Musik: Medium der Emotionsvermittlung?

©Gesa Sörensen‘

Wer kennt das nicht: Wir hören eine Melodie und spüren, wie sie unsere Emotionen anspricht. Wir werden traurig, sind getröstet oder fühlen uns auf einmal ganz beschwingt. Manchmal löst die Musik sogar körperlich Reaktionen aus: Menschen fangen an zu weinen oder zu lachen. Das kann ein Popsong oder ein klassisches Musikstück sein, welches wir unterwegs auf dem Mp3 Player, auf einem Konzert oder ganz entspannt zu Hause auf der Musikanlage hören.

Doch was bringt uns dazu, so zu reagieren? Warum sprechen einige Stücke unsere Emotionen mehr an als andere? Und vor allem: Ist unsere Reaktion ausschließlich auf Vorgänge in uns selbst zurückzuführen, weil das Musikstück uns zum Beispiel an etwas erinnert? Oder gibt es Strukturen in der Musik, die bestimmte Emotionen in uns auslösen können? Der folgende Beitrag beschäftigt sich deshalb vorrangig mit der Frage, wie Musik als Medium durch technische Mittel bzw. musikalische Strukturen (z.B. Rhythmus, Tonhöhe oder Lautstärke) eine vom Komponisten oder Interpreten initiierte emotionale Botschaft übermitteln kann, die nicht allein von den subjektiven Empfindungen und Einstellungen des Empfängers abhängt. Durch welche musikalischen Strukturen können Emotionen hervorgerufen werden? Und kann die Art der Emotion (wie Trauer oder Freude) durch die verwendeten Mittel „bestimmt“ werden?

Bevor man sich näher mit der Frage befasst, wodurch Musik unsere Emotionen beeinflussen kann, sollte geklärt werden, was Emotionen überhaupt sind. Nach einer weitverbreiteten Definition ist eine Emotion „ein komplexes Gefüge von Interaktionen zwischen subjektiven und objektiven Faktoren, das durch neuronale Systeme vermittelt wird.“ (Kleinginna & Kleinginna, 1981, zitiert in Sloboda & Juslin, S. 75)
Dabei sind Emotionen nicht nur Abstufungen des Angenehmen oder Unangenehmen, welche mit unterschiedlichen Wahrnehmungen und Erfahrungen belegt sind. Jüngere Forschungen legen einen modulartigen Aufbau von Emotionen nahe. Sie sind für die kognitive Bewertung von Ereignissen, das Auslösen von körperlichen Reaktionen in Verbindung mit subjektiven Erfahrungen sowie das darauf folgende Ausführen von Handlungen und das expressive Verhalten zuständig.

Die emotionale Gefühlsverarbeitung mittels Musik wird durch verschiedene Modelle erklärt. Das einfache Kommunikationsmodell versteht die Musik als Medium, über welches dem Empfänger (Interpret oder externer Hörer) von einem Sender (Komponist oder Interpret) eine Nachricht (emotionale Ausdrucksabsicht) vermittelt werden soll. Dieses Modell setzt das emotionale Verständnis des Empfängers voraus und schreibt ihm bestimmte Empfindungen von Emotionen zu. Musik dient hier zur Codierung und Decodierung emotionaler Bedeutung.

Das Zwei-Komponenten-Modell nach Balkwill und Thompson betrachtet die durch Musik hervorgerufenen emotionalen Reaktionen zum einen durch psychophysische Prozesse der allgemeinen Reizverarbeitung. Das bedeutet, dass beispielsweise ein schnelles Tempo oder eine helle Klangfarbe kulturunabhängig als positiv bewertet werden, eine starke Erregtheit hervorrufen und mit „Freude“ assoziiert werden. Andererseits wird hier auch die kulturabhängige Komponente betrachtet. So können Dinge wie die verwendete Tonskala, die Instrumentierung oder der Rezeptionskontext in verschiedenen Kulturkreisen unterschiedliche (emotionale) Wirkungen hervorrufen.

Veröffentlichungen zum Thema emotionale Wirkung von Musik betonen oft die Bedeutung der persönlichen Erfahrungen und subjektiven Einstellungen des Hörers auf das emotionale Erleben. Eine schöne oder traurige Erinnerung, verknüpft mit einer Melodie, wird beim erneuten Hören Emotionen wachrufen, die eng mit der erinnerten Situation verknüpft sind. Ein Beispiel dafür ist das „Darling, they’re playing our tune“-Phänomen, das vermutlich die meisten von uns kennen: Wir hören in einem besonderen Moment, z.B. in der ersten Verliebtheitsphase mit dem Partner, ein Musikstück und verbinden dieses nun unser Leben lang mit den damals erlebten Emotionen. Auch die momentane (emotionale) Stimmung einer Person wirkt sich auf ihr Musikerleben aus. So wird jemand, der gerade gedrückter Stimmung ist, eine traurige Melodie viel intensiver erleben, als eine glückliche Person.
Außerdem spielen kulturelle und historische Unterschiede eine Rolle für die emotionale Wahrnehmung von Musik.

Dennoch gibt es auch von der Einzelperson unabhängige Faktoren, die es dem Komponisten oder Interpreten ermöglichen, dem Hörer eine initiierte Botschaft zu vermitteln. Diese können, wie Balkwill und Thompson in ihrem Modell erläutern, auf allgemeine Reizverarbeitung zurückzuführen und somit „allgemeingültig“, oder durch kulturelle Lerneffekte geprägt sein.

Experimentelle Studien belegen, dass die Intensität der emotionalen Reaktion auf Musik im Laufe eines Stückes unterschiedlich hoch ist. An sogenannten Höhe- oder Ruhepunkten in einer Melodie wird Spannung erzeugt bzw. Entspannung hervorgerufen. Die musikalische Struktur des Stückes leitet die Erwartungen des Zuschauers (Erwartung, dass eine bestimmte Richtung auch beibehalten wird). Je mehr die Melodie diese Erwartungen erfüllt, desto höher die Entspannung. Wird sie dagegen nicht erfüllt, steigt der Grad der Spannung. Die meisten Kompositionssysteme nutzen eine mehr oder weniger hohe Distanz zu einem Punkt der größtmöglichen Stabilität. Bei Annäherung an diesen Punkt sinkt die Spannung, entfernt die musikalische Struktur sich von ihm, steigt sie. Diese Stabilität wird beispielsweise durch Rhythmus und Metrum (Hauptbetonungen gelten als stabil, schwache Betonungen als instabil) oder die Tonalität (Grundtöne sind stabil, Töne außerhalb der diatonischen Tonleiter sind instabil) erzeugt und zerstört. Das „emotionale System“ kann anhand dieser Merkmale berechnen, wie hoch der Grad der Übereinstimmung zwischen der Erwartung des Hörers und der tatsächlichen musikalischen Struktur ist.

Dennoch kann die formale Struktur der Musik, das Erzeugen von Spannung und Entspannung oder Überraschung und Bestätigung allein nicht das Hervorrufen von bestimmten Emotionen erklären. Dazu bedarf es einer Einschätzung der Bedeutung und Wichtigkeit des unterwarteten Ereignisses durch den Hörer. Neben den rein subjektiven Assoziationen, die bei jedem Menschen unterschiedlich sein können, gibt es auch allgemeinere Relationen zwischen musikalischer Struktur und Emotion. Diese ergeben sich meist aus einer Ähnlichkeit der Formmerkmale von Musik und Emotion bzw. nonverbalem Ausdruck der Emotion. Laute, schnelle Musik beispielsweise überschneidet sich in einigen Merkmalen mit einer anstrengenden und kraftraubenden Erfahrung, welche erwartungsgemäß mit einer energiegeladenen Emotion wie Aufregung, Wut oder Frustration einhergeht. Diese Überschneidungen von musikalischer Struktur und Emotionen sind für jeden offensichtlich, der mit ihnen vertraut ist und daher für musikalisch nicht versierte Personen genauso erkennbar wie für ausgebildete Musiker.

Es existieren verschiedene Methoden, um emotionale Reaktionen auf Musik zu messen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Emotionen schnell vergänglich sind. Messungen werden deshalb oft während des Musikhörens vorgenommen. Möglich ist auch, Probanden retrospektiv zu befragen.
Inhaltlich kann die emotionale Reaktion auf Musik auf vier verschiedene Arten gemessen werden:
Mit verbalen Kommentaren können Versuchspersonen frei beschreiben, welche Emotionen sie einem Stück zuschreiben oder welche Emotionen sie dabei erlebt haben. Durch solche Untersuchungen konnte festgestellt werden, dass Personen innerhalb derselben Kultur dieselben Emotionen mit bestimmten musikalischen Merkmalen verbinden. Trauer wird demnach mit einem langsamen Tempo, niedriger Tonhöhe, Moll und vielen Dissonanzen assoziiert. Bei diesem Verfahren wird vorrangig festgestellt, welche Emotionen die Versuchspersonen einem Musikstück zuschreiben und nicht unbedingt, welche Emotionen sie wirklich dabei fühlen.

Bei einem anderen Verfahren geben die Versuchspersonen durch nonverbale Antworten die Intensität ihrer Erfahrungen über eine Apparatur an, etwa durch das Zusammendrücken einer Zange um die erlebte Spannung auszudrücken. Durch direkte physiologische Messmethoden kann die Auswirkung von Musik auf diverse Körperfunktionen festgestellt werden. Gemessen wird zum Beispiel der Hautwiderstand oder die Puls- und Atemfrequenz. Leider lassen sich in den meisten Fällen nur schwer Zusammenhänge zwischen der Art und Intensität der körperlichen Reaktion und der Art und Intensität einer Emotion herstellen.

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, Probanden retrospektiv über physiologische Reaktionen auf starke Emotionen berichten zu lassen. Hier werden starke Erfahrungen mit Musik untersucht. Im Gegensatz zu der Methode der verbalen Kommentare wird hier nicht erfragt, welche Emotionen die Probanden mit einem gehörten Musikstück verbinden, sondern welche Emotionen sie tatsächlich (und in welchem Grad) erlebt haben. Verschiedene Studien messen beispielsweise die Intensität einer Emotion (ist die Emotionen stark oder schwach?), die gefühlte Emotion (ist die gefühlte Emotion positiv oder negativ?) oder den Grad der Angst, Freude, Traurigkeit oder Spannung.

Eines dieser Verfahren, das auch in neueren Untersuchungen öfter aufgegriffen wird, beschäftigt sich mit sogenannten Chills oder Thrills. Der Neuropsychologe Goldstein definiert einen Chill als „subtiles, nervöses Beben, hervorgerufen durch intensive Emotion oder Aufregung (wie Freude, Angst usw.), der ein leichtes Schaudern oder Kribbeln im ganzen Körper hervorruft.“ (Goldstein, 1980, zitiert in Schönberger, S. 27)

Da ein „Chill“ immer auch Ausdruck einer erlebten Emotion ist, und Musik oftmals diese Reaktion auslöst, ist er geeignet, emotionale Reaktionen auf Musik empirisch zu messen. Der Vorteil gegenüber anderen retrospektiven Berichten über physiologische Reaktionen liegt darin, dass das Erleben eines Chills gut erinnerbar ist und auch bestimmten Musikpassagen zugeordnet werden kann. Körperliche Reaktionen, die häufig mit einem Chill einhergehen, sind ein Schauer über den Rücken, Lachen, ein Kloß im Hals, Tränen und Gänsehaut. Untersuchungen ergaben, dass Chills beispielsweise bei Passagen mit folgenden Strukturmerkmalen auftreten: Appoggiaturas („Verzierungen“ in der Volks- oder Instrumentalmusik, einer oder mehrere Töne, die zwischen zwei Melodietöne eingeschoben werden), melodische oder harmonische Sequenzen sowie harmonische Abwärtsbewegungen durch Quintenzirkel zur Tonika lösen oft einen Chill aus, der mit Tränen einhergeht, plötzliche Harmoniewechseln dagegen begünstigen einen Chill mit Schauern.Oft werden diese chillauslösenden Passagen unterstützt von Gesang.

Klangbeispiel Chill „Tränen“:
Dritter Satz (Adagio) der zweiten Symphonie von Sergej Rachmaninov (Takte 1-6)

Klangbeispiel Chill „Schauer“:
Verklärte Nacht von Arnold Schönberg (Takt 228)

Solche Studien und Untersuchungen legen nahe, dass Musik tatsächlich in der Lage ist, durch ihre strukturellen Merkmale, eine vom Sender (Komponist, Interpret) initiierte emotionale Botschaft an den Hörer zu übermitteln, die zumindest teilweise von dessen individuellen Erfahrungen unabhängig ist. Obwohl die Forschung in diesem Bereich noch immer in den Kinderschuhen steckt, belegen zahlreiche Untersuchungen, dass sowohl die musikalische Struktur (wie ist ein Stück komponiert), als auch die musikalische Aufführungspraxis (wie spielt der Interpret das Stück)bestimmte emotionale Reaktionen bei ihrem Publikum hervorrufen können. Problematisch ist jedoch, dass nur selten bekannt ist, welche Emotionen ein Komponist mit seinem Musikstück wirklich ausdrücken wollte.

Zum nachlesen: Literatur

Bruhn, Herbert (Hrsg.) (2008): Musikpsychologie. Das neue Handbuch. Orig.-Ausg., Reinbek bei Hamburg, Rohwohlt-Taschenbuch-Verl.
Jourdain, Robert/Numberger, Markus/Müller, Heiko (2001): Das wohltemperierte Gehirn. Wie Musik im Kopf ensteht und wirkt, Heidelberg, Spektrum Akademischer Verlag.
Juslin, Patrick N./Sloboda, John A. (Hrsg.) (2001): Music and Emotion. Theory and research, Oxford, Oxford University Press.
Juslin, Patrick N./Sloboda, John A. (2005): Affektive Prozesse. Emotionale und ästhetische Aspekte musikalischen Verhaltens, in: Stoffer, Prof. Dr. Thomas H./ Oerter, Prof. Dr. Rolf (Hrsg.): Enzyklopädie der Psychologie. Allgemeine Musikpsychologie, Göttingen, Hogrefe Verlag für Psychologie, S.767-841).
Polt-Heinzl, Evelyne (2007): Kleine Weisheiten für Musikfreunde, Stuttgart, Reclam.
Schönberger, Jörg (2006): Musik und Emotion. Grundlagen. Forschung. Diskussion, Saarbrücken, VDM Verlag Dr. Müller.