Musicals – Von der Bühne zum Film

Fast jeder kennt die Musicals „Cats“, „Das Phantom der Oper“ und „Tanz der Vampire“. Doch die Meinungen über das Musical gehen auseinander. Von vielen wird das Musical als „trivial“ bezeichnet, andere dagegen lieben die Geschichten, Tänze und Songs. „Die Rocky Horror Picture Show“ ist weltweit Kult geworden und zwar sowohl auf der Bühne als auch im Film. Doch es stellt sich die Frage, ob es Unterschiede zwischen diesen beiden Formen der Musicaldarbietung gibt? Geht die Ästhetik des Musicals durch eine  Filmadaption verloren? Dieser Artikel versucht die spezifische Stilistik beider Versionen zu untersuchen.

Was ist überhaupt ein Musical?

Ein Musical vereint die Künste Gesang, Tanz und Musik miteinander. Es ist auf Grund dieser Vereinigung ein „hybrides Ganzes“, dass Elemente des Dramas und der Operette enthält (Ziegenbalg 1994: 10). Wobei im Gegensatz zur Operette oder Oper, das primäre Ziel des Musicals das Entertainment ist (Jubin 1995: 4). Um dieses Ziel zu erfüllen kann das Musical unterschiedliche Ausprägungen wie Tragödie, Satire und Parodie aufweisen. Manche Autoren sehen in dem Musical ein Gesamtkunstwerk im Sinne Wagners, da die Totalität der Künste in keiner anderen Kunstform erreicht wird (Jubin 1995: 7).

Des Weiteren lässt sich das Musical in verschieden Subgenre unterteilen. Hierbei unterscheidet sich die Einteilung bei den Autoren, da sie sich zum Einen auf die klassische Periode des Musicals in den 30er und 40er Jahre beziehen und zum Anderen auch wirtschaftliche Faktoren mit bedenken.

So teilt Flügel (1997: 21ff) das Musical der 30er Jahre in drei Subgenre ein:

  • Backstage-Musical: ist ein Musical über sich selbst. Hier werden Geschichten der Darsteller hinter der Bühne erzählt
  • Operette: hier werden unwahrscheinliche Welten inszeniert, denn es wird keine „realistische“ Geschichte aufgeführt
  • Die Revue: hat eine handlungslose Abfolge musikalischer Auftritte und Sketche

Eine aktuelle Unterscheidung nimmt dagegen Jubin (1995: 8 ) vor, der die „Revue“ weg lässt und ein neues  Subgenre identifiziert:

  • Fairy Tale Musical: hier wird der Zuschauer in eine andere „unrealistische“ Welt entführt
  • Show Musical: ist ein Musical über sich selbst. Hier werden Geschichten der Darsteller hinter der Bühne erzählt
  • Folk Musical: befasst sich mit amerikanischen Geschichten und Mythen bezüglich der Landerschließung

Ziegenbalg (1994: 106f) unterteilt die Subgenres inhaltlich gröber und betrachtet zusätzlich noch wirtschaftliche Faktoren, wie die Exklusivrechte von Musicals:

  • Das klassische Musical: beinhaltet eine Liebesgeschichte und leichte Gesellschaftskritik. Humorvolle Momente sollten auch vorkommen (Bsp. „My faire Lady“)
  • Das märchenhafte-romantische Musical: hat eine Handlung die nicht für den Zuschauer mit dem eigenen Leben vergleichbar ist. Das Musical spielt in fantastischen und nicht realen Welten (Bsp. „Jesus Christ Superstar“)
  • Das „Muster“-Musical: wird nur von bestimmten Ensembles an festen Spielorten vorgeführt (Bsp.  „Starlight Express“)

Konzeption und Aufbau des Musicals

Die Besonderheit an Musicals ist, dass sie nicht als klassische (aristotelische) Dramen aufgebaut sind. Sie widersetzen sich der Spannungspyramide mit Exposition – Höhepunkt/Peripetie – Katastrophe/Schluss. Vielmehr sind die Akte diskontinuierlich und fragmentarisch miteinander verknüpft. Die Episoden sind daher konzeptionell gegliedert und müssen nicht unbedingt die nächste motivieren. Wodurch auch parallele Handlungsstränge mit eingearbeitet werden können (Kowalke 2002: 166). Anstatt von fünf klassischen Akten hat das Musical nur zwei Akte, die durch eine Pause getrennt werden.

Die Figuren des Musicals sollten schon in der Exposition archetypisch charakterisiert werden. Der Mittelpunkt des Stücks bilden oft Paare, die komplementär zueinander angelegt sind („Ying“ und „Yang“). Diese beiden Hälften eines ganzes sind zu beginn auf Grund von Rasse, Alter, Ansichten uvm. voneinander getrennt. Im Verlauf des Stücks finden diese beiden Charaktere zueinander. Hierbei ist anzumerken, dass das Paar nicht umbedingt eine Liebesbeziehung haben muss, denn es können z.B. auch Mutter-Tochter-Paare sein. Damit diese immer gleiche und vorhersehbare Handlung nicht eintönig wird, bedarf ist einer interessanten Charakterisierung der Figuren und eine spannende Nebenhandlung (Kowalke 2002: 167).

In der Exposition des ersten Aktes wird das Publikum auf die Zeit und den Ort eingestimmt. Hier werden die wichtigsten Charaktere und Songs eingeführt. Auch der Konflikt bzw. das Thema des Musicals wird schon zu Beginn thematisiert. Der Regisseur sollte bei der Konzeption drei kritische Momente berücksichtigen: 1. Ende des ersten Aktes (hier muss genug dramatische Stimmung erzeugt werden, damit die Zuschauer dem Ende der Pause entgegen fiebern), 2. Beginn des zweiten Aktes (hier muss die Aufmerksamkeit des Publikums zurück gewonnen werden) und 3. die letzten 15 Minuten (hier sollte das Musical mit einem atemraubenden Paukenschlag beendet werden) (Kowalke 2002: 169f).

Spezifika des Films und die sich daraus ergebenden Probleme für Musicaladaptionen

Der klassische Hollywood-Film sollte die wichtigen Elemente 1. untity, 2. continuity, 3. realism und 4. invisibility enthalten bzw. berücksichtigen. „Unity“ meint hierbei die Einheit aus Charakteren, Ort, Zeit und Handlung. Die „continuity“ bezeichnet den reibungslosen Ablauf kausal verknüpfter Ereignisketten. Der „realism“ wird nicht als empirischer Realismus definiert, denn es geht vielmehr um die Wahrscheinlichkeit bzw. Authentizität des Gezeigten. Es soll nicht in Konflikt mit den normalen Wahrnehmungsstrukturen geraten. Unter „invisibility“ wird das Vergessen der Leinwand (nach Bazin), also das völlige Eintauchen des Zuschauers im Film, verstanden.

Diese vier Elemente werden berücksichtigt, um die benötigte „Diegesis“ im Film zu erreichen. Als Diegese versteht man „the narratively implied spatiotemporal world of the actions and the charakters“ (Flügel 1997: 11f).

Genau hierin besteht aber das größte Problem bzw. Herausforderung für die Musicaladaptionen, denn die Gesangs- und Tanznummern brechen die Diegese. Damit „numbers“ (Gesang und Tanz) und  „narrative“ (Geschichte) zusammenfinden, benötigen sie eine „realistische“ Motivation. Die Lieder und Tänze sollten die Handlung nicht unterbrechen, sondern aus dem Geschehen erwachsen, die Figuren vertiefend charakterisieren und die jeweiligen Szenen kommentieren und zusammenfassen (Jubin 1995: 4f). Aber wie schafft man es, dass Charaktere aus einer „realistischen“ Motivation heraus anfangen zu singen und zu tanzen (Flügel 1997: 15f)?

Musicaladaptionen im Zeitverlauf

Genau diese Problematik der Motivation war schon zu Beginn der Filmmusicalzeit ein Hauptproblem des Genres. In den 30er und 40er Jahren führte der Boom der Musicals am Broadway dazu, dass einige Stücke verfilmt wurden. Allerdings wurden die Stücke nicht exakt kopiert, sondern es wurden eigene Songs für die Filme komponiert. Dies lag daran, dass die Filmstudios kein Geld für die Rechte an den Orginalsongs hatten. In den 50er Jahren änderte sich die Vorgehensweise der Studios und die Broadwaystücke wurden eins zu eins adaptiert (Jubin 1995: 31f). Hier fingen die Probleme des Filmmusicals an. Der Trend ging über zu realistischen Filmen und weg von der Künstlichkeit, die typisch für das Musical ist. Auf Grund der fehlenden „realistischen Motivation“ begann in den 50er Jahren der Abstieg des Filmmusicals (Jubin 1995: 33f). Die Adaption erfolgreicher Bühnenstücke war auch noch in den 60er Jahren üblich. Damit das Musical attraktiver für die Zuschauer wurde, setzten die großen Studios bekannte Stars wie z.B. Audrey Hepburn ein. Und auch dem Wunsch nach mehr Realismus gingen sie nach, indem die Stars mit ihren eigenen schwachen Stimmen gesungen haben (Jubin 1995: 35). Diese Versuche änderten jedoch nicht den Abstieg des Genres und somit auch nicht die großen Verluste. Die 70er Jahre brachten keine finanzielle Besserung, denn die Musicalfilme floppten bitterlich an den Kinokassen (Jubin 1995: 36f). So entwickelte sich eine neue Musicalform, das „Concept-Musical“ als eine Art Selbstreflexion der Branche. Die Besonderheit dieses Subgenres ist, dass keine typischen Gesangs- und Tanznummern vorkamen, sondern die Gesänge als Kommentar oder eine Art Monolog inszeniert wurde (Jubin 1995: 38f). Hierdurch konnte dem Musicalfilm eine neue „realistische“ Möglichkeit der Motivation gegeben werden. Allerdings gab es nicht viele Filme, die so inszeniert wurden, wodurch das Genre wieder auf einem Tiefpunkt war. Neuen Schwung kam durch den Engländer Andrew Loyd Weber, der große Erfolge in den 80er Jahren mit seinen Musicals „Cats“ und „Das Phantom der Oper“ erzielen konnte (Jubin 1995: 39f). So wurde wieder einmal versucht erfolgreiche Musicals für den Film zu adaptieren, doch oft scheiterte der Versuch wie z.B. bei „Evita“. In den 90er Jahren wurde das Filmmusical durch Walt Disney neu belebt (Jubin 1995: 40f).

Erfolgreiche Filmmusicals

Im Laufe der letzten 80 Jahre kämpfte die Filmindustrie immer wieder mit dem Problem der „realistischen Motivation“ und scheiterte immer wieder. Die Unterbrechung der Diegese störte die Zuschauer so sehr, dass sie die Filmmusicals als „albern“, „unrealistisch“ und „künstlich“ empfanden. Dennoch gibt es auch Filme die diese Problematik lösen konnten. Ein gelungenes Beispiel ist das Filmmusical „Der Zauberer von OZ“, bei dem die Figuren als natürlicher Ausdruck ihrer Gefühle gesungen haben (Hanisch 2002: 311). Oder aber „Cabaret“, dessen Filmlieder so erfolgreich waren, dass das Bühnenstück die Songs übernommen hat (Ziegenbalg 1994: 103). Auch die Zeichentrickfilme von Walt Disney waren solche Erfolge, dass sie sowohl Oskars ergatterten als auch als Bühnenmusical inszeniert wurden (Jubin 1994: 40f). Die Walt Disney Filme sind ein gelungenes Beispiel für erfolgreiche Filme, der nicht von Bühnenmusicals adaptiert wurden.

Es ist festzuhalten, dass die Spezifika des Musicals, nämlich die Einheit aus Gesang, Tanz und Musik, eine Adaption für den Film deutlich erschweren. Im Film bedarf es einer „realistischen Motivation“, um die Darsteller singen zu lassen. An diesem Problem scheiterten viele Regisseure über die letzten 80 Jahre. Erfolgreich waren Filmmusicals nur, wenn sie die Diegese nicht unterbrachen. Dies ist der Fall bei den Subgenres „Operette“ bzw. „Fairy Tale Musicals“ wie z.B. beim „Zauberer von OZ“, bei „Backstage-Musicals“ (Darsteller können auch hinter der Bühne als Selbstverständlichkeit singen) wie z.B. „Cabaret“ und Zeichentrickfilmen (die an sich auch keine realen Schauspieler haben) wie z.B. „König der Löwen“.

 

Quellen:

Jubin, Olaf (1995): Die unterschätzte Filmgattung – Aufbereitung und Rezeption des Hollywood Musicals in Deutschland. Bochum.

Flügel, Trixi Maraile (1997): Das Musical im Rahmen des klassischen Hollywood-Kinos. Alfeld/Leine.

Ziegenbalg, Ute (1994): Das internationale Musical. Herdecke.

Hanisch, Michael (2002): Das Ballspiel zwischen Broadway und Hollywood – Die Wege des Filmmusicals. In: Geraths, Armin/Schmidt, Christian Martin (Hrsg.) (2002): Musical. Das unterhaltende Genre. Laaber.

Kowalke, Kim H. (2002): Das Goldende Zeitalter des Musicals. In: Geraths, Armin/Schmidt, Christian Martin (Hrsg.) (2002): Musical. Das unterhaltende Genre. Laaber.