Kartographie des Sounds – Hat uns das Web nicht mehr zu sagen? (3/4)

Das Internet entwickelt sich rasant weiter – mehr Bilder, mehr Videos, mehr Vielfalt im Web 2.0. Doch eine mediale Form verstummt in den weiten Welten des Internets: Der Sound. Wie das Fernsehen früher sich vor dem Radio behaupten konnte, stellt sich auch der Sound in der visuell-überfluteten Welt des Internets hinten an. Aus diesem Grund machen wir eine  Bestandsaufnahme und zeichnen die Kartographie des Sounds im Netz nach – und klären ab, inwiefern der auditive Sinn im Netz vernachlässigt wird. Doch wir meckern nicht nur – im zweiten Teil unseres Artikels liefern wir Anreize und mögliche Alternativkonzepte!

In unseren ersten zwei Artikeln haben wir in den Grundzügen die Anwendungsbereiche – sowie Möglichkeiten des Sounds im Internet vorgestellt. Dabei sollte die Einteilung in Haupt- sowie Nebenprodukt in erster Instanz die Verwendung von Sound in Bezug auf seinen Wert für den jeweiligen Inhalt in einer vereinfachten Relation wiederspiegeln. Über die verschiedenen Anwendungsbereiche sollte zudem herausgestellt werden, welche expliziten Zwecke das Medium Sound in den digitalen Sphären einnimmt bzw. einnehmen kann. Mit Blick auf die Fülle der Anwendungsbereiche ist uns selbstverständlich bewusst, dass unsere Kartographie des Sounds letztlich nur eine vereinfachte Bestandsaufnahme darstellt. Dennoch lassen sich auf Grundlage dessen Entwicklungen aufzeigen, Annahmen stellen sowie grundlegende Problematiken erkennen – der Artikel soll deshalb abschließend mögliche Ansätze sowie Denkanstöße zu eben diesen Themen liefern.

Auch nach unserer ausgiebigen Recherche lässt sich konstatieren: das Internet wird vorrangig durch das Visuelle dominiert. Im folgenden sollen mögliche Ursachen aufgezeigt werden, welche die Etablierung dieses medial ungleichen Machtverhältnisses beschreiben. Prinzipiell lässt sich dieses Phänomen bereits anhand der banalen Tatsache erklären, dass die Rezeption des Mediums primär über unser Auge und die Steuerung über mechanische Eingabegeräte geschieht. Die Möglichkeit der Steuerung des Computers via Spracherkennung ist in den meisten Betriebssystemen integriert, von einer sinnhaften Anwendung im Alltag kann dabei jedoch nicht gesprochen werden. Denn ähnlich wie bei den aktuellen Versuchen der Etablierung einer Spracheingabe bei Smartphones, ist der technologische Entwicklungsstand noch zu gering, um eine ernsthafte Konkurrenz zur mechanischen Eingabe darstellen zu können.

Während der Monitor eine notwendige Schnittstelle zur Steuerung darstellt, handelt es sich beim Sound um etwas Optionales. Das Sound lediglich als Beiwerk zu verstehen ist, lässt sich auch auf die anfänglichen Strukturen im Internet zurückführen. Da die Bandbreite der Internetleitungen grundsätzlich noch sehr gering ausfiel und Sound aus technischer Sicht wesentlich mehr Datenmengen einnimmt als Text, verzichtete man zumeist komplett auf Sound. Erst im Laufe der Zeit erweiterten sich die Bandbreiten und es wurden einfache Möglichkeiten entwickelt, Sound auf verschiedenen Ebenen im Internet zu integrieren. Aus heutiger Sicht können also die technischen Gegebenheiten als restriktives Element nur noch in wenigen Belangen als Ursache für die Marginalisierung des Sounds erwähnt werden.

Das auf der Ebene der Gestaltung so selten auf Musik von bekannten Interpreten zurückgegriffen wird, kann auch auf die komplexe Rechtslage in Bezug auf die Nutzungsrechte innerhalb des Musikmarktes zurückgeführt werden. Auf der anderen Seite wird man beim täglichen Surfen durch zahlreiche Werbeeinblendungen von digitalen Störgeräuschen überschwemmt. Dieses unerwünschte Herausreißen des Nutzers aus dem digitalen Strom hat zur Folge, dass aufkommender Sound fast schon aus dem Reflex heraus als unerwünscht und störend empfunden wird.