Der Hörsturz

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Es rauscht, zischt, pfeift und fühlt sich an wie „Watte im Ohr“. Für die Betroffenen ist es eine unheimliche Beeinträchtigung und Belastung, die in völliger Verzweiflung und Panik enden kann – der Hörsturz. Unter einem Hörsturz versteht man eine plötzlich auftretende, meist einseitige Schallempfindungsschwerhörigkeit, die oft morgens bemerkt wird und sich durch ein Gefühl wie „Watte im Ohr“ äußert. Viele Autoren bezeichnen den Hörsturz als eine Zivilisationskrankheit, die ein Resultat unserer modernen und stressgeprägten Welt sein soll. Redewendungen wie „Ich habe viel um die Ohren“, „Mir dröhnen die Ohren vor lauter Arbeit“ oder „Ich kann es nicht mehr hören“ sind sehr beliebt und können ein Indiz für diese Vermutung sein. Doch wie lässt sich das Krankheitsbild des Hörsturzes auf unsere moderne, technisierte Welt und die Gesellschaft übertragen? Und was ist ein Hörsturz genau?

Querschnitt durch das menschliche Ohr. wikipedia.org / Chittka L, Brockmann

Krankheitsbild und Symptome

Die Schallempfindungsschwerhörigkeit kann bis zu einer völligen Ertaubung führen und tritt in seltenen Fällen beidseitig auf. Der Betroffene nimmt ein Druckgefühl wahr und nur selten einen Schwindel. Der Hörsturz tritt bevorzugt im 3. und 6. Lebensjahrzehnt auf. Ein signifikanter Unterschied zwischen der Häufigkeit bei Männern und Frauen konnte bisher nicht bestätigt werden. Der plötzliche Beginn des Hörverlustes kann sich innerhalb von Sekunden oder Minuten, seltener im Verlauf weniger Stunden entwickeln. Viele Patienten können den Zeitpunkt des Hörverlustes genau angeben. Manche Patienten erinnern sich dabei an ein Klickgeräusch, bevor die Taubheit einsetzte. Typisch ist diese Symptomatik beim morgendlichen Erwachen.
Man spricht erst von einem Hörsturz, wenn der Hörverlust in den drei Sprachfrequenzen im Durchschnitt 75 dB oder mehr beträgt. Bei etwa 70 – 80% der Fälle ist der Hörsturz mit Ohrensausen beziehungsweise Ohrgeräuschen, dem so genannten Tinnitus verbunden. Er ist eine meist subjektive, in seltenen Fällen eine objektivierbare Empfindung eines Tones oder Geräusches. Art und Tonhöhe sind dabei sehr unterschiedlich. Der Betroffene nimmt die Geräusche als hohes klingendes, zischendes oder pfeifendes Geräusch, oder als tiefes Rauschen wahr. Der Tinnitus ist für die Betroffenen extrem unangenehm und störend. Von Suizid Fällen, wegen nicht erträglichem Tinnitus, wurde schon mehrfach berichtet. Es gibt eine ganze Reihe von möglichen Ursachen und die unterschiedlichsten Hypothesen über die Entstehung. Der Tinnitus kann als Begleiterscheinung einer Gruppe von Funktionsstörungen verschiedenster Ätiologie und Pathogenese auftreten, wie zum Beispiel Tumore des 8. Hirnnerven, degenerative Erkrankungen des Innenohres, Schädelhirntraumen, Hörsturz usw. Die eigentliche Ursache bleibt bislang jedoch ungeklärt.[1][2] Hier sind zwei Audiobeispiele, um zu zeigen, wie sich ein Tinnitus anhören kann.

Ursache der modernen Welt?

In seinem Buch „Viel um die Ohren“ stellt Dr. Greuel die These auf, dass der Mensch für die Welt, die er selbst geschaffen hat, nicht geeignet ist und deshalb solche Zivilisationskrankheiten wie der Hörsturz entstehen. Das Buch betrachtet den Hörsturz als „eine Komplikation, die entsteht, wenn der in Millionen Jahren in der Evolution entstandene und damit an die Natur optimal angepasste Mensch zu der hypermodernen Lebensweise, die man Zivilisation nennt, gezwungen wird, für die er nicht geschaffen ist.“[3] Dr. Greuel hat eine fundierte hals-nasen-ohren-ärztliche Ausbildung, sowie Psychoanalyse und Psychotherapie gelernt. Das Buch ist nicht HNO-ärztlich-wissenschaftlich eingeengt, sondern betrachtet den Menschen und seine Probleme mit der modernen Zivilisation.

Unser Gehör ist unaufhörlichen Reizen ausgesetzt, denn den Schallwellen, die über unsere Ohren aufgenommen werden, können wir uns nicht entziehen. Das Ohr ist ein wichtiges Sinnesorgan, das uns vor Gefahren warnt und mit dem wir uns im Raum orientieren können. Im Straßenverkehr kann uns das Hupen eines Autos warnen oder die Sirene eines Krankenwagens uns darauf hinweisen Platz zu machen. Genauso kann uns ein Donnergeräusch im Gebirge vor einer Lawine oder einem Steinschlag warnen. Mit dem Stereoeffekt unserer Ohren können wir die Richtung festmachen, aus der die Gefahr kommt und uns im Raum orientieren. Aus diesem Grund müssen die Ohren frei sein. Funktioniert die Apparatur Ohr nicht mehr oder nur eingeschränkt fühlen, wir uns hilflos. Nach Greuel ist das Ohr ein Empfänger, der nie abgeschaltet werden kann, der aber auch mal Funkstille braucht. Da der Mensch in einer Umwelt lebt, in der das Gehör unnatürlich stark belastet wird, reagieren die Ohren genauso wie andere Körperteile, um sich zu schonen.[4]

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Gesellschaftliche Zwänge machen krank

Dr. Greuel sieht die menschliche Lebensweise als mögliche Ursache für die Zivilisationskrankheit Hörsturz. Seiner Meinung nach würden viele Menschen von gesellschaftlichen Normen wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Pflichtbewusstsein beherrscht. Arbeit, Leistung und Erfolg haben bei ihnen eine große Bedeutung. Diese Normen sind Verursacher der Erkrankungen und werden den Menschen durch die Erziehung der Eltern und der Gesellschaft eingeflößt und müssen erfüllt werden, ob man will oder nicht, um kein schlechtes Gewissen zu bekommen. Der Mensch leidet unter ständiger physischer Anspannung, durch Verantwortung und Pflichtbewusstsein. Es entstehen Ängste wie Versagensängste, Existenzängste und vieles mehr. Hinzu kommen unvorhersehbare Schicksalsschläge wie Tod, Krankheit, Unfälle oder Scheidung. All diese Faktoren und Persönlichkeitszüge beanspruchen den Menschen, stressen und erschöpfen ihn. Der Mensch ist unfähig zu regenerieren und die zunehmende Erschöpfung macht ihn krank. Ein Zusammenbruch ist da irgendwann vorprogrammiert. Wie eine Sicherung, die herausspringt, schaltet das Hörorgan ab. Wäre der Mensch in der Lage abzuschalten, sich zurück zu ziehen, um Kraft zu schöpfen, könne er diese Belastungen verkraften und dem Zusammenbruch entgehen.

Musik, Sprache, Naturgeräusche, Straßenlärm und Berufslärm betrachtet der Autor als selbstbestimmte Einflüsse, die in unsere Ohren eindringen. Dem kann man jedoch nur eingeschränkt zustimmen. Theoretisch kann der Mensch sicherlich dem Straßenlärm entfliehen und zum Beispiel in ländliche Regionen flüchten, aber viele können sich ihren Verpflichtungen nicht einfach so entziehen. Der Mensch ist gesellschaftlichen Konventionen und Erwartungen unterworfen. Man muss arbeiten gehen und kann diesen Beruf möglicherweise eben nur in der Stadt ausüben. Zugespitzt formuliert, ist es nicht nur unsere Lebensweise, sondern auch unsere Umwelt, die uns stresst.

br.de / picture allianze/dpa

Stressige Umwelt

Eine ähnliche Sichtweise vertreten die Autoren des Buches „Hörstürze. Akustik und Gewalt im 20. Jahrhundert“. Auch sie machen das stressgeprägte 20. Jahrhundert für die Zivilisationskrankheit Hörsturz verantwortlich. Als Grund wird zum Beispiel die zunehmende akustische Umweltbelastung in den wachsenden Städten genannt. Baustellen, Verkehr und Maschinen verursachen dabei einen enormen Lärm, der auf unsere Ohren einstürzt und sie schädigen kann. Für Andres Bosshard scheinen „unsere Städte […] geradezu dafür gebaut, den Lärm absichtlich gegen uns einzusetzen.“[5] Weiterhin werden Innovationen der technischen Akustik für das Gefühl von Stress verantwortlich gemacht, wie zum Beispiel das Telefon. Das Mobiltelefon ist unser ständiger Begleiter, sogar nachts am Bett und wir sind rund um die Uhr erreichbar. Aber es kann ein erheblicher Störfaktor für den Menschen sein. Man kann sich ihm nicht entziehen, weil man immer in der Erwartung ist, eine sehr wichtige Information erhalten zu können. Meistens jedoch, sind die Anrufe unwichtig und somit einfach nur störend.

Da wir auf unser stressiges Telefon scheinbar nicht verzichten können, ist es doch gut zu wissen, dass es mittlerweile eine App gibt namens „Tinnitus help“, die den Tinnitus von Betroffenen analysiert, für Entspannung sorgt und hilft, das Pfeifen im Ohr für eine Zeit lang zu vergessen.

[1]Vgl. Hoffmeister, Karin: Verhaltensmedizinische Untersuchungen zum Hörsturz. Frankfurt am Main: Peter Lang Verlag 1988. S. 25ff.

[2]Vgl. Greuel, Hans: „Viel um die Ohren“. Hörsturz. Schwindel. Ohrensausen. 2. Auflage. Düsseldorf: VDG-Verlag 1988. S. 38f.

[3]Ebd. Geleitwort.

[4]Vgl. Ebd. S. 4

[5]Bosshard, Andres: Hörstürze und Klangflüge. Akustische Gewalt in urbanen Räumen. In: Hörstürze. Akustik und Gewalt im 20. Jahrhundert. Hrsg. von Nicola Gess, Florian Schreiner, Manuela K. Schulz. Würzburg: Königshausen & Neumann 2005. S. 70.

Quellen:
Hörstürze. Akustik und Gewalt im 20. Jahrhundert. Hrsg. von Nicola Gess, Florian Schreiner, Manuela K. Schulz. Würzburg: Königshausen & Neumann 2005.

Hoffmeister, Karin: Verhaltensmedizinische Untersuchungen zum Hörsturz. Frankfurt am Main: Peter Lang Verlag 1988.

Greuel, Hans: „Viel um die Ohren“. Hörsturz. Schwindel. Ohrensausen. 2. Auflage. Düsseldorf: VDG-Verlag 1988.

http://www.earplugs.ch/de/tinnitus_hoerbeispiele.html

http://itunes.apple.com/de/app/tinnitus-help/id382593362?mt=8