Musik als Sozialisationsinstanz

Musik spielt im Leben vieler Menschen eine große Rolle. Bereits während der Kindheit und Jugend entwickeln sich Tendenzen in der Vorliebe für eine bestimmte Musikrichtung. Bereits in der Kindheit wird viel Musik konsumiert, sei es im Kindergarten beim gemeinsamen Singen, Zuhause beim Anhören von Kinderliedern auf CD oder aber auch beim Fernsehkonsum, z.B. durch Werbung oder Titellieder von Kinderserien. Auch durch das eigene Musizieren werden sowohl die Entwicklung als auch die individuellen Präferenzen beeinflusst. (Vgl. Hoffmann 2008: 155/156)

Jugendliche sind meist auf dem aktuellsten Stand, welche Künstler und Musikrichtungen im Moment angesagt sind. Die Beschäftigung mit der Musik dienst zum einen der reinen Unterhaltung und zum Ausdruck von Gefühlen. Zum anderen bedeutet die Auseinandersetzung mit Musik und deren Inhalten aber auch, sich mit der Gesellschaft und dem Erwachsenwerden zu beschäftigen. (Vgl. Ebenda) So werden auch Möglichkeiten deutlich, eigene Einstellungen und Meinungen zu entwickeln.

Im Jugendalter dient Musik sodann auch dazu, sich darüber mit anderen Jugendlichen auszutauschen. Dies alles dient einer Persönlichkeitsentwicklung, welche gewissermaßen eigenproduziert ist, da jedermann selbstverantwortlich handelt. (Vgl. Ebenda: 157) Das heißt, dass die präferierte Musik selbst ausgesucht wird, mitsamt ihren Inhalten und Kontexten. Beeinflussung findet dabei von Seiten der Peer-Groups oder Geschwistern statt.

Bei einer Vorliebe für Musik sind auch die Faktoren Selbstfindung und –positionierung von großer Bedeutung. (Vgl. Ebenda) So ist es wichtig, „sich selbst zu (er-)finden, ein Konzept bzw. Bild von sich selbst zu haben und auch ein persönliches Ideal als ‚Zielvorgabe‘ zu definieren.“ (Ebenda)

Durch die Kommunikation, Reflektion und die Erfahrungen über Medien findet soziales Handeln statt, welche für den persönlichen Reifungsprozess wichtig und prägend sein können. (Vgl. Ebenda: 158)

Dieser medienkulturelle Ansatz macht deutlich, dass die Nutzung von Medien die persönliche Entwicklung und damit die Herausbildung einer Identität beeinflussen kann.

„Somit sind Musik und jegliche mediale Angebote wie Filme, Videos, Werbung etc. als Reize und Impulse zu verstehen, denen über die Art und Weise der Nutzung individuell Sinn und Bedeutungen beigemessen werden können und die je nach Entwicklungskontext und Bedürfnislage alltagspraktisch (mit anderen Menschen) gelebt werden können. Medieninhalte werden demzufolge mit den eigenen Vorstellungen und Gedanken zusammengebracht und für die eigene Lebenspraxis angeeignet.“ (Ebenda: 159)

Die Identitätsentwicklung ist gerade im Jugendalter oft krisenbehaftet und nicht immer leicht. Vor allem aufgrund der Vielfalt an Sozialisationsmöglichkeiten ist der Weg für die eigene Entwicklung oft undurchsichtig und kompliziert.

Konzepte sind veränderbar und können verworfen werden, sodass sich die Jugendlichen für oder gegen Möglichkeiten und Angebote für die eigene Entwicklung entscheiden können. (Vgl. Ebenda: 160) Entscheidungen für mediale Angebote erfolgen daher bewusst und verbunden mit einem Nutzen. (Vgl. Ebenda: 161)

Die bewusste Wahl eines medialen Angebots kann beispielsweise über die Zugehörigkeit zu einem Freundeskreis entscheiden. Genauso gut kann über den Musikgeschmack Individualität zum Ausdruck gebracht werden, beispielsweise aufgrund ungewöhnlicher Vorlieben oder „die Nicht-Nutzung bestimmter Medien“. (Ebenda) Des Weiteren sagt der individuelle Musikgeschmack oftmals etwas über die eigenen Identität aus, sodass hier nicht nur von einer Selbstfindung, sondern auch von einer Selbstoffenbarung gesprochen werden kann. (Vgl. Ebenda)

Auf die Frage der JIM-Studie 2011 nach der Wichtigkeit der Medien in der Freizeit, antworteten 21% der Befragten, dass sie mit Freunden zusammen Musik auf dem Mp3-Player oder CD hören und 5% das Radio einschalten würden. (Vgl. JIM-Studie 2011) Demnach verbringt ¼ der Befragten die gemeinsame Freizeit mit Freunden, indem Musik konsumiert wird. Hingegen gaben lediglich 14% der Befragten (9% Musik von Mp3-Player/CD, 5% Radio) an, dass sie Musik konsumierten, wenn sie alleine sind. Dies zeigt, dass, zumindest im Jugendalter, der Musikkonsum eher eine Freizeitbeschäftigung unter Freunden ist und somit sicherlich auch als Sozialisationsinstanz betrachtet werden kann.

Freilich lässt die individuelle Wahl der Musik nur einige wenige Rückschlüsse auf das jeweilige Individuum zu. Bei näherer Betrachtung der Musikgruppen bzw. der Sänger und der Liedtexte, können jedoch Erkenntnisse bezogen werden. So kann die Musikwahl beispielsweise „typisch weiblich/typisch männlich“ sein, etwas über Liebesbeziehungen, politische Einstellungen, den eigenen Stil oder ein Lebenskonzept erzählen. Hinzu kommt, dass der Gefallen für Musikstücke immer auch in gewisser Weise bedeutet, sich mit dem jeweiligen Künstler auseinanderzusetzen. Das heißt, es geht nicht lediglich um die Musik an sich, sondern auch um das Aussehen, die Schönheit, die Coolness o.ä. eines Künstlers. (Vgl. Hoffmann 2008: 164) Die Selbstpräsentation der Künstler kann damit auch als Vorlage für die Jugendlichen gesehen werden, welche sich an der Lebenseinstellung, der sexuellen Orientierung, dem sozialen Engagement o.ä. orientieren können.

Musik stellt damit für Jugendliche eine Möglichkeit dar, sich zu „Körperkonzepten, Geschlechterrollen und sexuellen Orientierungen“ zu positionieren, aber auch, um eigene Meinungen zu entwickeln, beispielsweise wenn es um konfliktbeladene Liedtexte oder Bands geht. (Ebenda: 165) Diese Aneignung erfolgt über Empathie und Identifikation. Die vorgestellten Rollenbilder und Positionierungen werden ausgehandelt und können so geprüft, verglichen, übernommen oder abgelehnt werden. Dieses Austesten ist für eine individuelle Entwicklung sehr wichtig und schafft ein Bewusstsein für sich selbst. (Vgl. Ebenda)

Abschließend lässt sich festhalten, dass der Musikgeschmack von biographischer Relevanz ist und sich während der Jugend möglicherweise einige Male drastisch ändert, von da an aber mit kleinen Abweichungen praktisch unverändert bleibt. (Vgl. Ebenda: 170) „Wer einmal seine Stilrichtung gefunden hat, bleibt ihr auf lange Zeit verbunden. Es kommt neue Musik dazu, doch die alten Präferenzen werden nicht verworfen.“ (Ebenda)

Wirklich erklärbar ist dies nicht. Hoffmann unternimmt einen Erklärungsversuch und verweist dabei auf den krisenhaften Entwicklungsprozess von Jugendlichen gepaart mit einschneidenden Erfahrungen (beispielsweise das erste Verliebtsein, Urlaube mit Freunden o.ä.), welche im Erwachsenenalter durch das Lied wieder erinnerbar werden. (Vgl. Ebenda)

Letztlich ist festzustellen, dass Musik uns von klein auf begleitet und besonders im Jugendalter bei der Entwicklung einer Identität, der Selbstpositionierung und -findung eine große und bedeutsame Entwicklung spielt.

 

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Quellen:

  • Hoffmann, Dagmar (2008): „Lost in Music“ oder „Musik für eine andere Wirklichkeit“? Zur Sozialisation Jugendlicher mit Musik und Medien. In: Stefan Weinacht (Hg.): Wissenschaftliche Perspektiven auf Musik und Medien. Wiesbaden: VS, Verl. für Sozialwiss, S. 155–175.
  •  JIM-Studie 2011: Wichtigkeit der Medien in der Freizeit.  http://www.mpfs.de/fileadmin/JIM-pdf11/JIM11_14.pdf