In der Ruhe liegt die Kraft

Wer momentan durch Siegen läuft wird SIE schon entdeckt haben, denn SIE haben es sich an so ziemlich jeder Ecke „gemütlich“ gemacht. Mit SIE meine ich natürlich die unzähligen Baustellen! Auch ich hatte vor einigen Wochen einen Brief im Briefkasten, in dem ich informiert wurde, dass es in den nächsten 12(!) Wochen etwas lauter werden könnte. Die Anwohner sollen bitte für mögliche Unannehmlichkeiten Verständnis haben.

Doch wer schon einmal von einem Presslufthammer geweckt wurde, weiß vermutlich wie schwer das ist mit dem „Verständnis haben“. Also quält man sich aus dem Bett und hofft es hört bald wieder auf. Natürlich vergeblich! Nächster Tag – gleiche Uhrzeit – gleiches Spiel und das nun 12(!) Wochen lang.

Jede alltägliche Handlung wird von dem Baustellenlärm untermalt. Der Versuch sich auf den Text für die Universität zu konzentrieren scheitert. Anstatt zu verstehen, um was es geht, bekomme ich eher Kopfschmerzen von dem dröhnenden Geräusch. Also bleibt mir nur die Flucht aus der eigenen Wohnung, denn Lärm stört eindeutig die Aufnahmefähigkeit.

Als Lärm oder Krach werden Geräusche bezeichnet, die aufgrund ihrer Lautstärke auf die Umwelt störend, belastend und sogar gesundheitsschädigend wirken. Ganz genau gesagt ist Lärm jedoch Schall. Die Maßeinheit des Schallpegels nennt man Dezibel (dB). Der Straßenlärm weist ca. 70 dB auf, ein vorbeifahrende LKW ca. 90 dB, ein Presslufthammer bis zu 110 dB und in der Discos sind sogar 115 dB möglich.

Doch was kann man gegen Lärm tun? Ein allgemeines Gesetz zum Schutz vor Lärm gibt es nicht. Wäre vermutlich auch eine unlösbare Aufgabe, denn jeder Mensch definiert Krach anders. Für die einen können es bereits Kinder sein, die ausgelassen auf der Straße spielen oder Nachbarn, die den Bass laut aufdrehen. Aber auch Menschen die auf dem Land leben definieren Lärm wahrscheinlich ganz anders, als Menschen die in der Stadt wohnen. Das Empfinden was als störend und somit als Lärm empfunden wird, ist von Mensch zu Mensch verschieden und gleichzeitig vom Lebensraum abhängig.

Ein Weiteres, mich persönlich faszinierendes Phänomen ist, dass Menschen, die schon seit Jahren genau an einer Bahnstrecke wohnen, die Züge nicht mehr wahrnehmen. Dabei werden Verkehrs- und Schienenlärm, sowie Fluglärm, als besonders störend von den Deutschen eingestuft. Untersuchungen des Umweltbelastungsamt zu folge, ist knapp die Hälfte der Bevölkerung durch Straßen- und Schienenverkehr belastet. Was wiederum für 15,6% der Bevölkerung zu einem erhöhten Risiko für Herz- Kreislauferkrankungen führen kann.
Aber nicht nur die Deutschen sind Straßenlärm ausgesetzt. Im Gegenteil, wenn man beispielsweise an den Times Square in New York denket oder das folgende Video sieht, wird einem bewusst: Verkehrslärm betrifft die ganze Welt.

Die zweite besonders störende Lärmquelle sind Flugzeuge. In Deutschland gibt es 38 Flughäfen und 439 Flugplätze. Besonders Menschen die in der Nähe eines Flughafens leben, sind diesem Krach ausgesetzte. Alle anderen, die nur ein oder zwei Mal im Jahr am Flughafen sind, um in den Urlaub zu fliegen oder einen geliebten Menschen abzuholen, verbinden mit Flughäfen etwas Schönes und können den Streit um Fluglärm kaum nachvollziehen. T-Mobile hat beispielsweise eine Werbung in der Ankunftshalle vom Flughafen London Heathrow gedreht. Hier sieht man sehr deutlich welch positiven Erfahrungen und Erinnerungen viele Menschen mit einem Flughafen verbinden.

Aber es gibt auch eine andere Seite, vor allem für die Menschen, die Tag und Nacht dem Fluglärm ausgesetzt sind. Am 30. März 1971 ist in Deutschland das Gesetz zum Schutz gegen Fluglärm in Kraft getreten. Es regelt u.a. bauliche Nutzungsbeschränkungen, Schallschutz und Belästigungen durch Fluglärm in der Nähe von Flughäfen und Flugplätzen. Im Jahr 2007 wurde dieses Gesetzt noch einmal verändert, da der Flugverkehr in den letzten Jahren zugenommen hat.

Man kann zwischen zwei Schutzzonen unterscheiden. Als Schutzzone gelten diejenigen Gebiete, die durch Fluglärm hervorgerufene äquivalente Dauerschallpegel (LAeq), sowie bei der Nacht-Schutzzone, der fluglärmbedingte Maximalpegel (LAmax) übersteigt. Diser Wert kann aber auch aus dem Mittelwert der sechs verkehrsreichsten Monate des Prognosejahres bestimmt werden. Bei den Schutzzonen unterscheidet man zwischen zwei Tag-Schutzzonen und einer Nacht-Schutzzone. Am Tag liegen die Werte für die Tag-Schutzzone 1 bei 60 dB(A) und Tag-Schutzzone 2 bei 55 dB(A). Für die Nachtzone gelten folgende Werte 50 dB(A) beziehungsweise 6 mal 53 dB(A).

Da vor allem der Nachtflugbetrieb immer weiter ausgebaut wird, ist den betroffenen Anwohnern der Schutz der Nachtruhe besonders wichtig. Allein in Frankfurt gab es im Mai 2012 über 50 Sonderregelungen für Nachtflüge. Die Bundesvereinigung gegen Fluglärm nennt auf ihrer Homepage einig Forderungen an die Regierung zur Bekämpfung des Fluglärms. Sie betonen, dass ein nächtlicher Dauerschallpegel ab 50 dB(A) bereits zu Gesundheitsbeeinträchtigungen führen kann, denn für sie steht fest: Lärm macht krank!
Der Schall wird direkt vom Ohr wahrgenommen und hat eine aurale Wirkung. Darum hat die Beeinträchtigung des Schlafes einen besonders gravierenden Einfluss auf die Gesundheit. Eigentlich soll der menschliche Körper im Schlaf zur Ruhe kommen, geschieht dies nicht, kann das die Leistungsfähigkeit am Tag mindern. Sehr hohe Einzelschallpegel können bereits bei der Einwirkung von wenigen Minuten zu akuten Lärmtrauma führen. Dauerhaltige Lärmbelästigung kann dann sogar zu psychischen und körperlichen Beeinträchtigungen führen.

Ein Beispiel wie man dem Ohr ein paar Minuten Entspannung gönnen kann, findet man auf der Homepage www.laermmachtkrank.at. Dort sind „stille Örtchen“ in der Steiermark (Österreich) zu finden. Diese „stille Örtchen“ können ganz verschieden sein, sei es eine Sitzbank im Park oder eine Bibliothek – hauptsache das Ohr kommt an diesem Platz zur Ruhe. Wir kennen alle das alte Sprichwort: in der Ruhe liegt die Kraft! Aber auch dank der Erfindung von Ohropax kann unser Ohr manchmal für ein paar Minuten entspannen.

Diese Art der Entspannung hilft den Menschen, die in unmittelbarer Nähe eines Flughafens wohnen jedoch wahrscheinlich wenig. In München, Berlin und Frankfurt sollen beispielsweise die Flughäfen weiter ausgebaut werden. Aus diesem Grund haben sich in den letzten Jahren immer mehr Bürgerinitiativen gegen Fluglärm gebildet. Sie rufen zu gemeinsamen „Montags-Demonstrationen“ auf. Mit Tröten, Pfeifen und Plakaten wollen sie die Öffentlichkeit auf ihr Problem aufmerksam machen. Besonders medienwirksame Aktionen fanden im Mai und Juni 2012 in Frankfurt statt. Fluglärmgegner beschallten im Mai das Wohnhaus des ehemaligen hessischen Ministerpräsident Roland Koch (CDU) und im Juni das Wohnhaus von Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU). Dabei spielten sie sechsmal für 5 Minuten Fluglärm aus der Anflugschneise des Frankfurter Flughafens ab. Die Gegner fordern die Schließlung der neuen Landebahn, sowie ein Nachtflugverbot von 22 bis 6Uhr.

Sowohl dieser Bericht der Hessenschau, als auch die soeben beschriebene Aktion, verdeutlichen, dass hinter all dem auch ein wirtschaftlicher und politischer Aspekt steht. Es geht nicht einfach nur um Lärm im Allgemeinen, es geht vielmehr um politische und wirtschaftliche Interessen. Wie bei jedem Konflikt stehen sich auch hier zwei Seiten gegenüber, die unterschiedliche Interessen vertreten. Lärm ist also viel mehr als nur ein störendes Geräusch.

Und auch die Stadt Siegen möchte mit den ganzen Baustellen nur für ein schöneres Siegen sorgen. Die Projektidee „Siegen zu neuen Ufern“ plant u.a. die Sieg freizulegen oder die bauliche Trennung von Ober- und Unterstadt aufzulösen. Also dient all der Lärm dafür, die Lebensqualität in Siegen für die Bewohner zu erhöhen. Vielleicht sollte man deshalb doch ein wenig Lärm ertragen und immerhin gibt es hier ein Nacht-Arbeiteverbot für den Presslufthammer…