Ist Hören tot ?

In den letzten Jahrzehnten nimmt die Vermutung zu, dass wir uns immer unbewusster mit Musik, Klängen und Geräuschen auseinandersetzen.  Diese Feststellung kann man auf zweierlei Weisen verstehen. Einerseits übernehmen immer mehr technische Möglichkeiten die Arbeit des Individuums, sodass wir keinen direkten Einfluss mehr auf das Produzierte haben.  Andererseits werden wir mit dem „Klangangebot“ überhäuft, sodass wir oft gar nicht wissen, welche Art von Musik wir eigentlich hören möchten. Beide Tatsachen führen zu dem Schluss, dass „Hören“ eigentlich tot ist. Inwiefern hat sich unser Umgang mit Musik und Klang verändert?

Nehmen wir mal an, dass ein DJ  in sein Studio geht. Meistens ist es so, dass ein Computer ihm schon von vornherein sagt, was an diesem Abend für Musik gespielt werden soll.   Er muss sich nicht mehr darum kümmern eine besondere Playlist zusammenzustellen, denn es gibt mittlerweile Programme, die soweit sind, dass sie berechnen können, welche Musik zur Zeit am Beliebtesten ist und von den Konsumenten bevorzugt rezipiert wird. Dieses Programm ist sogar imstande die Playlist so zu konstruieren, dass wenn mehr Männer als Frauen im Club sind, auch nur jedes x-te Lied auf den Geschmack der Frauen zugeschnitten ist. Zusätzlich zeigt das Programm an, wie viel Zeit der DJ zum Sprechen hat, bevor die Musik weiterläuft. Dies ist ein Beispiel für die Einflusslosigkeit, die wir bei Gehörten oftmals haben. Sei es in der Disco, im Restaurant, im Einkaufszentrum oder an anderen öffentlichen Orten.

Beim Autofahren haben wir ein genaues Wissen darüber, auf welchem Sender wir welche Shows und Musikgenres wir finden. Wir wissen, dass wir bei 1Live oder 100,5 einen Mix aus Musik, aktuellen Nachrichten und kleinen Shows finden.  Bei anderen Sendern wissen wir, dass z.B. viel über politische und wirtschaftliche Probleme diskutiert wird. Je nachdem worauf wir Lust haben, schalten wir einfach um oder lassen das Gewünschte dran. Dieses dekadente Verhalten des Umschaltens liegt daran, dass der Zuhörer egoistischer geworden ist. Er ist intoleranter gegenüber anderen Musikstilen geworden, die auf anderen Sendern gesendet werden, sodass sich schnell herauskristallisieren kann, welcher Sender bevorzugt gehört wird. Dadurch, dass sich die Sender immer mehr auf bestimmt Musikgenre spezialisiert haben, können die Zuhörer keinen allumfassenden Eindruck mehr bekommen, sodass die Konsumenten eventuell erst gar nicht auf die Idee kommen einen anderen Sender in Betracht zu ziehen, denn: Jeder Zuhörer ist ein Mitglied einer auditiven Nische. Es ist die Schuld des „individuellen“ Angebots der Sender, dass der Hörer quasi subtil in eine Ecke gezwängt wird, aus der er nicht mehr so einfach rauskommt. Viele Menschen haben einen oder zwei Musiksender, die sie bevorzugt hören. Die anderen Sender kriegen nicht einmal mehr wirklich die Chance gehört zu werden.

Während der letzten Zeit erscheinen auf dem Musikmarkt immer mehr Songs, die sich sehr ähnlich sind und auch ähnlich klingen. Der Musikindustrie, die natürlich darauf achtet, dass das Produzierte bei so vielen Konsumenten wir nur möglich Anklang findet, ist vorzuwerfen, dass der Konsum von „ernsthaft“ gehörter Musik zurückgeht. Klassische Musik steht zwar in den Meisten Musikregalen zu Hause, aber ob sie oft gehört wird, ist eine andere Frage. Mainstreammusik, die Art von Musik, die heutzutage am Meisten gehört wird, dient nur dem Zweck, dass sie oft nur im Hintergrund läuft. Es kommt nicht großartig darauf an, welches Lied läuft. Solange man im Hintergrund etwas wahrnimmt, zu dem man am Besten auch noch mitsingen kann (richtig oder falsch sei dahingestellt), fühlt man sich nicht allein. Je nach unserer Stimmungs- und Gefühlslage hilft uns Musik in bestimmten Situationen. Aber als bewusstes Zuhören würde man dies nicht bezeichnen.

Immer weniger Menschen der jüngeren Generationen interessieren sich für die Eigenschaften der Musik und was diese eigentlich bewirken und auslösen können. Stücke und Songs mit einem tieferen Sinn sind immer seltener zu finden. Im 19 Jhd., als es noch kein Fernsehen, Kino oder Radio gab, war die Bevölkerung auf Opern „angewiesen“, sofern sie es sich leisten konnte. Diejenigen, die eine Oper gesehen hatten, diskutierten im Nachhinein darüber, was sie gesehen und gehört haben, sodass die Musik interpretiert wurde und ihr mehr Bedeutung zugeschrieben wurde, als heute. Natürlich unterhält man sich über den einen oder anderen Songtext, aber um das Rezipieren des Gehörten und Fühlen an sich geht es leider nicht mehr.

Musiksender wie MTV und VIVA fokussieren ihr Programm zunehmend auf Serien. Musik-Clips werden anscheinend nicht mehr allzu frequentiert geguckt. Natürlich sind Musiksender und Werbung ohne Musik undenkbar, jedoch scheint es so, als ob die Musik hierbei nur ein nettes Accessoire ist, anstatt seriös gehört zu werden. Hören ist zu einer gewöhnlichen Praxis geworden, die aus kulturellen Gründen nicht mehr als etwas Besonderes erscheint. Gibt man z.B. bei Youtube „Nebenbei Musik“ ein, kommen Mainstream-Lieder, die man beim aufräumen, lernen oder bei anderen Aktivitäten hört.

Hören ist tot. Diesen Satz kann man in Hinblick auf unsere Hörpraxis beziehen. Entweder wir lassen Musik im Hintergrund laufen und benutzen sie als ein „nebenbei“. Musik ist zu einem festen Bestandteil unseres Lebens geworden und genau das ist auch der Grund, warum wir sie immer unbewusster wahrnehmen. Oft erwischen sich Menschen dabei, dass sie plötzlich ein Lied im Radio hören, auf das sie eigentlich gar keine Lust haben.

Vielleicht sind wir auch einfach nur zu Multitasking-fähig geworden, sodass wir den akustischen Eindrücken, die wir im Alltag mitbekommen, nur noch begrenzt Aufmerksamkeit schenken. Darunter fällt dann wohl auch das Rezipieren von Musik.

 

 Quellen:

Douglas, S. (2004). Listening In: Radio And The American Imagination. University of Minnesota Press: Minneapolis – London

Bull, M. & Back, L. (2003). The Auditory Culture Reader. Berg Pres: Oxford