Ein Walkman, ein Mixtape und ein Bleistift – wie drei Utensilien Musikgeschichte schrieben


Der Walkman – ein Teil eines neuen Lebensstils und das Kultobjekt einer Generation. Zusammen mit der MC (Music Cassette) ermöglichten sie es, Musik immer und überall zu hören. Dieses unschlagbare Team hat das Leben vieler Menschen verändert, bereichert und außerdem den Weg in eine neues Musikzeitalter geschaffen. Neben der Erfindung selbst spielt auch die kulturelle Entwicklung und die Bedeutung für den Alltag eine große Rolle.

Zur Entstehung des Walkman gibt es mehrere Mythen, die weit verbreitetste ist jedoch die Geschichte vom Sony-Mitbegründer Masaru Ibuka, der auf einer langweiligen Flugreise das Bedürfnis hatte, seine geliebten Kompositionen klassischer Musik zu hören. Durch diesen Wunsch soll der Walkman wenige Tage später entstanden sein, indem Mitarbeiter von Sony ein Abspiel- und Diktiergerät für Journalisten umgebaut haben.
So wurde der erste Walkman am 1. Juli 1979 verkauft, ein Jahr später war er schon auf dem restlichen Globus verbreitet und heiß begehrt, unter anderem auch, weil er im berühmten Teenagerfilm „La Boum“ vorkam. Er entwickelte sich zum wichtigen Statussymbol der Jugend und gab den Startschuss in einen neuen Lebensstil. Bis 2004 wurden vom Walkman etwa 335 Millionen Stück verkauft. Wichtig bei dieser Zahl ist jedoch, dass sich der Name Walkman nur auf die von Sony produzierten Geräte beschränkt, da der Name aber im deutschsprachigen Raum synonym mit anderen Abspielgeräten genutzt wird, waren die tatsächlichen Verkaufszahlen und Nutzer solcher Geräte weit höher. Im April 2010 wurde die Produktion der Sony Walkmen eingestellt.

Untrennbar vom Walkman ist die MC, die Music Cassette. Sie wurde schon 1963 eingeführt und wurde bereits jahrelang an größeren Abspielgeräten genutzt. Der Walkman hat die Nutzung der MC, aber auch den Musikkonsum generell revolutioniert, indem er es möglich machte, auch mobil seine Lieblingssongs zu hören. Es entstand eine eigene Kultur um dieses Objekt, das Unabhängigkeit von großen Geräten versprach. Man konnte nun einfach das Album seiner Lieblingsband in Kassettenform kaufen – oder aber – selbst ein Mixtape aufnehmen.

Mit einem Kassettenrekorder bzw. der Stereo-Anlage zu Hause konnte man seine eigene Playlist auf einer MC festhalten. Anstatt wie heutzutage einzelne Lieder digital zu kaufen und sie beliebig in wenigen Sekunden zusammenzustellen, steckte zur Walkman-Zeit viel mehr Arbeit dahinter. Man besaß zwar mehrere Stapel von Kassetten oder CDs, konnte sie aber nicht immer dabei haben, deswegen musste viel Zeit in die Entstehung der Mixtapes gesteckt werden. Zum einen musste man während der Aufnahme auch das komplette Lied hören oder zumindest abwarten, bis es vorbei war, da die Aufnahme in Echtzeit geschah. Weit verbreitet war es auch, Songs aus dem Radio auf die Kassette aufzunehmen. Dazu musste man aber warten, bis es gespielt wurde oder zumindest das Mixtape bereit zur Aufnahme im Rekorder haben.Die Folgen davon waren oft verspätete Einsätze, so wurde ein Lied zum Beispiel erst ab der dreißigsten Sekunde aufgenommen. Wenn die Kassette vor der Aufnahme nicht am richtigen Punkt gestoppt wurde, wurde ein anderes Lied überspielt.
Das größte Problem aber war wohl der gelegentlich aufkommende Bandsalat. Jeder, der Kassetten benutzt hat, kennt die Situation, in der die Musik stoppt – und bei Herausnehmen der Kassette ein Wirrwarr an Tonband aus der Kassette heraus guckt. In dieser Situation war etwas ganz alltägliches der Held des Tages: Der Bleistift. Ein ganz normaler Bleistift konnte durch seine bestimmte Form in die Löcher der Kassette gesteckt werden, durch Drehen des Stifts konnte man dann das Band wieder in die Kassette ziehen.

All diese kleinen Probleme hielten die Walkman- und Kassettengeneration aber nicht davon ab, ihre eigene Kultur um diese Utensilien zu schaffen. Was wir heute als zeitaufwändig und lästig empfinden, war früher oft ein Musikerlebnis. Die Jugend sah es als revolutionär an, als eine Art Kunstform und Ausdruck seiner eigenen Persönlichkeit. Das eigene Zimmer wurde so zum „Labor“, die CDs, MCs, und das Radio zu Reagenzgläsern. Selbst das Beschriften der Kassette und der Hülle war eine Kunstform. Wichtig war vor allem der richtige Stift, der wegen des begrenzten Platzes auf der Liste nicht zu dick sein durfte. Auch Zeichnungen zierten oft diese Liste. Man konnte so sein eigenes Cover für sein eigenes Mixtape erstellen. Auch als die CD schon alltäglich war, wurde dies noch praktiziert, da man anfangs noch nicht selbst CDs brennen konnte.

Eine alte Walkman-Werbung 

Wichtig bei den Walkmen waren natürlich auch die passenden Kopfhörer. Man konnte sich große, auffällige Kopfhörer kaufen, anstatt nur die drahtigen Gestelle zu benutzen, die standardmäßig zum Walkman gehörten. Die Walkmen selbst kamen auch in vielfältigen Formen, z.B. als Walkman „sport“ in gelb, der sogar wasserbeständig war. Das Statussymbol dieser Zeit faszinierte die Jugend. Fabrizio Moretti von der Band „The Strokes“ erzählt z.B. im Interview, dass er das Klicken beim Schließen des Walkmans für den absoluten Gipfel der Technologie hielt: „I would think: Oh my god, that clicks, that’s just fantastic“.

Auch wenn der Walkman, das Mixtape und der dazugehörige Bleistift abgelöst wurden, bleiben sie immer Kultobjekte und wecken schöne Erinnerungen an eine andere Form, Musik zu erleben. Der Discman und der heutige mp3-Player haben es zwar geschafft, Playlisterstellung einfacher zu machen. Doch der Erfolg des Walkman zeigt, dass Menschen Musik lieben, sie genießen und schätzen wollen, in welcher Form auch immer es die Technologie erlaubt.

Quellen:

http://www.news.de/technik/2870/die-revolution-vom-band/1/
http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/29685/Walkman
http://www.fr-online.de/digital/produktion-eingestellt–in-japan-ist-der-walkman-geschichte-,1472406,4774310.html
http://www.tdkhifi.com/category/chronicles/

Bilder:
 http://www.eyefood.nl/wp-content/uploads/2012/04/cassette-tape-and-pencil-li.jpg
http://4.bp.blogspot.com/_jdVDZ9-cDLg/TMV4Awe9mDI/AAAAAAAABBA/azTBNIgykgc/s1600/Walkman.jpg