Sound der Angst

wikipedia.org © R Neil Marshman

Eine knarrende Tür, ein lautes Poltern, eine jaulende Kettensäge oder ein unheimliches Kinderlied. All das sind Sounds, die wir schon einmal in irgendeinem Horrorfilm gehört haben. Horrorfilme spielen mit unseren Ängsten und verschaffen uns im besten Fall eine Gänsehaut. Aber nicht nur die Handlung oder die Figuren, also alles, was wir visuell wahrnehmen, sondern auch die Geräusche und die Musik spielen dabei eine große Rolle. Sie ist wichtiger Bestandteil, um Angst in uns auszulösen und die Spannung aufrecht zu erhalten, aber das geschieht meistens ohne dass wir es wirklich merken. Doch welche Sounds machen uns überhaupt Angst und wie zeigt sie sich? Gibt es vielleicht bestimmte Sounds, die immer wieder verwendet werden?

Die Neue Musik und ihre Charakteristika

Die Musik ist für die psychische und emotionale Wirkung des Horrorfilms von zentraler Bedeutung. Die Art der Musik, die seit der berühmten Duschszene von Alfred Hitchcocks „Psycho“ (1960) vermehrt in Horrorfilmen verwendet wurde, nennt Frank Hentschel die Neue Musik. Ihre Produktion und Rezeption war zunächst auf einen kleinen Kreis von Intellektuellen beschränkt und galt deshalb als isoliert. In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre wurde sie von Komponisten wie Xenakis, Penderecki und Ligeti entwickelt und im Laufe der 1960er Jahre entfaltet. Charakteristisch und sogar konstitutiv sind für die Neue Musik Elemente wie Atonalität, Cluster, Dissonanzen, extreme Tonhöhen und –tiefen und Glissandi.

Zum Horrorfilm gehören Tabubrüche, psychische und körperliche Gewalt, Todesangst, Ekel, das Irrationale, das Übernatürliche und die Verkehrung von Ordnungen. Auch die Neue Musik besitzt derartige Elemente, denn auch sie durchbricht kulturelle Normen, indem sie sich kompositorischen Konventionen verweigert. Sie ist dissonant, atonal, kennt kein harmonisches System mehr, verzichtet auf Melodie und meistens auch auf regelmäßige Rhythmik. Die Gemeinsamkeit zwischen der Neuen Musik und dem Horrorfilm besteht demnach in der Durchbrechung von Normen und damit in der kulturellen Irritation.[1] Um dies zu verdeutlichen hier das Beispiel aus dem Film „Psycho“ (1960) von Alfred Hitchcock.

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Der Zuschauer hört am Anfang der Duschszene zunächst nur das prasselnde Wasser. Als der Duschvorhang zur Seite geschoben wird, setzen plötzlich die schrillen, sehr hohen und sich schnell wiederholenden Streicherklänge ein. Der Klang wirkt sehr verstörend und aufdringlich. Diese Klänge erinnern stilistisch an Schreie, während die Rhythmik die Bewegung von Messerstichen aufgreift. Auf der musikalischen sowie auf der Handlungsebene findet Vernichtung und Zerstörung statt. Für Hentschel explodiert die Musik und verwandelt sich in ein Geräusch.[2]

Musik im Horrorfilm kann auf verschiedene Weise auf den Zuschauer wirken. Sie kann beispielsweise zu körperlich unmittelbar spürbaren Erfahrungen führen. Die neue Musik erreicht dies, indem sie vor allem dissonante, schrille, aggressive und geräuschhafte, besonders hohe, besonders tiefe, außerordentlich laute oder leise Klänge verwendet. Schrille dissonante Klänge können zum Beispiel Schmerzen auslösen und brummende Basstöne können sich in der „Magenregion“ des Zuschauers bemerkbar machen. Die Musik kann aber genauso gut psychische Gewalt beim Zuschauer ausüben, die sich ebenso körperlich äußert in Zittern, weichen Knien, Adrenalinstößen und Schocklähmung.[3]

Geräusche

Der Sound des Horrors besteht aber nicht nur aus Musik, sondern auch aus Geräuschen. Sie kündigen das Grauen an oder eine Gefahr, die im Bild selbst noch nicht zu sehen ist. Meist sind sie dabei Bestandteil der Handlung selbst. Sie begleiten die Protagonisten und die Ereignisse des Schreckens. Lautes Hämmern kann zum Beispiel als Mittel des Psychoterrors eingesetzt werden. Was den Zuschauer besonders verunsichert sind Geräusche, deren Ursprung er nicht ausmachen kann. Er spürt die Anwesenheit des Unbekannten, dieses bleibt aber für ihn verborgen. Da unser Gehör als eines der wichtigsten Organe zur Wahrnehmung von Gefahr agiert, könnte man daher die tief anthropologisch verwurzelte Geräuschangst ableiten, die auch im Horrorfilm genutzt wird.[4] Als Beispiel nennt Hentschel den Film „The Blair Witch Project“ (1999). Dort hört man beispielsweise viele Geräusche in der Nacht, ohne zu wissen woher diese kommen und außerdem Geräusche, die man in einem tiefen Wald üblicherweise gar nicht hört, wie zum Beispiel Babygeschrei.

Unterschiedliche Geräusche haben auf den Zuschauer eine unterschiedliche Wirkung. Ein tiefes, leises Brummen zum Beispiel löst Beunruhigung und psychische Verunsicherung aus, Lärm dagegen kann psychischen und körperlichen Stress verursachen, besonders wenn man nicht weiß, woher der Lärm kommt. Die ständige Präsenz von Geräuschen während eines Horrorfilms lässt dem Zuschauer keine Ruhe und versetzt ihn in stetige Anspannung. Genauso gut können Geräusche die Fremdartigkeit oder Bedrohlichkeit des Anderen akustisch inszenieren. Zum Beispiel die fantastischen Laute eines Monsters, eine jaulende Kettensäge, die verfremdeten Vogellaute in „The Birds“ oder Atemlaute und Pulsschläge.[5]

Body Sounds

Atemlaute und Pulsschläge gehören zu den so genannten Body Sounds. Sie spielen eine zentrale Rolle in Horrorfilmen. Nach Hentschel beziehen sie ihre Wirkung in erster Linie aus ihrer Semantik. Ein lauter Schrei entwickelt seine expressive Wirkung eben nicht nur aus der Lautstärke, sondern ein Schrei signalisiert, dass sich ein Mensch in Not befindet. Zu den häufigsten Body Sounds gehört der Schlag eines Herzens. Man findet ihn besonders an Höhepunkten des Films oder in Szenen, in denen Körperlichkeit eine zentrale Bedeutung einnimmt. Nach Hentschel bedeutet die Hervorhebung von Körperlichkeit im Horrorfilm immer auch eine Hervorhebung von Verwundbarkeit. Das Lebendige sei verletzlich. Herz-, Pulsschlag und Atemlaute seien Symbole des Lebens, damit aber ebenso der Verwundbarkeit. Sie stehen für Todesangst und die Nähe des drohenden Todes. Herz- und Pulsschläge stellen Angst-, Aufregungs- und Stresszustände dar.[6]

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Weitere Body Sounds sind Stimmlaute wie Flüstern, Kichern oder Atmen. Das unheimliche an Lauten wie Flüstern oder Atmen ist, dass sie das Gefühl körperlicher Nähe evozieren, die im Horrorfilm als Bedrohung wahrgenommen wird. Die Geräusche suggerieren, dass etwas Böses oder Fremdes in direkter Reichweite ist, aber verborgen bleibt. „Die Unkörperlichkeit der Stimme vermittelt die Übernatürlichkeit ihrer Ursache, die die [Protagonisten] sogleich in eine unterlegene Position rückt, weil dem menschlichen Verstand das Irrationale und Übernatürliche verschlossen bleiben.“[7]

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Genauso unheimlich wirken Gekicher und Gelächter. Sie sind Laute des Psychoterrors und teilen die Überlegenheit des bedrohlichen Anderen auf direkte Weise mit. Hentschel erklärt dieses Phänomen damit, dass man Gelächter schnell auf sich selbst bezieht, sich ausgelacht und damit beobachtet fühlt.

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Unheimliche Melodien

Zu den unheimlichen Melodien, die in Horrorfilmen immer wieder aufgegriffen werden, gehören Kinderlieder, Spieluhren und religiöse Musik. Von ihnen geht eine besonders angsteinflößende Wirkung aus. Doch warum spielt zum Beispiel die geistliche Musik eine so wichtige Rolle? Für Hentschel gibt es dafür mehrere Gründe. Zum einen haben Angst, Gewalt, Bedrohung und das Unheimliche einen weit reichenden Eingang in die sprachliche und visuelle Welt des Christentums. Man denke nur an die schrecklichen Gemälde, die die Apokalypse darstellen und an den Teufel und seine Austreibung, die heute immer noch in Form von Exorzismus betrieben wird.

In die Erfahrung des Göttlichen mischen sich Angst und Bewunderung und Horror und Begeisterung. Für Hentschel haben Horror und Religion somit schlichtweg gemeinsame Momente. In der Religion erfährt man das rational nicht Begreifbare, das Geheimnisvolle, das Fremdartige und das Gefühl dem Übermächtigen ausgeliefert zu sein. Horrorfilme greifen auf Bilder, Stoffe oder Handlungsfragmente der christlichen Mythologie zurück und konfrontieren so das christlich aufgewachsene Publikum mit surrealen und fantastischen Inhalten, zu denen es eine Beziehung besitzt. Die christliche Religion wird zur gesellschaftlich verankerten Tür, die zum Surrealen und Übernatürlichen führt, um das es in Horrorfilmen ja geht.[8]

Orgelmusik, murmelnder Gesang, Glocken und lateinische Sprachfetzen wecken Assoziationen an Ritualmusik und schwarze Messen, die wir dann als unheimlich empfinden. Solche Elemente werden beispielsweise in Filmen wie der „Exorzist“ (1973) oder „Das Omen“ (1976) aufgegriffen. Melodien werden teilweise verkehrt und wirken unheimlich, weil Verkehrung ein etabliertes Symbol für satanische und antichristliche Bewegungen und Sekten darstellt.[9]

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Kinderlieder und Spieluhren

Kinder-, Wiegenlieder und Spieluhren können auf zweifache Weise im Horrorfilm wirken. Zum einen können sie die Unschuld von Kindern unterstreichen oder als Kontrast zu der Grausamkeit die von ihnen ausgeht dienen. Kinder gelten als der Inbegriff von Unschuld aber genauso gut können sie selbst grausam sein, wie man sprichwörtlich sagt. Kindern unterstellt man, dass sie nicht zwischen Gut und Böse unterscheiden können und somit über kein Unrechtbewusstsein verfügen. In ihren scheinbaren Grausamkeiten können sie deshalb trotzdem unschuldig wirken.

Wird in Horrorfilmen Gewalt gegenüber Kindern ausgeübt, wird dies als besonders schlimm erfahren. Das Bedürfnis Kinder zu beschützen ist im Menschen tief verwurzelt. Kinder-, Wiegenlieder und Spieluhren sind beliebte Symbole, um die kindliche Unschuld zu symbolisieren. Diese Melodien können dabei ein bekanntes Kinderlied sein, sich theamtisch auf Kinder beziehen, von Kindern gesungen werden oder eine einfache Melodik, Harmonik und Rhythmik besitzen. Eine Szene mit unschuldig spielenden Kindern und ein Kinderlied können eine bevorstehende Gefahr oder die Gewalt, die die Kinder erfahren werden, umso grausamer erscheinen lassen.[10] Als Beispiel nennt Hentschel den Film „The Birds“ (1963), bei dem Hitchcock in der Szene, die den Angriff der Vögel auf die Schulkinder vorbereitet, ein Kinderlied einsetzt, um den Kontrast zwischen den unschuldigen Opfern und den aggressiven Vögeln zu unterstreichen.

Ebenso unheimlich wirkt das Lied von Freddy Krueger in „A Nightmare on Elm Street“ (1984).

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Die kindliche und harmonische Melodie hat einen unheimlichen Text und taucht immer wieder auf. Dieser Kontrast verstärkt die drohende Gefahr umso mehr. Aber auch wenn die Grausamkeit oder das Unheimliche von den Kindern selbst ausgeht, kann ein Kinderlied im Horrorfilm als Konfrontation scheinbar kindlicher Unschuld mit kalter Morallosigkeit und Grausamkeit dienen.[11]
Spieluhren wecken ähnliche Intentionen wie Kinderlieder, daher treten sie oft in Kombination auf. Auch sie tragen auf der akustischen Ebene zur Darstellung des Kindlichen bei. Kinderlieder und Spieluhren werden nach Hentschel teilweise auch vom Bösen als Maske benutzt oder für die psychologische Folter eingesetzt.

Insgesamt kann man festhalten, dass ein Horrorfilm ohne Geräusche und Musik undenkbar wäre. Welche enorme Wirkung der Sound im Horrorfilm entfaltet, ist dem Zuschauer meist nicht bewusst. Der Sound begleitet die Handlung, markiert spannende Momente und bereitet auf den großen Schockmoment vor. Dabei kann er psychische, sowie physische Reaktionen beim Zuschauer auslösen. Ein Poltern kann uns einen Schock versetzen, Adrenalinstöße freisetzen, uns erzittern lassen oder „unser Herz bis zum Hals schlagen lassen“. Dabei gibt es zahlreiche Geräusche und Melodien, die in Horrorfilmen immer wieder auf unterschiedliche Weise aufgegriffen werden, wie zum Beispiel Herzschlagen, Lachen, Kinderlieder, Spieluhren, knarrende Türen usw. Sie alle sind Sounds, die uns Angst machen.

[1] Vgl. Hentschel, Frank: Töne der Angst. Die Musik im Horrorfilm. Berlin: Bertz + Fischer 2011. S. 34ff.

[2] Vgl. Ebd. S. 14.

[3] Vgl. Ebd. S. 44.

[4] Vgl. Ebd. S. 60.

[5] Vgl. Ebd. S. 60f.

[6] Vgl. Ebd. S. 79ff.

[7] Ebd. S. 85.

[8] Vgl. S. 145ff.

[9] Vgl. S. 150ff.

[10] Vgl. S. 182f.

[11] Vgl. S. 192.

Quellen:

Hentschel, Frank: Töne der Angst. Die Musik im Horrorfilm. Berlin: Bertz + Fischer 2011.

http://www.soundboard.com