Der fiese Ton

©Gesundheit.Germanblogs.de

©Gesundheit.Germanblogs.de‘

 Nahezu jeder von uns hat ihn schon einmal gehört: den fiesen Ton – ein überraschend einsetzendes, meist hochfrequentes monotones Fiepsen. Wir wissen sofort:

„Aaah, Tinnitus!“

Dieser Sound ist für gewöhnlich lediglich auf einem Ohr zu hören und hält nur für kurze Dauer an. Doch was, wenn dieses penetrante Geräusch nicht verschwindet?

Tinnitus (aus dem Lateinischen für Klang /klingen), das ist:

  • Sammelbezeichnung für jegliche Ohrgeräusche, auch unter dem Begriff des Ohrensausens bekannt.
  • keine Krankheit, sondern ein Symptom für eine Funktionsstörung des Hörsystems.
  • oftmals Folgeerscheinung eines Hörsturzes (plötzlich einsetzende Taubheit auf einem oder beiden Ohren).
  • vielfältig: Die Bandbreite reicht von brummen, klicken, klingeln, knacken über pfeifen, pulsieren, rauschen bis hin zu sausen, summen und zischen.
  • meist subjektiv. Ausnahme bildet hier der objektive Tinnitus, der mit Hilfe von bildgebenden Apparaten optisch sichtbar gemacht werden kann.

Soundbeispiele:

Laut einer Studie der Deutschen Tinnitus-Liga e.V. von 1999 leiden bundesweit über 3 Mio. Menschen an chronischem (d.h. über mehr als 3 Monate anhaltendem) Tinnitus. Das entspricht ungefähr 4 % der deutschen Gesamtbevölkerung. Gut die Hälfte der Betroffenen empfindet sich dabei als mittelschwer bis unerträglich beeinträchtigt. Das folgende Video dauert knapp 3 1/2 Minuten und demonstriert den subjektiven Tinnitus-Klang einer Patientin. Einfach mal reinhören:

Bestimmt haben nur wenige bis zum Schluss des Videos durchgehalten, oder? Betroffene haben allerdings nicht nur den fiesen Sound im Ohr, sondern in der Folge auch mit Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen, Depressionen und Angstzuständen zu kämpfen. Einige von ihnen werden durch den permanenten Klang derart in den Wahnsinn getrieben, dass in Einzelfällen sogar von Suiziden berichtet wird.

Wann tritt Tinnitus auf?

Die Ursachen sind vielfältig. Das feine Piepsen im Ohr erscheint oftmals nach längerem Lärmeinfluss, wie beispielsweise Discobesuchen oder nach Rockkonzerten, aber auch Lärmarbeiten, in Folge von Knalltraumen nach Detonationen oder beim Abfeuern von Waffen, (siehe hierzu auch die mediale Verabeitung des Themas insbesondere in Kriegsfilmen), Barotraumen (ungünstiger Druckausgleich auf den Ohren wie beispielsweise im Flugzeug oder beim Tauchsport), aber auch und vor allem aufgrund von altersbedingter Schwerhörigkeit und Herz-Kreislauf- sowie Durchblutungsstörungen und Fehlstellungen im Halswirbelbereich.

Das Schlimme ist: Der Hörsinn lässt sich – anders als Seh- und Geruchssinn – nicht abstellen. Auch das Zupropfen hilft wenig, wenn die Geräusche im Kopf selbst entstehen. Und leider sind die Therapiemaßnahmen ebenso wie die zugrunde liegenden Ursachen zwar zahlreich, aber nichtsdestotrotz nur wenig erfolgreich. Die Pharmaindustrie reibt sich freudig die Hände, denn nicht nur Ärzte, sondern vor allem die Patienten bevorzugen eine vermeintlich schnelle Lösung des Problems. Leider ohne als relevant zu verzeichnende Erfolge. Für viele bleibt daher nur, mit dem Tinnitus umgehen und leben zu lernen und schlussendlich einfach zu überhören.

Was also tun? Feuer mit Feuer bekämpfen: Sounds vs. Tinnitus

So unsinnig  es klingen mag: Stille vermeiden!

Der Tinnitus-Geplagte sehnt sich nach Stille, das ist nachvollziehbar. In der Ruhe allerdings potenziert sich die Wahrnehmung der gemeinen Geräusche. Daher wird den Betroffenen meist geraten, einen Alternativsound zu finden, der den Tinnitus überdeckt → Masker (sound therapy). Spezielle Masker/ Noiser –  Geräte, die wie ein Hörgerät hinter die Ohrmuscheln geklemmt werden und permanent einen auf den Patienten abgestimmten Klang aussenden, um den Störenfried zu maskieren. Diese allerdings sind teuer und so haben sich bald preisgünstige Abspielgeräte wie Walk- und Discman seinerzeit, nun natürlich MP3-Player, als auditive Hilfsmittel zur Entspannung etabliert. Viele Betroffene schwören auf pink noise, ein an Wasserfälle erinnerndes gleichmäßiges Rauschen, das die strapazierten Nerven beruhigt und den fiesen Ton im Ohr überdeckt.


Generell gilt, dass das Ziel welcher Therapieform auch immer sein sollte, den Tinnitus zu akzeptieren, im besten Falle zu ignorieren. Entspannung ist dann die beste Lösung und kann je nach Patient ganz unterschiedlich erreicht werden. Als hilfreich empfunden werden autogenes Training, Meditation, Freizeitsport (jedoch bitte kein Schieß- Tauch- oder Flugport, s. o), Yoga, aber vor allem auch der Austausch untereinander in einschlägigen Foren (www.tinnitus.de), Selbsthilfegruppen oder von professionellen Psychotherapeuten geleitete Gruppen können helfen, die Ängste, Sorgen und Nöte zu lindern.

Literatur:

  1. Hans Greuel, Viel Um Die Ohren: Hörsturz, Schwindel, Ohrensausen (Düsseldorf: VDG-Verl. Greuel, 1988).
  2. Birgit Kröner-Herwig und Anja Frenzel, Psychologische Behandlung Des Chronischen Tinnitus (Weinheim: Beltz, Psychologie VerlagsUnion, 1997).
  3. Sven Tönnies, Leben Mit Ohrgeräuschen: Selbsthilfe bei Tinnitus (Heidelberg: Asanger, 1991).

Online-Quellen:

  1. http://www.imdb.com/keyword/tinnitus/   (19.12.2011)
  2. H.P. Zenner, „Die Entstehung von Ohrgeräuschen. Hypothesen und Modelle“ (Deutsche Tinnitus-Liga e.V. (DTL), Textarchiv, November 1997).                                                                                                                                             http://www.tinnitus-liga.de/media/textarc/Dieentst.PDF  (19.12.2011)
  3. http://tinnitus.thieme.de/tinnitus/soundsysteme-bei-tinnitus.html (19.12.2011)

Bildnachweis:

http://gesundheit.germanblogs.de/wp-content/uploads/2010/07/tinnitus.jpg   (19.12.2011)

Video/Audio:

  1. pink noise, 2009, http://www.youtube.com/ watch?v=VgLBceRP2tg&feature=youtube_gdata_player. (19.12.2011)
  2. Tinnitus Sound Samples, 2010, http://www.youtube.com/ watch?v=YyMxwalVdBU&feature=youtube_gdata_player.    (19.12.2011)
  3. What tinnitus sounds like, 2010, http://www.youtube.com/ watch?v=0HIfqyHbKgY&feature=youtube_gdata_player.  (19.12.2011)