Erinnerndes Hören – Teil 2

Im ersten Teil meines Beitrags wurden verschiedene Gedächtnistheorien vorgestellt, die gezeigt haben, dass das Gefühl der Vertrautheit beim Hören einer Melodie, durch tatsächliches Wissen hervorgerufen werden kann. Im zweiten Teil wird es darum gehen, die kulturelle musikalische Prägung zu untersuchen. Gibt es Melodien oder Klänge die unter Umständen bei allen Menschen gleiche „Déjà entendu“-Erlebnisse auslösen können?

 

Natürliche, universelle Musik

Jede Kultur hat gemäß ihrem sozio-kulturellen Kontext eine eigenständige Musikgeschichte entwickelt. Der weltweite Vergleich zeigt, dass eine einzige naturgegebene Musik nicht existiert. Denn weder physikalisch-akustische Aspekte (z.B. Analogie von Tonsystemen) noch Fragen der Ästhetik (z.B. schön oder unschön) können als Vergleichspunkt dienen. Einzig die biologisch-physiologischen Grundlagen der menschlichen Wahrnehmung sind eine Gemeinsamkeit der Musik in allen Kulturen. Dementsprechend bildet das menschliche Hörfeld die einzige Rahmenbedingung für musikalische Bestätigung. Aber entscheidend sind letztlich die gesellschaftlichen und kulturellen Prozesse, die zu verschiedenen Weltbildern, Wertesystemen und eben auch Musiken führen. Das heißt, es gibt keine „natürliche“ universelle Musik, welche von allen Menschen unabhängig ihrer kulturellen Herkunft gleich oder ähnlich verstanden wird.

Emotionen und Musik

Dennoch gibt es kulturunabhängige Gemeinsamkeiten, wenn es um die Musik als Sprache der Gefühle geht. Es gibt einige wenige Ausdrucksmuster, die nicht kulturell überformt und dem Anschein nach interkultureller Natur sind. So untersuchte beispielsweise Dhala (1983/84) die Sprechmelodien in verschiedenen Kulturkreisen. Er fand in Bezug auf die Sprechmelodien heraus, dass die „Kraftstimme“, also tiefe, intensive Laute (wie z.B. Knurren) als Kommunikator für Aggressionsbereitschaft dient. Wohingegen die „Schonstimme“ also hohe, leise Laute (wie z.B. Winseln) die Funktion einer Unterwerfungsgeste haben. Dhala fand heraus, dass diese Sprechmelodien in allen Kulturkreisen ähnlich verstanden werden. Bestimmte emotionale Ausdrucksformen, so kann vermutet werden, haben bei allen Menschen ähnliche Auslösfunktionen haben.

Individuelle Konstruktion von Musik

Und wie sieht es mit der individuellen Wahrnehmung von Musik aus? Wird die Musik subjektiv wahrgenommen oder hören wir alle gleich? Die Verarbeitung von Höreindrücken und die Entstehung einer musikalischen Handlung kann als Informationsverarbeitungsprozess gesehen werden. Aufgrund von Dateneingabe (Wahrnehmung) kommt es nach einer Verarbeitung der Informationen (Denken) und einer Kombination mit früher verarbeiteten Informationen (Erinnern) zu einer Ausgabe von Daten (Reden, Schreiben, Singen, Musikmachen). Das heißt, dass die aufgenommenen Informationen mit den Vorerfahrungen und erlernten Konzepten verglichen werden. Hierbei suchen wir nach Bekanntem in der Musik. Daran zeigt sich aber auch eine Gleichzeitigkeit von Gegenwart und Vergangenheit. Die Wahrnehmung (in der Gegenwart) lässt sich kaum von der Erinnerung (aus der Vergangenheit) trennen. Gedächtnisinhalte gehen so mit der Wahrnehmung eine Synthese ein. Somit kann Musikhören als eine aktive Konstruktion verstanden werden.

Allerdings nutzt der Mensch für diese Konstruktion nicht alle Informationen der Wahrnehmung. Er bricht die Informationsverarbeitung ab, sobald das Ergebnis ausreichend präzise scheint. Die individuell aufgenommenen Umweltreize werden in Form eines „mentalen Modells“ repräsentiert. Dabei beeinflusst das indivdiuell-musikalische Wissen das „mentale Modell“ eines Menschen. Das musikalische Wissen kann einerseits implizites, nicht unbedingt sprachlich formuliertes Wissen sein. Andererseits kann das musikalische Wissen auch dem Wissen über musikalische Formen, Stile sowie die geltenden musikalisch-syntaktischen Regeln entsprechen. Dennoch ist das „mentale Modell“ abhängig von der Rezeptionsweise. So kann zwischen einem „analytischen Auseinandersetzen“, wie es z.B. Berufsmusiker tun, und einem „naive Auf-sich-wirken-Lassen“, wie z.B. Laien einem Musikstück zuhören, unterschieden werden. Musikhören ist folglich immer ein individueller Prozess bzw. eine individuelle Konstruktion. Insgesamt lässt sich festhalten, dass diese individuelle Konstruktion als „mentales Modell“ bezeichnet wird und u.a. vom musikalischen Wissen und der individuellen Rezeption beeinflusst werden kann.

Erinnerndes Hören

Was können wir jetzt über das Phänomen des Erinnernden Hörens sagen? In Bezug auf den „ererbten Engrammschatz“, wie in Teil 1 dargestellt, lässt sich festhalten, dass es keine universelle Musik gibt. Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten in Bezug auf die Musik als Sprache der Gefühle. Bestimmte emotionale Ausdrucksformen haben bei allen Menschen ähnliche Auslösfunktionen. Es lässt sich vermuten, dass diese emotionalen Ausdrucksformen bei allen Menschen ein Erinnerndes Hören auslösen könnten. Bestimmte Gegenstände, Orte oder auch die Musik können Erinnerungen im Mich-Gedächtnis aktivieren bzw. für das flüchtige Wissen als Hinweisreize fungieren.

Nach der Theorie des „mentalen Modells“ nimmt jeder Mensch individuell, je nach Musik-Wissen und Musik-Rezeption, Höreindrücke unterschiedlich wahr. Bei der Rezeption von Musik sucht der Mensch nach Bekanntem. Das Gefühl der Vertrautheit entsteht dadurch, dass wir Erinnerungsspuren in Form von flüchtigen Wissen in uns haben. Die Verarbeitung der Höreindrücke ist angeblich eine aktive Konstruktion, durch die Abgleichung des wahrgenommenen Reizes mit den vorhandenen Erinnerungen bzw. Wissen. Wir haben auch gelernt, dass ein aktive Suche das Auftauchen einer Erinnerung („Abruf-Hemmung“) verhindert. Allerdings ist mit der aktiven Konstruktion ein unbewusster Prozess gemeint, der in unserem Gehirn abläuft noch bevor ein Gefühl der Vertrautheit entsteht. Geht man von einem bewussten, aktiven Informationsverarbeitungsprozess aus, so ist ein „naives Auf-sich-wirken-Lassen“ besser geeignet, das „unwillkürliche Abgerufenwerden“ auszulösen.

Beim Phänomen des Erinnernden Hörens muss uns unser Gehirn nicht unbedingt einen Streich spielen, wie es beim „Déjà-vu“ der Fall ist. Löst das Hören eines bestimmten Musikstücks das Gefühl der Vertrautheit aus, kann es sich tatsächlich um eine aktivierte Erinnerungen handeln. Vielleicht ist die Musik auch nur ein Teil der Erinnerung, dessen Hören die verborgene Erinnerung zurück ins Bewusstsein holt. Wie sich gezeigt hat, gibt es keine universelle Musik, die bei allen Menschen ähnliche „Déjà-entendu“-Erlebnisse auslösen kann. Dennoch gibt es in Bezug auf Emotionen ähnliche Ausdrucksformen. Können also bestimmte Melodien bei uns allen Erinnerungen an unsere Kindheit auslösen? Jein! Denn jeder Mensch hört anders. Wie wir die Musik wahrnehmen und wie wir sie verstehen hängt von unserem Wissen und unserem Rezeptionsverhalten ab. Das heißt, dass die kulturelle Prägung und das individuell erworbene Wissen in einer Wechselwirkung stehen. „Déjà-entendu“-Erlebnisse müssen deswegen nicht zwangsläufig bei allen Menschen die selben Gefühle oder Erinnerungen auslösen.

 

Quellen:

Bruhn, Herbert (1995): Tonpsychologie – Gehörpsychologie – Musikpsychologie. In: Bruhn, Herbert/Oerter, Rolf/Rösing, Helmut (Hrsg.) (1997): Musikpsychologie. Ein Handbuch. 3. Auflage. Hamburg.

Harrer, Gerhart (1995): Beziehung zwischen Musikwahrnehmung und Emotionen. In: Bruhn, Herbert/Oerter, Rolf/Rösing, Helmut (Hrsg.) (1997): Musikpsychologie. Ein Handbuch. 3. Auflage. Hamburg.

Kemper, Peter (2007): Schläft ein Lied in allen Dingen. Vom Musikhören. In: Bernius, Volker/Kemper, Peter/Oehler, Regina/Wellmann, Karl-Heinz (Hrsg.) (2007): Erlebnis Zuhören. Eine Schlüsselkompetenz wiederentdecken. Göttingen.

Rösing, Helmut (1995): Musikalische Ausdrucksmodelle. In: Bruhn, Herbert/Oerter, Rolf/Rösing, Helmut (Hrsg.) (1997): Musikpsychologie. Ein Handbuch. 3. Auflage. Hamburg.

Rösing, Helmut (1995): Sonderfall Abendland. In: Bruhn, Herbert/Oerter, Rolf/Rösing, Helmut (Hrsg.) (1997): Musikpsychologie. Ein Handbuch. 3. Auflage. Hamburg.

Stoffer, Thomas H. (1995): Strukturmodelle. In: Bruhn, Herbert/Oerter, Rolf/Rösing, Helmut (Hrsg.) (1997): Musikpsychologie. Ein Handbuch. 3. Auflage. Hamburg.