Vom Stummfilm zum Tonfilm – Teil I: Der Umschwung

Filmplakat zu "The Jazz Singer" (1927)Spätestens seit dem riesigen Erfolg des Filmes „The Artist“ bei den diesjährigen Oscarverleihungen ist er wieder in aller Munde: Der Stummfilm. Da ist es an der Zeit, sich einmal genauer anzusehen, wie es eigentlich damals zuging, als der Tonfilm die Welt eroberte und warum gerade heute wieder ein Stummfilm im Begriff ist, ebendieses zu schaffen.

Bereits in dem Beitrag „Der Stummfilm und die Musik“ wurde sich auf dieser Homepage ja schon mit dem Thema des Stummfilmes auseinandergesetzt. In den folgenden Beiträgen werde ich dies weiterführen, dabei aber den Fokus besonders auf die Übergangsphase vom Stummfilm zum Tonfilm legen.

Hier soll es nun zunächst einmal um die Zeit des Umschwungs gehen und nach Gründen gesucht werden, warum plötzlich der Tonfilm den Stummfilm verdrängte. In der Fortsetzung werde ich mich dann mit der heutigen Zeit auseinandersetzen und der Frage nachgehen, warum ein Film wie „The Artist“ gerade heute solchen Erfolg hat.

Die großen Aufführungen von Stummfilmen waren oft mit einer hohen Theatralität verbunden: In den großen Lichtspielhäusern versammelten sich die Leute um einen Film zu sehen und dabei die Livemusik eines Orchesters zu erleben. Oft gab es für einen Film auch mehrere musikalische Kompositionen, so dass man ihn aufgrund der musikalischen Untermalung durchaus unterschiedlich erleben konnte. Der Besuch eines solchen Kinos war also eng verbunden mit einer Liveerfahrung, die mit der in einem Theater oder einer Oper zu vergleichen ist. Mit der Einführung des Tonfilmes war dies nicht mehr gegeben.

„Der erste Eindruck ist niederdrückend. Da der Lautsprecher hinter der Leinwand angebracht ist, kommen die Stimmen immer vom gleichen Punkt her. (…) So wohnt man einem skurrilen Lustspiel bei, dessen Personen mit dem Mund Worte formen, denen ein geheimnisvoller, bauchredender Chorführer   tief aus dem Innern der Leinwand Ton gibt. (…) Sobald die Schauspieler zu sprechen aufhören, wird es wieder lebendiger, so dass man sich schließlich fragt, ob die Stimme dem filmischen Ausdruck nicht mehr schadet als nützt.“

Diese Äußerung stammt von Regisseur René Clair, dessen „Kritische Notizen zur Entwicklungsgeschichte des Films 1920-1950“ zusammengefasst in einem Buch veröffentlicht wurden. Man kann gut sehen, dass gerade von vielen Filmemachern die ersten Tonfilme zunächst einmal eher kritisch betrachtet wurden. Dafür sprechen sicherlich auch die zahlreichen Plakate, die zur damaligen Zeit angefertigt wurden und an die Menschen appellieren, den Stummfilm zu unterstützen (siehe Bild). Im Tonfilm sahen viele Künstler zunächst einmal den Untergang der filmischen Kunst.

Die technische Erweiterung führte in der Tat zunächst einmal nicht unbedingt zu besseren Filmen: Während sehr gute Stummfilme produziert wurden, war die Technik des Tonfilmes noch ganz in den Anfängen. Es musste noch viel experimentiert werden, um beispielsweise sein Potential, sehr viel realistischer zu sein als der Stummfilm, voll auszuschöpfen. Dadurch, dass plötzlich Dialoge gezeigt werden konnten, wirkte die stark überzogene Gestik und Mimik der Schauspieler, die für den Stummfilm notwendig war, im Tonfilm eher seltsam. Auch die Technik an sich war erst noch in den Anfängen ihrer Entwicklung, was wie René Clair festhielt, dazu führte, dass es eher wirkte, als würden die Schauspieler von einem Bauchredner geführt.

Trotzdem fand der Umschwung von Stumm- auf Tonfilm plötzlich rasend schnell statt. Mit der Veröffentlichung des ersten sogenannten „Talkies“ von Alan Crosland, der den Namen „The Jazz Singer“ trug, wurde ein wahres Tonfilm-Fieber ausgelöst. In Deutschland wurden 1929 zunächst einmal die größten und repräsentativsten Kinos mit den nötigen Tonfilmanlagen ausgestattet, ab 1930 breitete sich dies aber überall in Deutschland, auch auf die kleineren Kinos, aus, so dass der Stummfilm immer weiter verdrängt wurde und schließlich ganz verschwand.

Hier ein kleiner Ausschnitt aus „The Jazz Singer“ von Alan Crosland aus dem Jahre 1927:

Doch nicht nur das große Interesse des Publikums sprach aus der Sicht der Filmemacher für die Umstellung vom Stumm- auf den Tonfilm: Entscheidend für die Wirkung eines Stummfilmes war oft auch das Kino, indem der Film gezeigt wurde: So gab es auf der einen Seite die großen Filmpaläste, in denen die Filmmusik von einem Orchester live gespielt wurde, und andererseits kleine Kinos für das einfache Volk, in denen es eine einfache Klavierbegleitung gab. Die Wirkung eines Filmes hing also ganz klar von seiner musikalischen Untermalung und somit seiner Spielstätte ab. Mit der Einführung des Tonfilmes veränderte sich dies: Der Fokus des Publikums lag nun viel mehr auf dem eigentlichen Film als auf dem Kino, in dem er gezeigt wurde.

Bis heute ist dies so geblieben: Das Kino ist Ort einer Massenveranstaltung geworden, man geht nicht mehr dorthin, weil man an diesem besonderen Ort eine Veranstaltung erleben, sondern weil man einen bestimmten Film sehen möchte. Und dennoch geht man dorthin. Gerade heute, in der Zeit der Digitalisierung und des Internets, in der es theoretisch problemlos möglich ist, sich die Filme kostenlos zu Hause anzusehen, besuchen trotzdem die Leute weiterhin die Kinos. Es ist scheinbar also doch immernoch das besondere Gefühl, extra an einen bestimmten Ort zu gehen um einen Film zu erleben, das die Menschen dorthin lockt.

Wer einmal in die Kinozeit der 20er Jahre zurückversetzt werden möchte, kann dies in einem der Themenkinos erleben, die es mittlerweile in jeder größeren Stadt gibt. So eröffnete beispielsweise in Köln die Residenz ASTOR Film Lounge, in der man neuere Filme in altem Ambiente genießen kann. Auf einen Orchestergraben muss man hier zwar verzichten, stattdessen wird man aber vom Portier mit einem kostenlosen Begrüßungsdrink empfangen, bekommt Häppchen serviert und sitzt in bequemen Sesseln mit verstellbarer Rückenlehne und Fußbank. Das Ganze ist auch noch durchaus bezahlbar und bietet die Möglichkeit auch in der heutigen Zeit das Kunstwerk Film mit den neuesten Dolby Surround- und 3D-Techniken in wunderbarer Umgebung zu genießen.

 

Quellenangaben:

– Flückiger, Barbara: Sound Design. Die virtuelle Klangwelt des Films. Marburg: Schüren Verlag 2002.

– Müller, Corinna: Vom Stummfilm zum Tonfilm. München: Wilhelm Fink Verlag 2003.

– Von Keitz, Ursula: Früher Film und späte Folgen. Marburg: Schüren Verlag 1998.

– Clair, René: Kino. Vom Stummfilm zum Tonfilm. München: Diogenes Verlag 1951.

– http://www.kinofenster.de/film-des-monats/aktueller-film-des-monats/vom-stummfilm-zum-tonfilm/