Musik für das Ungeborene – die Anfänge unseres Gehörs

 Unser Gehör ist eines unserer wichtigsten Sinne – Geräusche und Klänge können uns Orientierung geben, auf unsere Psyche wirken und uns als wichtigste Funktion Kommunikation ermöglichen.
Doch ab wann hören wir bewusst und ab wann wirkt es auf uns? Welche Funktionen übernimmt das Gehör in unserer ersten Lebensphase oder sogar noch im Mutterleib?

Bereits im Kindesalter spielt das Gehör eine große Rolle für unsere Entwicklung. Wir lernen, mit anderen Menschen zu kommunizieren, was uns erst ein soziales Leben ermöglicht. Es ist ein elementares Kontaktmittel zur Außenwelt und bildet zusammen mit dem Sehsinn die sogenannten „Fernsinne“, die bei Schädigung zu einer Sinnesbehinderung führen. Beide Sinne sind unsere wichtigsten Informationsüberträger. In unserer von visuellen Reizen geprägten Welt übersieht man oft die Bedeutung des Hörsinns, die aber mit einem kleinen Experiment deutlich wird: Folgt man einer Fernsehsendung für einige Minuten ohne Ton und vergleicht dies mit dem bloßen Zuhören bei gleichzeitigem Abwenden vom Fernseher, wird klar, dass man bei letzterem deutlich besser die Handlung der Fernsehsendung versteht.

Technisch gesehen ist unser Ohr dafür verantwortlich, Schall in Form von Schallwellen zu empfangen und dann zu Nervenimpulsen umzuwandeln. Diese Nervenimpulse werden dann zum Gehirn weitergeleitet, das Ohr ist also genau wie das Auge dicht mit dem Gehirn verknüpft, da erst dort die Reize „entstehen“. Das Ohr selbst ist eines der ersten Sinnesorgane, die beim Embryo ausgebildet werden. Schon in der achten Woche bilden sich die kleinen Gehörknöchelchen des Innenohrs, in der elften Woche das Trommelfell. Spätestens im sechsten Monat dann ist die Ohrentwicklung abgeschlossen und akustische Reize können theoretisch schon zum Ungeborenen vordringen.

Schon im antiken Griechenland oder auch in Indien 600 Jahre v.Chr. Wurde vermutet, dass das ungeborene Kind Sinneseindrücke wahrnimmt und verarbeitet, ihm wurden also psychologische Fähigkeiten zugesprochen. Infolgedessen wurden beispielsweise Plätze für Schwangere angeboten, die eine ruhige und entspannte Atmosphäre für die bestmögliche Entwicklung des Ungeborenen versprachen. Mit fortschreitender Medizin wurde jedoch anscheinend ein Schritt zurück gemacht, als vor etwa 100 Jahren Julius Uffelmann dem Neugeborenen und damit auch dem Fötus aufgrund einer angeblichen Schwellung im Mittelohr den Hörsinn absprach. Jahrelang glaubte man also, dass Menschen sowohl im Mutterleib, als auch als Säuglinge für sechs Wochen taub seien. 1925 allerdings machte Peiper eine gegenteilige Beobachtung, als er Kindsbewegungen bei einer Schwangeren nach Betätigen einer Autohupe wahrnahm. Ähnliche Beobachtungen gab es bei Forbes und Forbes im Theater, als der gelegentliche Applaus große Aktivitäten bei Ungeborenen hervorrief.

Seitdem wird von vielen Seiten versucht, dieses Rätsel zu lösen. Durch Untersuchungen wurde klar, dass es in der Gebärmutter eine bestimmte Geräuschkulisse gibt. Dazu gehört neben dem Herzschlag das gleichmäßige Atmen, das Strömen des Bluts oder Körperbewegungen der Mutter. Dabei wirkt der Beckenknochen aufgrund seiner Form wie ein Lautsprecher. Allgemein befindet sich die Lautstärke in der Gebärmutter zwischen 28 und 84 dB.
Tests bei trächtigen Schafen ergaben, dass Außengeräusche tatsächlich durch die Bauchdecke hindurch dringen können, sodass sogar Hörschäden beim Fötus möglich sind. Allerdings lässt sie die akustischen Signale nicht ungefiltert durch. Niedrigfrequente Anteile des Schalls sind weit besser wahrnehmbar als höherfrequente Anteile, was sich etwa wie eine schlecht eingestellte Stereo-Anlage mit voll aufgedrehten Bässen anhört. Man könnte sich vorstellen, dass das Kind Stimmen hört, als würde es ein Gespräch durch eine Wand anhören. Dabei sind Sprachmelodien besser wahrnehmbar als Wörter.

Die Wirkung dieser akustischen Reize wurde mit vielen sogenannten „Gewohnheitsexperimenten“ erforscht. Grundlage dabei ist die Annahme, dass ein Lebewesen eine bestimmte Reaktion bei einem Reiz zeigt, die aber nach mehrmaliger Wiederholung abklingt. Erfolgt ein neuer, anderer Reiz, wird erneut eine Reaktion, z.B. beschleunigter Herzschlag, hervorgerufen. Alle Experimente dieser Art an Ungeborenen zeigten, dass sich das Kind an einen akustischen Reiz gewöhnen kann. Damit wurde nicht nur bewiesen, dass das Kind dieses akustischen Reize wahrnimmt, sondern auch verarbeitet, also eine Merkfähigkeit besitzt. Ein weiterer Beweis dafür ist, dass Säuglinge, denen man den Herzschlag ihrer Mutter auf einem Tonband vorspielt, deutlich entspannter sind. Sie sind also dazu in der Lage, sich Geräusche und Töne zu merken, sie zu verarbeiten und zu verbinden.
Was Musik angeht, konnten andere Experimente zeigen, dass Kinder sowohl Gruppen von Tönen und Rhythmen wahrnehmen und sogar Dur-Dreiklänge von anderen Dreiklängen unterscheiden können. Harmonische Beziehungen jedoch kommen erst durch kulturelle Vermittlung hinzu.

Fakt ist also, dass Menschen bereits im Mutterleib hören und lernen. Das Kind macht schon in dieser ersten Phase akustische Erlebnisse, die eine Wirkung hervorrufen. Interessant ist dabei auch, dass geistig behinderte Kinder in den Experimenten keine Unterschiede zu gesunden Kindern zeigten. Geräusche, Melodien und Klänge sind also für uns alle wichtig und universal. Die Annahme, man solle Ungeborene am besten mit klassischer Musik beschallen, damit es beruhigt und eventuell auch kulturell geprägt wird, ist allerdings nicht haltbar, da man nicht genau weiß, wie das Musikstück tatsächlich aufgenommen wird. Außerdem spielt bei der Beruhigung vor allem die mütterliche Entspannung eine große Rolle, die beim Abspielen von Liedern im persönlichen Geschmack am größten ist.

 

Quellen:

Spitzer, Manfred: Musik im Kopf; Stuttgart, 2004
http://www.hilfreich.de/der-hoersinn-eine-oft-unterschaetzte-sinneswahrnehmung_1181
http://www.helles-koepfchen.de/artikel/2956.html
http://www.kinder-welten.eu/stimulation-durch-musik-im-mutterleib/
Bilder:

http://www.neurolabor.de/script4-Planung/Image10.gif
http://www.kinder-welten.eu/img/musik.jpg