Erinnerndes Hören – Teil 1

Viele kennen das Gefühl „Das habe ich doch schon einmal gehört“. Doch oft fällt es schwer zu bestimmen, warum uns der Klang, die Melodie oder das Lied bekannt vorkommt. „Déjà-vu“-Erlebnisse sind bekannt, aber dass diese Erlebnisse auch durch akustische Reize ausgelöst werden können wissen wenige. Das „Déjà entendu“ ist das akustische Pendant zum „Déjà-vu“. In diesem Artikel wird versucht, das Phänomen des „Déjà entendu“ zu ergründen.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Der Protagonist in Marcel Prousts Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, wird, durch den Genuss einer in Tee getauchten Madeleine, in seine Kindheit zurück versetzt. Geht es um das unwillkürliche Erinnern, so wird diese Szene oft zitiert. Zusätzlich beschreibt Proust in seinem Roman ein ähnliches Phänomen – das durch das Hören eins Musikstücks ausgelöst wird. Der Protagonist lauscht dem Stück. Erinnerungen seiner ersten Liebe steigen ihm ins Bewusstsein. Proust veranschaulicht in diesen Szenen seines Romans das unwillkürliche Auftauchen von längst vergessenen Erinnerungen. Aber wie kommt es zu diesem Phänomen des Erinnerns?

Engramme

Das Gehirn ist ein komplexes System, das Daten, Informationen und Erinnerungen speichert und auch vergessen kann. Wie das Gehirn Informationen speichert beschreibt Richard Semon (1904). Semon prägte den Begriff des „Engramms“. Er ging davon aus, dass sich die Wirkung eines Reizes in die organische Substanz (also auch in den Menschen) einprägt. Diese bewirkte Veränderung der organischen Substanz nennt Semon „Engramm“. Alle vorhandenen Engramme eines Menschen bezeichnet er als „Engrammschatz“. Hiebei unterscheidet er zwischen „individuell erworbenem Engrammschatz“ und „ererbtem Engrammschatz“. Richard Semon geht dabei also von zwei verschiedenen Gedächtnissystemen aus, die zum einen durch Vererbung und zum anderen durch die eigenen Erfahrungen entstehen.

Wunderblock

Die Theorie der Engramme weist Parallelen zur Theorie des „Wunderblocks“ von Sigmund Freud (1925) auf. Auch Freud unterscheidet zwischen zwei Systemen, dem „Wahrnehmungssystem“ und dem „Erinnerungssystem“. Nach Freud kann unser Gehirn sowohl unbegrenzt wahrnehmen als auch dauerhafte Erinnerungsspuren schaffen. Damit ist es allen Hilfsmitteln wie z.B. Tafel und Papier überlegen. Er veranschaulicht dies anhand des „Wunderblock“. Der „Wunderblock“ ist eine Wachstafel auf der ein Blatt angebracht ist, welches aus einer durchsichtigen Zelluloidplatte und einer dünnen Wachspapierschicht besteht. Durch Druck eines stumpfen Stiftes kann geschrieben werden. Um das Geschriebene zu entfernen wird das Blatt von der Wachstafel getrennt. Wundersamerweise lassen sich unter günstigen Lichtverhältnissen noch fragmentartige Aufzeichnungen erkennen. Auf eine ähnliche Art und Weise bleiben Dauerspuren im menschlichen Gedächtnis zurück.

Ich-Gedächtnis und Mich-Gedächtnis

Ebenso unterscheidet Aleida Assmann (2006) zwischen zwei Formen des autobiographischen Gedächtnisses. Das Ich-Gedächtnis ist verbal und deklarativ. Hier können Erinnerungen abgerufen und verbalisiert werden. Das Mich-Gedächtnis hingegen ist  flüchtig und diffus. Im Mich-Gedächtnis können Erinnerungen durch Sinnesreize hervorgeholt werden. Nach Assmann können Orte, Gegenstände und auch Musik Auslöser des Mich-Gedächtnisses sein. Die Auslösung einer solchen Erinnerung beschreibt sie anhand der antiken „Symbola“. „Symbola“ bezieht sich auf Gegenstände mit Zeichenwert, die anlässlich von Verträgen in zwei Hälften gebrochen wurden, wobei jede der Parteien eine Hälfte als Zeichen erhielt. Wurden beide Hälften wieder zusammengeführt, war die Rechtsgültigkeit des Vertrags und die Identität der beiden Vertragspartner bestätigt.

Mit Hilfe dieses Beispiels erklärt Assmann das Mich-Gedächtnis wie folgt. Die Erinnerungen des Mich-Gedächtnisses sind in zwei Hälften geteilt. Eine Hälfte verbleibt in uns und die andere Hälfte geht in Objekte, Orte oder Ähnliches über. Das Mich-Gedächtnis wird dann aktiviert, wenn nach einer Trennung die beiden Hälften wieder zusammengebracht werden. Allerdings können wir die gespeicherten Erinnerungen nicht bewusst abrufen, wir müssen warten bis sie sich von selbst melden (wie in Prousts Roman). Die Erinnerungen schlummern im Mich-Gedächtnis also in Form von impliziten und versteckten Dispositionen. Trifft ein Reiz auf eine Disposition, werden die Erinnerungen aktiviert und können aus dem Mich-Gedächtnis in das Ich-Gedächtnis gelangen. Wie auch schon Freud von Erinnerungsspuren ausging, so betont auch Assmann, dass Erinnerungen im Gedächtnis haften bleiben, unabhängig davon, ob sie bewusst werden oder nicht.

Wissen

Wie sich zeigt, können wir theoretisch das Gedächtnis in zwei Systeme aufteilen. Das Mich-Gedächtnis scheint an den „Déjà-entendu“-Erlebnissen beteiligt zu sein.Es stellt sich jedoch die Frage, ob unterschiedliche Wissensformen in den zwei Gedächtnissystemen verortet sind? Hans-Joachim Flechtner (1974) unterscheidet beispielsweise zwischen „Wissen I“ und „Wissen II“. Nach Flechtner ist „Wissen I“ das „Sicher-Haben“: „Ich weiß, dass ich das Wissen habe und ich es reproduzieren könnte, allerdings ist das Wissen momentan gehemmt“. „Wissen II“ ist das „Gewiss-Haben“: „Ich weiß, dass ich es weiß und ich es wahrheitsgemäß wiedergeben und abrufen kann“. „Déjà-entendu“-Erlebnissen sind dementsprechend Erinnerungen die dem „Wissen I“ zuzuordnen sind.

Diese Wissens-Kategorie beinhaltet auch das „Flüchtige Wissen“. Hierunter versteht man Wissen, dass unter Umständen durch Hinweisreize (wie durch Klänge oder Musik) aktiviert werden kann. Dieses Wissen ist kein vergessenes Wissen, sondern es beinhaltete Fragmente und Teilerinnerungen (wie beim „Wunderblock“). Dadurch kann ein Gefühl der Vertrautheit bei der Wahrnehmung von z.B. Musik entstehen. Diese Erkenntnis lässt vermuten, dass uns unser Gehirn bei der Wahrnehmung eines akustischen Reizes verbunden mit dem Gefühl der Vertrautheit nicht täuscht. Möglicherweise haben wir den Klang bzw. die Musik tatsächlich schon einmal gehört. Dennoch ist dieses Wissen flüchtig und wir können es nicht abrufen.

Abruf

Ist es tatsächlich nicht möglich, das Flüchtige Wissen zu aktivieren? Denn Marcel Proust beschreibt in seinem Roman, dass seinem Protagonisten genau dies beim Hören einer Sonate passiert ist. Flechtner (1974) nennt diesen Prozess, bei dem Erinnerungen ohne aktive Suche ins Bewusstsein steigen, das „unwillkürliche Abgerufenwerden“. Als Erklärung für dieses Phänomen könnte die Theorie der „assoziative Reproduktion“ dienen. Ein Beispiel zur Veranschaulichung: Wenn A mit B assoziativ verknüpft ist, wird das Denken an A auch leicht B bewusst machen. Das bedeutet, dass durch einen bestimmten Reiz, der mit der Erinnerung assoziativ verknüpft ist, die Erinnerung ins Bewusstsein treten kann. Allerdings kann das Abrufen des Wissens auch gehemmt sein: „Wir wissen, dass wir etwas wissen und können es nicht abrufen“. Diese Phänomen wird im englischen „tip-of-the-tongue“ oder kurz „TOT“ genannt – es liegt uns quasi auf der Zunge.

Oft taucht die Erinnerung auf, sobald wir aufhören danach zu suchen. Dieses „willkürliche Abrufen“ aktiviert zum einen die assoziative Reproduktion und blockiert zum anderen das Auftauchen der Erinnerung. „Déjà-entendu“-Erlebnisse müssen nicht zwangsläufig eine Täuschung unseres Gehirns sein. Es könnte sich bei dem Gefühl der Vertrautheit um Flüchtiges Wissen handeln, dass durch bestimmte Reize aktiviert wird und ins Bewusstsein gelangt. Allerdings ist ein aktiver Abruf von Erinnerungen aus dem Mich-Gedächtnis problematisch, denn die aktive Suche blockiert das unwillkürliche Auftauchen von Erinnerungen.

Im zweiten Teil des Beitrags wird es darum gehen, inwiefern musikalische Ähnlichkeiten in unterschiedlichen Kulturen zu identifizieren sind. Gibt es eine „natürliche“ universelle Musik, die von allen Kulturen gleich verstanden wird? Und wenn ja, können dieselben Melodien oder Klänge ähnliche „Déjà-entendu“-Erlebnisse bei allen Menschen hervorrufen?

 

Quellen:

Assmann, Aleida (2006): Wie wahr sind unsere Erinnerungen?. In: Welzer, Harald/Markowitsch, Hans J. (Hrsg.) (2006): Warum Menschen sich erinnern können. Fortschritte in der interdisziplinären Gedächtnisforschung. Stuttgart.

Bruhn, Herbert (1995): Gedächtnis und Wissen. In: Bruhn, Herbert/Oerter, Rolf/Rösing, Helmut (Hrsg.) (1997): Musikpsychologie. Ein Handbuch. 3. Auflage. Hamburg.

Flechtner, Hans-Joachim (1979): Das Gedächtnis – Ein neues psychophysisches Konzept. Memoria und Mneme Band III. Stuttgart.

Freud, Sigmund (1925): Notiz über den „Wunderblock“. In: Fleckner, Uwe (Hg.) (1995): Die Schatzkammer der Mnemosyne: ein Lesebuch mit Texten zur Gedächtnistheorie von Platon bis Derrida. Dresden.

Kühnel, Sina/Markowitsch, Hans J. (2009): Falsche Erinnerungen. Die Sünden des Gedächtnisses. Heidelberg.

Semon, Richard (1904): Der Engrammschatz des Gedächtnisses. In: Fleckner, Uwe (Hg.) (1995): Die Schatzkammer der Mnemosyne: ein Lesebuch mit Texten zur Gedächtnistheorie von Platon bis Derrida. Dresden.