Vom Stummfilm zum Tonfilm – Teil II: Und heute?

Filmplakat zu "The Artist" (2011)Im ersten Teil der Serie haben wir gesehen, dass die Umstellung vom Stumm- auf den Tonfilm ganz plötzlich die ganze filmische Welt einnahm. Der Stummfilm verschwand immer mehr und machte seinem Nachfolger Platz. Doch warum schafft es gerade in der heutigen Zeit wieder ein Stummfilm wie „The Artist“ an die Spitze der Kinocharts?

Ein ähnliches Phänomen wie das bei der Umstellung vom Stumm- auf den Tonfilm wiederholt sich im Laufe der Filmgeschichte immer wieder: Findet eine technische Revolution im Bereich des Filmes statt, ist sie direkt ein starker Konkurrent für die „alten“ Filme, obwohl die „alten“ wahrscheinlich zunächst einmal die besseren Filme sind, da die „alte“ Technik eben die ist, in der man am erprobtesten ist. So ist dies beispielsweise vergleichbar mit der Umstellung auf den Farbfilm, auf das Dolby-Surround-System oder auch die aktuelle Welle des 3D-Filmes.

In nahezu jedem Kino gibt es mittlerweile 3D-Projektoren, die dem Zuschauer zu deutlich teureren Preisen als im Normalfall die Werke in 3D präsentieren. Viele dieser Filme sind frühere Kultfilme, die eigentlich überhaupt nicht für 3D gemacht wurden und deren spätere Nachbearbeitung mit diesen Effekten in der Regel zu keiner Verbesserung führt. Auch bei neuen 3D-Produktionen hat man das Gefühl, dass mit dieser Technik noch sehr viel mehr möglich ist, als man bisher sieht. So wird zumeist nicht der Raum des Kinosaales für die 3D-Effekte eingenommen, sondern die Dreidimensionalität eher nach hinten verlagert. Außerdem handelt es sich meist nicht tatsächlich um dreidimensionale Bilder, sondern um zweidimensionale Aufnahmen, die nur auf unterschiedliche Raumebenen verlagert wurden.

Dies ist vergleichbar mit den ersten Dialogen in Tonfilmen, die Regisseur René Clair für ein „skurriles Lustspiel mit Personen, die Mundbewegungen machen und von einem bauchredenden Chorführer ihre Stimmen erhalten“ hielt (für das vollständige Zitat siehe erster Teil dieser Serie).

Fest steht, dass wir uns momentan in einer Situation befinden, die vergleichbar ist mit der in Zeiten der Umstellung vom Stumm- auf den Tonfilm. Fest steht auch, dass in der Filmproduktion ein ständiger Drang nach Fortschritt herrscht. Und genau in dieser Zeit schafft es Regisseur Michel Hazanavicius mit „The Artist“ die Welt zu erobern. Wie passt dies zusammen? Ganz eindeutig lässt sich diese Frage wohl nicht beantworten. Wichtig ist sicherlich, dass „The Artist“ kein Stummfilm der 20er Jahre ist. Er ist ein Stummfilm der Gegenwart und er blickt reflektierend zurück.

Hier zunächst einmal der Filmtrailer, um einen ersten Eindruck von dem Film zu bekommen:

Der Protagonist George Valentin ist ein Star des Stummfilms, der von den Medien geliebt und von den Damen angehimmelt wird. Dies nimmt ein jähes Ende, als er von seiner Produktionsfirma entlassen wird, die plötzlich ausschließlich die neuen, modernen Tonfilme produzieren will. Von heute auf morgen ist Georges Leben völlig verändert: Vom schillernden Star wird er zum Nichts. Die Leute wollen ihn nicht mehr sehen, sondern bewundern stattdessen die Berühmtheiten des neuen Tonfilmes. Mit den Resten seines Vermögens produziert er einen letzten Stummfilm mit sich selbst in der Hauptrolle, um seinen Erfolg aufrecht zu erhalten. Doch das Projekt scheitert: Nahezu niemand will seinen Film sehen. Stattdessen strömen die Menschen zur Premiere eines neuen Tonfilmes. Schließlich bleibt George als einziger Zuschauer seiner Filme alleine als armer Mann, da er sei Vermögen bei der Produktion seines letzten Filmes aufs Spiel gesetzt und verloren hat.

Im Film sind wir als Zuschauer genauso schockiert wie George, als er in einem Alptraum plötzlich die Geräusche seines Umfeldes hört. Für den Zuschauer kommt dies völlig überraschend, da er sich bis dahin an das diegetische Schweigen des Stummfilmes gewöhnt hat. Doch auch für George ist dies offensichtlich total befremdlich. Der Stummfilmstar lebt scheinbar auch in seiner Realität in einem Stummfilm. So sind wir als Zuschauer gemeinsam mit dem Protagonisten völlig verwirrt, als plötzlich diegetische Geräusche zu hören sind, die das angenehme, von Musik untermalte Schweigen des bisherigen Filmes stören. Gemeinsam mit George empfindet man den Tonfilm plötzlich irritierend und unangenehm. Schließlich, als plötzlich auch noch eine Feder den Lärm einer Explosion verursacht, wird dies auf die Spitze getrieben. Für George bedeutet es das Erwachen aus seinem Alptraum und er befindet sich wieder in seiner Stummfilmrealität.

Hier die Szene:

An dieser Stelle soll nun nicht mehr allzu viel über den weiteren Verlauf der Handlung verraten werden, aber fest steht, dass es sich in jedem Fall lohnt, „The Artist“ einmal anzusehen. Der Film unterhält Leute jeden Alters und auch der aufmerksame Cineast wird sicherlich mit großer Begeisterung die ein oder andere versteckte Anspielung auf die Filmgeschichte entdecken, wenn beispielsweise eine Szene mit Musik aus Hitchcocks Klassiker „Vertigo“ untermalt ist. Außerdem wird ein Vorteil des Stummfilmes gegenüber des Tonfilmes ganz deutlich: Der Film kommt ohne Sprache aus und doch versteht ihn jeder. Denn die Sprache der Mimik und Gestik der Schauspieler sowie die der musikalischen Untermalung ist universal und vermag es, alle Menschen, egal welcher Nationalität, gleichermaßen zu begeistern.

 

Quellen:

http://www.epd-film.de/33194_90787.php