Kartographie des Sounds – Hat uns das Web nicht mehr zu sagen? (4/4)

Das Internet entwickelt sich rasant weiter – mehr Bilder, mehr Videos, mehr Vielfalt im Web 2.0. Doch eine mediale Form verstummt in den weiten Welten des Internets: Der Sound. Wie das Fernsehen früher sich vor dem Radio behaupten konnte, stellt sich auch der Sound in der visuell-überfluteten Welt des Internets hinten an. Aus diesem Grund machen wir eine  Bestandsaufnahme und zeichnen die Kartographie des Sounds im Netz nach – und klären ab, inwiefern der auditive Sinn im Netz vernachlässigt wird. Doch wir meckern nicht nur – im zweiten Teil unseres Artikels liefern wir Anreize und mögliche Alternativkonzepte!

Fazit – Hat uns das Web denn wirklich nicht mehr zu sagen?

Ob als Podcast, Internetradio, Ton in Videos oder als Kommunikationsmittel: Der Ton und das Internet sind untrennbar verbunden. Kein Wunder: Das Internet vernetzt nicht nur Menschen sondern auch die Medienlandschaft. Dennoch lässt sich, das haben unsere Recherchen gezeigt, eine Unausgewogenheit feststellen. Das zeigt ein banales Beispiel: Während YouTube-Videos schon seit Jahren in HDTV-Auflösungen über die Computerschirme flimmern, kommt auch heute noch (nicht selten) mehr Rauschen als echter Ton aus den Computerboxen.

Der Sound im Internet steckt also noch in den Kinderschuhen, er wird meist nur als Mittel zum Zweck eingesetzt und die meisten Nutzer nehmen ihn nur als Nebenprodukt des eigentlich gewünschten Mediums (eben etwa bei Videos) wahr. Lässt sich hieraus aber gleich eine Kritik am Medium Internet formulieren? Unserer Ansicht nach nicht: Das Internet ist und bleibt – zumindest für den Moment – ein visuelles Medium. Eine sinnhafte Verknüpfung von Webseiten und Sound ist im Mainstream noch nicht gelungen, konnte man in den Kindertagen des Internets noch mit kleinen Soundeffekten, etwa beim Anklicken eines Links, Besucher auf seiner Webseite begeistern, so hat sich die Situation heute grundlegend verändert: Der Ton ist störend und vertreibt die Nutzer von der Seite. So ist man es spätestens nach dem zweiten Besuch der Nachrichtenseite satt, wenn Michael Ballack die neuesten Reise-Angebote anpreist.
Sound ist im Zusammenhang mit dem normalen Surf-Verhalten also ein Störgeräusch.
Somit entscheidet der User selbst, wann er diesen auditiven Kanal nutzen will. Nämlich indem er Videos schaut, Podcasts abonniert oder Internetradio hört. Spannend in diesem Zusammenhang ist auch das Neu-Aufkommen der Soundportale wie Soundcloud. Hier wird Sound erstmals mit den Community-Funktionen der Social Media Dienste verbunden. Eine Marktlücke, wie Alex Ljung, Gründer von Soundcloud sagt:

“We both came from backgrounds connected to music, and it was just really, really annoying for us to collaborate with people on music — I mean simple collaboration, just sending tracks to other people in a private setting, getting some feedback from them, and having a conversation about that piece of music. In the same way that we’d be using Flickr for our photos, and Vimeo for our videos, we didn’t have that kind of platform for our music.”(Gründer Soundcloud– Alex Ljung, in Wired)

 

 

 

 

 

Ausblick und Denkanstöße: „Sound 2.0“

Während alle Bereiche des Netzes also kürzlich ein Versions-Upgrade zum Web 2.0 erfahren haben, blieb der Versionssprung des Sounds aus: Der, so scheint es, bleibt weiter in der Beta-Phase. Technisch machbar ist jedoch so manches: Die Soundqualität sollte dabei im Vordergrund stehen, inhaltlich kann sich noch so viel bewegen, verstehen sollte man es dann aber schon können. Die Bandbreiten moderner Anschlüsse reichen hierfür vollkommen aus. Anders schaut es in Sachen Raumklang aus: Sicherlich wäre Sound aus mehr als nur zwei Boxen etwas, das viele Webseiten bereichern könnte – insbesondere Video-Content-Anbieter wie youTube. Aber das ist sicherlich nicht das Hauptproblem des Sounds im Netz, der nach wie vor in einer Nische gefangen ist.

Das die Musikindustrie aufgrund der digitalen Entwicklungen ebenso nicht in ihren klassischen Wertschöpfungsstrukturen verharren darf, ist in den vergangenen Jahren immer deutlicher geworden. Zwar wurden bereits neue Erlösmodelle entwickelt, sodass von legalen Anbietern, wie iTunes, Amazon.mp3, Google Music oder auch Musicload , Songs sekundenschnell heruntergeladen werden können. Allerdings zeigt die enorme Fülle an illegalen Plattformen sowie die sinkenden Verkaufszahlen innheralb der Musikindustrie, dass auch hier dringend Konzepte zur besseren Vermarktung im Internet her müssen.

Abschließend sollte aber festgehalten werden: der Sound sollte sich die Nische, in der er gefangen ist, zur Stärke machen: Er ist ein Nebenprodukt, aber ein entscheidendes. Niemand will einen Film ohne den dazugehörigen Ton sehen und auch das Radio erlebt offline und online eine Renaissance als Nebenbei-Medium.
Mögliche Rettung könnten neue Eingabemethoden durch Sprachsteuerung sein, die gerade im Mobilbereich immer mehr um sich greifen. Stichwort: Siri. Diese Technologien finden zwar schon länger Einsatz in modernen Computersystemen, jedoch ist eine sinnhafte Eingabemöglichkeit für die meisten Nutzer und damit ein Ersatz von Maus und Tastatur noch lange nicht erreicht worden. Dennoch, das zeigt der Einsatz von Sprachsteuerung am Mobiltelefon und auch die Benutzung durch blinde Menschen, ist es durchaus möglich, dieses Ziel zu erreichen. Eine solche Interaktion durch Kommunikation könnte die Brücke zwischen visuellem Inhalt und dem Sound schlagen und somit zu einer breiten Akzeptanz der User führen, für die der Sound dann nicht mehr nur Synonym für Störung ist.