„Hör mir doch mal zu!“ – Über die Kunst des Zuhörens

Wir schauen täglich 220 Minuten Fernsehen, 187 Minuten hören wir Radio, sprechen circa 16000 Wörter pro Tag. Neben der Sprache ist Zuhören die Basis jeglicher zwischenmenschlicher Kommunikation. Der Satz „Das Wort gehört zur Hälfte dem, welcher spricht, und zur Hälfte dem, welcher hört.“ (Essais Montaigne) bringt die Bedeutung nochmals zum Ausdruck. Über einen Exkurs in die Medizin gelangen wir zu verschiedenen Situationen, in denen es auf das Zuhören ankommt. Man erfährt, wieso Zuhören so schwer fällt, aber auch wie wir zu besseren Zuhörern werden.

Zunächst die medizinische Antwort auf die Frage „Wie hören wir eigentlich?“. Das Ohr besteht aus dem Außen-, Mittel- und Innenohr. Über das Außenohr werden Schallwellen durch den Gehörgang bis an das Trommelfell geleitet. Das Mittelohr überträgt die Schallwellen an das Innenohr. Das Innenohr enthält die Hörschnecke. Darin befinden sich kleine Sinneszellen, die sogenannten Haarsinneszellen. Sie wandeln die mechanische Schallenergie in elektrische Erregungen um. Dies führt zu einer Auslösung von Nervenimpulsen an den Hörnervenfasern, so dass die Schallinformation (Sprache, Geräusche, Musik etc.) in codierter Form über die Hörnerven und die Hörbahn weitergeleitet und verarbeitet wird. Die bewusste Wahrnehmung erfolgt in den Hörzentren der Großhirnrinde.

Das Gehör bildet für uns Menschen neben der Sprache die Grundlage im Hinblick auf interpersonelle Kommunikation. Deshalb stellen uns Hörstörungen vor große Probleme. Besonders schwere Störungen können bei Kindern u.a. Sprachentwicklungsverzögerungen und Kommunikationsbehinderungen sowie Einschränkungen der kognitiven und intellektuellen Entwicklung mit sich bringen. Nicht therapierte Hörstörungen führen jedoch auch im Erwachsenenalter zu Einschränkungen, die psychosoziale Probleme, soziale Isolationen oder Berufsunfähigkeit zur Folge haben. Doch wieso fällt uns Zuhören so schwer? Selektive Wahrnehmung heißt das Phänomen. Was negativ klingt, basiert auf der Fähigkeit des Gehirns, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Ohne diesen Schutzmechanismus würden wir die tägliche Informationsfülle nicht verarbeiten können.

Selektive Wahrnehmung basiert meistens schlicht darauf, dass wir nicht genau zuhören. Noch während der Andere redet, haben wir bereits Schlüsse gezogen und sind gedanklich schon weiter. Dabei steigert Zuhören die Leistungsfähigkeit des Gehirns. Es funktioniert wie eine Batterie, die sich durch elektro-neurale Reize auflädt. Giselher Guttmann (Neurologe an der Universität Wien) beobachtete, dass Gehirnströme – kleinste Schwankungen – von bis zu 30 millionstel Volt die Leistungsfähigkeit beeinflussen. Töne, Klänge und Geräusche senden ihr elektrisches Potential teilweise bis ins Kleinhirn, indem Körperbewegungen und Gleichgewichtssinn kontrolliert werden. Von dort aus wandern sie in das limbische System, das wiederum Emotionen und die Ausschüttung von Hormonen sowie anderer biochemischer Stoffe steuert. Zuhören kann demzufolge den gesamten Körper beeinflussen.
Es ist sogar so bedeutsam, dass es in Frankfurt die Stiftung Zuhören gibt. Sie wurde vom Bayrischen und Hessischen Rundfunk, örtlichen Landesmedien sowie weiteren Partnern gegründet. Ziel ist es, zu sensibilisieren. Die Fähigkeit des Zuhörens sei nicht selbstverständlich, sondern müsse gelehrt und gelernt werden. Aus diesem Grund wird schon bei Kindern die akustische Wahrnehmung durch Spiele und Spaziergänge geschult.

Zuhören hat ein Prestigeproblem. Unsere gegenwärtige Gesprächskultur ist auf Reden ausgerichtet. Egal ob im Meeting, in einer Polit-Talkshow oder in Assessment Centern: ein guter Eindruck entsteht nach unserem Verständnis durch einen hohen Redeanteil. Wer zuhört, gilt als passiv und zeigt einen Mangel an Durchsetzungskraft. Dabei gehört Zuhören in vielen Berufen zu den Schlüsselqualifikationen. Für Ärzte, Psychologen, Pädagogen und sonstige Berater nimmt Zuhören eine wichtige Rolle in der Berufspraxis ein. Mittlerweile existiert ein breites Angebot für Kommunikationstrainings. Ärzte lernen in Weiterbildungen „effektives Informieren“ und „aktives Zuhören“. Die angehenden Fachärzte üben in Rollenspielen, den Patienten mindestens eine Minute reden zu lassen. Dabei studieren sie die Körpersprache, um anschließend das Gesagte in eigenen Worten zu wiederholen. Der Soziologe Martin Beyer (Institut für Allgemeinmedizin in Kiel) bringt die Entscheidung, Kommunikation in der Medizin zu thematisieren auf den Punkt: „Im Medizinstudium wird das Thema Kommunikation kaum vermittelt und in der Weiterbildung ist es bislang auch zu kurz gekommen. Deshalb haben wir es als eigene Kurseinheit aufgenommen.“

Doch auch in jedem anderen Beruf gilt: Wer den Mitarbeitern, Kollegen und Kunden nicht richtig zuhört, riskiert Missverständnisse! Wer zwischen den Zeilen lesen kann und die gesamten Gesprächssituation Aufmerksamkeit schenkt, antwortet adäquat. Nur so reagiert man angemessen mittels Rhetorik, Stimmeinsatz, Mimik und Gestik. Klingt einfach, jedoch eignen sich beispielsweise Führungskräfte diese Fähigkeiten ebenso in speziellen Kommunikationsseminaren an.
Der erste Blick verrät nicht, ob jemand aufmerksam zuhört. Im Gegenteil: Sätze wie „Ich verstehe“ oder „Ich bin derselben Meinung“ dienen dazu, das Gegenüber zum schweigen zu bringen, sagt Christian-Rainer Weisbach (Professor für Kommunikationspsycholgie der Universität Tübingen). Er sieht dies als Ursache des klassischen „Aneinander vorbei-Redens“. Ein aufmerksamer Zuhörer schweigt, wiederholt das Gesagte in seinen Worten, um Missverständnisse zu vermeiden und hält dabei stets Blickkontakt.

Der nächste Schritt – die eigentliche hohe Kunst des Zuhörens – besteht darin, neben den Inhalten des Gesprächs die Emotionen des Gesprächspartners zu erfassen. Die Grundvoraussetzungen sind Einfühlungsvermögen und Offenheit. Entscheidend ist außerdem die Haltung, mit der man an ein Gespräch herangeht. Man neigt dazu, Tatsachen, die jener Haltung nicht entsprechen, herauszufiltern. Müssen wir aus diesem Grund alle an Kommunikationsseminaren teilnehmen? Natürlich nicht, deshalb folgen noch die Tipps, wie wir zu besseren Zuhörern werden.

Man kann nicht zuhören und zur selben Zeit reden, deshalb sollten wir öfter schweigen und den Anderen aussprechen lassen. Wichtig dabei ist es, sich zu entspannen und so die Umgebung positiv zu stimmen, in dem man auf die eigene Gestik und Mimik achtet. Diese Faktoren haben Einfluss auf den Gesprächspartner und die Umwelt. Zuhören wird zu einer aktiven Strategie, indem man durch Fragen auf das Gesagte eingeht. Diese sollten in eigenen Worten wiedergegeben werden, um Unklarheiten zu beseitigen. Der Zuhörer erhält die Möglichkeit, die Emotionen und Motive des Gesprächspartners zu fahren. Zuhören ist also geprägt von Empathie und emotionaler Intelligenz. Besonders hilfreich für das aktive Zuhören ist der ständige Blickkontakt. So kann die Körpersprache des Gegenübers erfasst und gedeutet werden. Ein Fußwippen unter dem Tisch deutet auf Nervosität hin. Ein absolutes Tabu ist jedoch Dazwischenreden. Dazu zählt auch, Sätze zu vervollständigen. Gute Zuhörer halten Stille aus. Diese Pausen sollte man nutzen, beispielsweise das Gesagte zu verarbeiten und darüber nachzudenken. Dies wirkt sich positiv auf die Antwort aus. Grundsätzlich gilt: Immer länger Zuhören als reden! Menschen, die während einer Konversation weniger Redezeit als Ihr Gegenüber beanspruchen, werden als bessere und intelligentere Gesprächspartner wahrgenommen. Merke: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.

http://de.statista.com/statistik/daten/studie/164504/umfrage/taegliche-nutzungsdauer-von-medien-in-deutschland/

http://www.stern.de/wissen/mensch/neue-studie-maenner-und-frauen-reden-gleich-viel-592520.html

http://hno.uk-koeln.de/klinik/hoerzentrum/audiologie/hoervorgang

http://karrierebibel.de/lauschangriff-8-tipps-fur-besseres-zuhoren/

http://www.zuhoeren.de

FAZ.NET, Rubrik: Wissenschaft, „Karrieresprung“, 9.1.2004

http://www.aerzteblatt.de/archiv/27838