Mit dem Körper hören – Wie Gehörlose Musik fühlen

Im Alltag sind wir den ganzen Tag von verschiedensten Geräuschen, Klängen und Rhythmen umgeben, die wir gar nicht mehr bewusst wahrnehmen. Oft verschmilzt alles zu einer undefinierbaren Geräuschkulisse. Neben vielen störenden Geräuschen wie dem Lärm der Autos, dem Stimmengewirr in der Bahn, der Sirene des Krankenwagens oder dem Klingeln des Handys gibt es auch angenehme Sounds wie das Lieblingslied im Radio oder die Musik allgemein. Musik verbindet Menschen auf der ganzen Welt. Doch viele sind vom Musikgenuss weitgehend ausgeschlossen, weil sie hörbehindert sind. Wie können diese Menschen ihr Leben möglichst normal gestalten und erleichtern? Welche Methoden haben sie entwickelt, trotz ihrer Gehörlosigkeit Musik „hören“ und sich musikalisch betätigen zu können?

Musik über den Körper aufnehmen                                                                        

Sprache, Geräusche und Musik bilden die Welt des Hörens. Bei gesunden Menschen funktionieren diese drei Bereiche gemeinsam. Da Gehörlose ihre Ohren nicht wie gesunde Menschen nutzen können, sind die anderen Sinnesorgane, vor allem das Sehen und Tasten, stärker und feiner ausgeprägt. Die Hörbehinderten nehmen Rhythmus und Klang der Musik auf eine andere Weise und bewusster wahr, da sie den kompletten Körper einsetzen. Der Körper, die Augen und das Fühlen ersetzen die Ohren. Gehörlose sind in der Lage, die Schwingungen der Musik zu spüren, zu visualisieren und zu fühlen. Wenn der Nachbar im Auto an der Ampel das Fenster offen hat und seine Bässe so laut sind, dass das eigene Auto bebt, spürt man die Vibrationen und Tonschwingungen im gesamten Körper. Solche Bewegungen erzeugen vor allem Schlag-und Rhythmusinstrumente. Sie fördern die Musikalität von Gehörlosen. Indem diese den Rhythmus gut fühlen, sind sie sogar in der Lage zu tanzen.           

Dieses Erlebnis hatte auch Tobias Kramer. In einem Interview verrät der gehörlose Tänzer: „Ich höre zwar keine Musik, aber ich spüre sie durch die Vibrationen. Je lauter die Musik ist, desto mehr spüre ich“. Die Leidenschaft für das Tanzen entdeckte Kramer bei seinem ersten Besuch in einer Diskothek. „Die Musik war so laut und das war das, was mir gefallen hat. Die Hörenden kamen und zeigten mir wie sie tanzen. Ich war begeistert und fand es toll“. 2010 stellte er beim Supertalent seine tänzerischen Fähigkeiten vor einem Millionenpublikum unter Beweis. Mit seinem Auftritt machte er allen Betroffenen Mut und zeigte, dass Gehörlosigkeit kein Handicap ist.               

Rhythmus ist Bewegung, Veränderung, Erneuerung und Wiederholung. Er bestimmt unser Zeitgefühl und hilft dabei, die Welt zu erfahren. „Musik wird von Menschen ganzheitlich wahrgenommen, nicht nur mit den Ohren“, sagt Prof. Dr. Jan Hemming, Leiter des Instituts für Musik an der Universität Kassel. „So nimmt jeder Mensch Töne auch als Vibrationen mit dem ganzen Körper wahr“.                                                                                                                              

Forscher der Universität Kassel haben Vorschläge gesammelt, durch die es hörbehinderten Menschen ermöglicht werden soll, Töne, Klänge und Harmonien in einem Museum erfahrbar zu machen. Die Studie ist im Auftrag des Kasseler Spohr Museums entstanden. Gehörlose können Musik zwar nicht hören, sie jedoch als so genannte „Fühlmusik“ wahrnehmen. Das bedeutet, dass sie in der Diskothek in der Lage sind, die laute Musik und die intensiven Bässe zu spüren, indem sie die Musik mit den Füßen und dem Bauch „begreifen“. Auch im Kasseler Spohr Museum gibt es eine so genannte „Fühlstation“, die es den Museumsbesuchern ermöglicht, die Schwingungen der Musik mit der Hand zu fühlen. Dabei überträgt ein Lautsprecher in tiefere Lagen versetzte Melodietöne auf eine Holzplatte, auf der die Schwingungen fühlbar werden. Einen besseren Effekt erzeugen jedoch Trommeln, da deren Membranen unterschiedlich straff gespannt werden. Professor Dr. Jan Hemming erklärt, dass auf diese Weise „sehr unterschiedliche Töne fühlbar gemacht werden, denn die verschiedenen Membranen beginnen bei ganz unterschiedlichen Tonhöhen zu schwingen“. Den Kasseler Forschern zufolge können Orchesteraufnahmen, bei denen nur der Taktstock und die Hände des Dirigenten zu erkennen sind, zeigen, wie gehörlose Menschen Musik mit den Augen wahrnehmen. Die Gesten stellen den Klang der Musik dar. Eine weitere Möglichkeit, Musik sichtbar zu machen, sei es, die Schwingungen der Musik mit Becken und anderen Gefäßen auf Wasser zu übertragen.

Gehörloser Umgang mit Musik                                                                                                            

Schwingungen und Vibration des Rhythmus erlebt auch die taube Britin Evelyn Glennie. Sie ist eine der besten Percussionistinnen der Welt und zeigt, dass auch Gehörlose Musik machen können. Anstatt die Töne zu hören, fühlt sie diese und setzt somit ihren Körper als Resonanzkörper ein. Um ihr Leben zu meistern, hat sie eine Methode entwickelt, mit der sie aus allen Alltagsgegenständen und Werkzeugen rhythmische Klänge erfahren kann. Glennie erklärt, dass die Gehörlosen in der Lage sind, einen Klang zu hören, weil sie den Ton länger fühlen als gesunde Menschen. Sie performt meistens barfuß, um mehr „hören“ und fühlen zu können. Dass selbst nahezu gehörlose Menschen musikalische Fähigkeiten besitzen, zeigen weitere Beispiele wie Ludwig van Beethoven, Bedrich Smetana oder Gabriel Fauré, die einen Großteil ihrer bedeutendsten Kompositionen im Stadium fortgeschrittener Hörbeeinträchtigung oder gar Taubheit hervorbrachten. Aktuelle prominente Hörgeschädigte sind neben Evelyn Glennie der britische Organist Paul Witthaker sowie die Musikerin und Tänzerin Sarah Neef.                                                                                                     

Möglicherweise haben Gehörlose durch ihr Schicksal ein anderes Verständnis davon, was Musik ausmacht, da sie keinen direkten Klang und keine Melodie wahrnehmen können. Ihr Musikverständnis ist reduziert auf den Rhythmus und die Vibration der Töne, an denen sie sich orientieren. Doch gehörlos heißt nicht auch gefühllos. Wie sagt man immer so schön? Musik hat etwas mit Gefühl zu tun und soll Emotionen auslösen. Demzufolge müssten Gehörlose den gesunden Musikern sogar voraus sein, da ihr Gefühlssinn stärker ausgeprägt ist als bei gesunden Menschen.

Seit 2004 gibt es in Köln den Jugendgebärdenchor St. Georg. In Leipzig begeistert ein Gebärdenchor bereits seit 1996 das Publikum. Dabei „singen“ die Gehörlosen mit ihren Händen rhythmische Gebärdenlieder im Bereich Gospel, Pop und Rock. Gesten, Mimik und Bewegung ermöglichen den „Gesang“, den das hörende Publikum als eine Art Tanz erlebt. Dabei ist der Körper im Gesamteinsatz, denn er transportiert die Stimmung und die Gefühle der Lieder. Nach Tia DeNora, Professorin für Musiksoziologie an der Universität Exeter, kann durch Musik nicht nur die Stimmung unterstützt und die Energie gesteigert werden, sondern sie ermöglicht auch, sich gehen zu lassen, in Erinnerungen zu schwelgen und sich zu konzentrieren.

Des Weiteren singt die finnische Rap-Gruppe „Signmark“ ihre Songs in Gebärden-und Lautsprache. Sie besteht aus dem gehörlosen Marko „Signmark“ Vuoriheimo und seinen beiden hörenden Mitrappern Kim „DJ Sulava“ Eiroma und Heka „Smoothbore“ Soini. Die Drei machen Musik für Gehörlose. Neben den Gebärden für Gehörlose gibt es ebenfalls Lautsprache für Hörende.

Und wie entstehen diese in Gebärden gefassten Lieder? Dafür übersetzen die Gehörlosen die Liedtexte in Gebärdensprache. Aufgrund der verschiedenen Dialekte wählen sie die schönsten und weitesten Gebärden aus, um sie ebenfalls gesunden Menschen zugänglich machen zu können. Da viele Begriffe zusammenhängend in einer Mimik oder Gebärde ausgedrückt und gezeigt werden, muss nicht jedes einzelne Wort übersetzt werden.

Gehörlosigkeit im Bereich der Sound Studies                                                        

Einige Ansätze und Theorien im Bereich der Sound Studies betrachten die Funktion des MP3-Players aus verschiedenen Sichtweisen. So ist der MP3 nach Bruno Latour eine Ergänzung zur Trommelfelltonwiedergabe. Die Schwingung der Membran könne imitiert und als Ergebnis der Nachahmung eingeführt werden. Sie modelliere den Prozess der Tonwahrnehmung. Telefone, Grammophone, Radios und Mikrofone reproduzieren die Schwingungen einer Membran nach dem Vorbild des Trommelfells im menschlichen Mittelohr.                                                                                                                                                  

Jonathan Sterne fasst unter Trommelfell-Technologie alle Geräte zusammen, die einen Ton in ein Signal verändern oder umgekehrt. MP3 sei die Ergänzung zur Trommelfell-Wiedergabe und habe eine interessante Beziehung zu anderen körperlichen Technologien der Kommunikation. MP3-Hören erfordere viele Körpertechniken, Dispositionen und Verhaltensweisen. Um Daten zu modifizieren, elektronische Signale und eventuelle Töne zu analysieren bevor sie in das Ohr des Hörers gelangen, nutze der MP3 den menschlichen Körper. Darüber hinaus entscheide er für seine Zuhörer, was sie zum Hören benötigten und gebe ihnen ausschließlich das. Der Körper, das Gehirn und die Ohren der Zuhörer tragen eine Art Überschussaktivität, mit der sie den Prozess des Hörens ermöglichen.

Erhöhen nun Medien, die in irgendeiner Art und Weise mit Audio zu tun haben, das Risiko, gehörlos zu werden? Medienhistoriker wie beispielsweise Friedrich Kittler haben in ihren Arbeiten darauf hingewiesen, dass es oft Verbindungen zwischen den Erfindern von Medientechnologien und körperlichen Beeinträchtigungen gegeben hat. So war Alexander Graham Bell, der Erfinder des Telefons, Taubstummenlehrer und Thomas Edison, der Erfinder des Phonographen, fast taub. 

Gehörlos und trotzdem normal hören?                                                                                          

Trotz einer verminderten Hörfähigkeit können Schwerhörige und Gehörlose Sprache, Geräusche und Klänge mit Hilfe des Ohres wahrnehmen. Hörgeräte können die Fähigkeit des Hörens verstärken. Durch sie nehmen die Hörbehinderten die Musik als „Hörmusik“ wahr. Aber auch die Visualisierung der Musik kann man mit Hilfe der Technik verwirklichen. So kann Stroboskoplicht unterschiedlich starke Schwingen von Saiten sichtbar machen. Programme wie das so genannte „Audiosurf“ setzen Töne in Farben um. Dabei wird die Dramatik des Computerspiels visuell dargestellt. So spiegeln beispielsweise farbige Blöcke den Takt der Musik wider oder die Geschwindigkeit des Musikstücks wird durch die Topografie der Strecke vermittelt. Die neuen Medien spielen im Alltag von Gehörlosen eine große Rolle, denn sie ermöglichen es, Inhalte und Nachrichten für Hörbehinderte zu vermitteln. Dies ist auf unterschiedliche Weise möglich.                                                                                                                                                                                                       

Zum einen gibt es in Deutschland das Portal „Taubenschlag“, welches sich an Schwerhörige und Gehörlose richtet. Es bietet Betroffenen vielerlei Möglichkeiten, sich über Aktuelles rund um die Themen Hörschädigung, Gehörlosigkeit, Gebärdensprache und Kultur der Gehörlosen zu informieren. Diese Neuigkeiten werden vermittelt mit Hilfe von Blogs, Foren, Nachrichten für gehörlose Kinder, einem Adressenverzeichnis von Verbänden und Einrichtungen, einem Veranstaltungskalender, Fernsehtipps und Kontaktanzeigen.                                                             

Zum anderen ist Fernsehen ein wichtiges visuelles Medium, das den Gehörlosen die Möglichkeit bietet, am kulturellen und politischen Geschehen teilzuhaben und sich über Neuigkeiten in der Welt zu informieren. Neben der Sendung „Sehen statt Hören“ im Bayerischen Rundfunk gibt es auch ein Wochenmagazin für Hörgeschädigte. Jedoch ermöglichen in Deutschland nur die öffentlich-rechtlichen Sender und Pro7 Fernsehen für Gehörlose. Dabei werden die akustischen Informationen visualisiert und der Ton somit substituiert. Zusätzlich gibt es Gebärdensprachdolmetscher, die das Gesagte in Gebärdensprache übersetzen. In den USA sind auf Youtube 6.100 Videos in der so genannten American Sign Language (ASL) veröffentlicht, die dominierende Gebärdensprache in Nordamerika, den Ländern der Karibik und Afrika. In Deutschland wünschen sich 75% der Gehörlosen mehr Sendungen dieser Art, in der ein gehörloser Moderator tätig ist wie es beim Bayerischen Rundfunk der Fall ist.                                                                                                                                                                     

Darüber hinaus ermöglicht das Bildtelefon den Gehörlosen, in ihrer Gebärdensprache über das Telefonnetz zu kommunizieren. SMS und E-Mail bieten ebenfalls die Möglichkeit, sich in Schrift zu verständigen. Zudem eröffnet das Internet den Gehörlosen eine Vielzahl an Informationsmöglichkeiten. So ersetzen Chats und Webcams die Telekommunikation vom Telefonnetz.

Somit mögen die bereits vorhandenen medialen Angebote für Gehörlose und Schwerhörige einen positiven Beitrag zu einer „normalen“ Lebensführung leisten. Ebenso zeigen die prominenten Beispiele, dass es sogar möglich ist, sich musikalisch zu beteiligen. Dennoch sind die Möglichkeiten, betroffene Menschen zu unterstützen im Zeitalter der Medien und des Fortschritts sicherlich noch nicht ausgeschöpft. Folglich kann die Sicht auf die neuen Medien von zwei Seiten betrachtet werden. Einerseits können sie im Extremfall dazu beitragen, einen Hörschaden zu erhalten. Studien belegen, dass unter anderem der regelmäßige und dauerhafte Aufenthalt vor Musikboxen in einer Diskothek oder die dauerhafte Beschallung durch Kopfhörer eines MP3-Players das Risiko erhöhen, einen „Hörschaden“ zu erleiden. Auf der anderen Seite sind solche Technologien auch eine Chance für Gehörlose, sich am normalen Leben zu beteiligen. Letzten Endes ist es lobenswert, dass Gehörlose sich nicht aufgeben, sondern versuchen, sich so gut wie möglich in die Welt der Hörenden einzufinden. Durch ihren Lebensmut geben Menschen wie Glennie, Kramer oder „Signmark“ Kraft und Hoffnung auf ein relativ „normales“ Leben.

 

Quellen:

Deutsche TV-Shows:                                                                                                                                            

http://janette-woelwer.suite101.de/interview-mit-tobias-kramer–der-gehoerlose-taenzer-von-rtls-supe-a94083

Universität Kassel:                                                                                                                                         

http://www.uni-kassel.de/uni/en/universitaet/nachrichten/article/musik-fuer-hoerbehinderte-erfahrbar-machen-kasseler-forscher-legen-studie-zu-barrierefreiem-musikm.html

Internet für Kinderohren. Radio108:                                                                                                     

http://www.radio108komma8.de/index.php?refme=/wissen/radio_macher_a.php?act=35

Planet Wissen:                                                                                                                                           

http://www.planet-wissen.de/alltag_gesundheit/behinderungen/gehoerlos/percussionistin.jsp

Filmzentrale:                                                                                                                                             http://www.filmzentrale.com/rezis/touchthesoundbs.htm

Berufsbildungswerk Leipzig:                                                                                                                          http://www.bbw-leipzig.de/index.php?id=1729

Homepage „Signmark“:                                                                                                                                   

http://www.signmark.biz/site/en/home

Ministerium für auswärtige Angelegenheiten:

http://www.finnland.de/public/default.aspxcontentid=197474&nodeid=37052&contentlan=33&culture=de-DE

Portal für Gehörlose und Schwerhörige:                                                                   

http://www.taubenschlag.de/

Wochenmagazin für Hörgeschädigte:                                                 

http://www.br.de/fernsehen/bayerisches-fernsehen/sendungen/sehen-statt-hoeren/index.html  

Jonathan Sterne: The Mp3 as Cultural Artifact. In: New media & society Ed. 8 (2006), Nr. 5, S. 825-842.

 

Bildquellen:                                                                                                                                                                                                                             http://www.pflege-kurse.de/llehrer/658300A/Kurs_ohr_hoeren.jpg

http://www.google.de/imgres?q=schallwellen&um=1&hl=de&sa=N&biw=1366&bih=587&tbm=isch&tbnid=kchW_fvlZI1ZXM:&imgrefurl=http://www.vorlaeufer.de/schallschutz.php&docid=lyz0mVNb5Q_U4M&imgurl=http://www.vorlaeufer.de/img/schall.jpg&w=402&h=409&ei=kpEBUMPVLcfHsgbFku3VBg&zoom=1

http://www.kolping-steinbeck.de/Fotos/Musiknoten.jpg

http://s32.dawandastatic.com/Product/8751/8751998/big/1267821774-793.jpg

http://www.gowestband.de/notenschluessel.jpg

http://www.supplement.de/supplement/wahrn/hoeren/ohr1.gif