditiven Element.

Zweiter Teil – Sound als Nebenprodukt:

 

Audiovisuelles Broadcasting
Auch wenn Sound im Internet als “Hauptprodukt” angeboten wird, spielt er doch zumeist eine untergeordnete Rolle. Er ist (notwendiges) Nebenprodukt von visuellen Angeboten, agiert untermalend und erklärend.

Den wohl zahlenmäßig größten Einsatz findet er sicherlich auf Videoportalen wie youTube. Hier können User Videos ansehen und austauschen. Der Ton wirkt hier also zumeist unterstützend und steht im Gegensatz zum visuellen Material vor besonderen Herausforderungen, wie Sprachbarrieren oder Lizenzrechten der Industrie. Dennoch fällt auf – User tauschen auf solchen Portalen ebenso Sounds und Klänge miteinander aus. So werden zahlreiche “Videos” mit Standbildern oder Lyrics hochgeladen, um Musikstücke zu verbreiten und zur Verfügung zu stellen. Dass Nutzer hierbei nicht auf die oben angesprochenen Audioportale zurückgreifen, liegt sicherlich zum großen Teil am vergleichsweise hohen Bekanntheitsgrad der Videoportale. Sobald also im Internet der Fokus nicht auf dem Visuellen liegt, scheint etwas zu fehlen. Demzufolge entstehen neue Portale im Bereich der Musikvideos: Putpat.tv und Tape.tv greifen die Idee des userspezifischen Radios (last.fm) auf, reichern die Ton-Inhalte durch die dazugehörigen Musikvideos an und stellen sich somit als “personalisiertes MTV” dar.

Neben youTube existieren – abseits des Musikmarktes – weitere Streaming-Angebote in Form von Mediatheken bekannter TV-Sender, die bereits erwähnten Video-Podcasts, IP-TV (Fernsehen via Internet) und Live-Streaming Portale (wie etwa „laola1.tv„) heraus.


Sound als unterstützendes Gestaltungsmittel

Im Sinne einer abgrenzenden Karthographie des Sounds erscheint es wichtig, neben den bislang eingeführten Kategorien auch die des “Sounds als unterstützendes Gestaltungsmittel” aufzuführen. Anknüpfend an den audiovisuellen Anwendungsbereich beim Broadcasting wird Ton als Untermalung von Gestaltungselementen im Webdesign genutzt. So wird bei der Navigation eine Art Taktilität mit Hilfe von Button-Sounds hergestellt, indem der Knopf-Druck mit einem Klick-Ton einhergeht. In den seltensten Fällen ist die Navigation jedoch vom Sound abhängig, auch hier ist er lediglich eine Unterstützung, ein “Surplus”.
Weiterhin werden in manchen Fällen im Hintergrund Musik oder Sounds eingesetzt.  Dies kommt in den meisten Fällen auf Seiten von Musikern vor, oder auf besonders experimentellen Webauftritten. An der Tagesordnung ist dies sicherlich nicht.

Als störend hingegen wird der Einsatz von Sounds in der Online-Werbung angesehen – ob nun das Quietschen der Reifen in der Autowerbung oder das Aufsagen der Werbebotschaft. Hier stellt sich die Frage, inwieweit dieser Einsatz von Sound vielleicht sogar prägend für die Rezeption der Internetnutzer ist oder sogar grundsätzlich als störend wahrgenommen wird?

Beispiel einer Online-Werbung mit Sound

Eines lässt sich zusammenfassend jedoch sicherlich festhalten:

Das Internet wird wie ein Buch gelesen, man konsumiert es zumeist im Stillen. Ob neben dem Monitor auch die Boxen eingeschaltet sind – das weiß nur der User.

Sound als direktes und instantanes Kommunikationsmittel

In den frühen 90er Jahren funktionierte Kommunikation im Netz ausschließlich textbasiert und wurde in E-Mails, Chats, Foren oder Messengern geführt. Wer heutzutage mit seinen Freunden, seiner Familie oder Bekannten in Kontakt steht oder neue Kontakte knüpfen möchte, hat im Internet die Qual der Wahl. Schon längst können es nicht nur die Messenger, wie ICQ, Skype oder MSN – auch auf Social-Media Seiten oder in vielen Videospielen stellt die Kommunikation einen zentralen Bestandteil dar. Mit dem Fortschritt im Internet wuchsen auch die Features der Kommunikationsmittel und so erwarten die User auch Voice- und Video-Chat Features. Skype, welches im Jahr 2003 veröffentlicht wurde, gehört dabei mit fast 700 Millionen Nutzern weltweit zu den bekanntesten Messenger-Diensten.
Aufgrund der erhöhten Bandbreite geht der Trend eindeutig in Richtung multifunktionaler Kommunikationsdienste. Ob nun visuell, auditiv oder audiovisuell miteinander kommuniziert wird, hängt also von der jeweiligen Nutzungsweise und den Vorlieben der Nutzer ab. Voice- oder Videochatfunktionen verstehen sich somit als Zusatz zur textbasierten Kommunikation. Die weltweit größte soziale Netzwerkseite Facebook ist erst vor kurzem um die Videofunktion im Chat erweitert worden, ein Voice-Feature wurde hierbei jedoch ausgelassen. Es kann also festgehalten werden: Im Internet besitzt keine einzelne Kommunikationsart ein Alleinstellungsmerkmal – und so reiht sich auch der Voice-Chat neben einem von vielen Möglichkeiten ein.