Die Synthese von Kunst und Musik

Ist es möglich Musik zu visualisieren? Gibt es eine Verbindung zwischen bildender Kunst und Musik? Seit jeher stellten sich Künstler diese Fragen und kamen zu unterschiedlichen Antworten. Dieser Artikel geht einigen dieser Fragen auf den Grund.

Das Bild links oben ist in den erdigen Farbtönen braun, ocker, gelb, weinrot und rosa gehalten. Die mit schwarz gemalten Formen erinnern an Hieroglyphen oder Schriftzeichen aus vergangener Zeit. Als Betrachter wird man verführt, die schwarzen Formen zu deuten. Der Blick fällt sofort auf die Figur in der Mitte des Bildes, die als Einzige weinrot ist. Diese Figur unterteilt quasi das Bild in zwei Hälften. Links neben ihr herrscht ein Durcheinander an Formen. Rechts wirken die Formen geordneter. Rechts neben der Figur in der Mitte könnte eine weitere Figur knien. Links scheint eine andere Figur die Weinrote anzublicken. Dennoch fällt es schwer, mit Bestimmtheit zu sagen, dass es sich um Figuren oder sogar um abgebildete Menschen handelt.

Was hat dieses Bild mit Musik zu tun?

Das Bild ist von Paul Klee (1897-1940); Kleisterfarben auf Fabriano-Zeichenkarton, 34 x 52,5 cm; und trägt den Titel „Musik unter Tag“ (1940). Die weinrote Figur in der Mitte stellt einen Dirigenten dar. Man erkennt bei genauerer Betrachtung den Dirigentenstab als Verlängerung des rechten Armes. Dementsprechend symbolisieren die wirren Formen rechts und links im Bild ein Orchester. Klee wurde nach dem Besuch der Oper „Neues vom Tage“ zu diesem Bild inspiriert. „Musik unter Tag“ ist ein Versuch Klees, die Musik und die Kunst zu vereinen.

Zeit-Kunst und Raum-Kunst

Schon bildende Künstler vor Klees Schaffenszeit machten die Musik zum Thema ihrer Werke. Allerdings herrschte vor der Romantik die Meinung, dass Musik und Kunst zwei voneinander getrennte Künste seien, die sich nicht vereinen lassen. Besonders Gotthold Ephraim Lessing war ein Verfechter dieser Position. So schrieb er 1766, dass „die Farben keine Töne, und die Ohren keine Augen sind“. Dieser Aussage liegt die Unterteilung der Künste Musik und Bildende Kunst in Zeit-Kunst und Raum-Kunst zu Grunde. „Die Zeitfolge ist das Gebiet des Dichters, so wie der Raum das Gebiet des Malers“ (Lessing 1766). Die Musik wird in diesem Sinne als Zeit-Kunst verstanden, da sie sich über die Zeit erstreckt und erst nach Beendigung des Stücks dem Zuhörer erschließt. Die Bildende Kunst dagegen wird als losgelöst von der Zeit gesehen, denn beim ersten Blick prägt sich ein Bild dem Betrachter ein. Sie erstreckt sich im Raum und erschafft Räume mit Hilfe der Linearperspektive.

Das Bauhaus und die Synthese der Künste

Im 20. Jahrhundert wurde diese Trennung der Künste endgültig verworfen. Die Künstler waren nun auf der Suche nach Analogien zwischen Musik und bildender Kunst. Die Synthese der Künste war das Ziel. Dieses Ziel verfolgten vor allem die Meister des Weimarer Bauhauses, wie z.B. Johannes Itten, Wassily Kandinsky und Paul Klee. Die Bauhaus-Vertreter träumten von einem Kunstwerk der Gesamtheit. Diesem Ziel wollten sie vor allem mit Hilfe der Abstraktion näher kommen. Dabei kann die Musik als Auslöser der Abstraktion gesehen werden, denn gerade ihre Immaterialität faszinierte die Meister des Bauhauses. Diese Anziehungskraft, die die Losgelöstheit von gegenständlicher Bindung auf die Künstler ausübte, endete in der Gegenstandslosigkeit der abstrakten Kunst.

Zeitraum-Kunst

Paul Klee, einer der berühmtesten Meister des Bauhauses, war ein großer Verehrer von Bach und Mozart und bezeichnete die Musik des 18. Jahrhunderts als vollkommen. Nach Klees Auffassung kann die bildende Kunst diese Vollkommenheit nur durch das Verlassen des Gegenständlichen erreichen. Seit 1905 war Klee bemüht, die Analogien von Musik und bildender Kunst zu finden. Da er ein sehr begabter Geigenspieler war, kannte er sich in beiden Künsten bestens aus. Die Einteilung der Künste in Zeit-Kunst und Raum-Kunst lehnte er vehement ab. „Immer mehr drängen sich mir Parallelen zwischen Musik und Bildender Kunst auf. […]Sicher sind Künste zeitlich, das liesse sich leicht nachweisen.“ (Klee). Für Klee besitzt auch die Malerei eine zeitliche Dimension, da ein Bild zum einen in der Zeit entsteht (Produktion) und zum anderen in der Zeit aufgenommen wird (Rezeption). Zudem kam er dank der Naturwissenschaft zu der Erkenntnis, dass der Raum ein zeitlicher Begriff ist. Um die alte Einteilung der Künste überwinden zu können, überlegte Klee, wie er die Musik visuell darstellen kann.

Polyphonie im Bild

Die polyphone Malerei war Klees Lösung für das Problem. Polyphonie bedeutet in diesem Kontext mehrschichtiges Geschehen im Bildraum. Der Begriff der Gleichzeitigkeit taucht immer öfter in Klees Arbeiten auf. „Es muss das Teuflische zur Gleichzeitig mit dem Himmlischen verschmolzen werden. Der Dualismus nicht als solcher behandelt werden, sondern in seiner komplementären Einheit.“ (Klee). Die Gleichzeitigkeit in der polyphonen Malerei bedeutet, dass mehrere Themen bzw. Inhalte in einem Werk angesprochen werden. Die Musik hat diese Möglichkeit mittels der Zeit. Die bildende Kunst nähert sich durch die räumliche Komponente dieser Möglichkeit an. Klee versuchte mit dieser Technik eine Synthese von Musik und bildender Kunst zu schaffen. Um die Polyphonie in einem Bild auszudrücken, interessierte er sich vor allem für Linie, Rhythmus und Farbe.

  • Linie: Für Klee ist sie nicht statisch, sondern ein energetischer Impuls bzw. eine Bewegungsform. So haben gezackte oder wellige Linien auch unterschiedliche Bedeutungen.
  • Rhythmus: Hier bedient sich Klee bewusst dem musikalischen Wortschatz. Rhythmus bedeutet Bewegung im Bildraum. Durch das „Bewegen im Raum“ wird wieder die Analogie zum Zeitlichen der Musik gezogen.
  • Farbe: Bei seinem Farbgebrauch orientiert sich Klee an musikalischen Mustern wie z.B. die Spiegelung.

Kandinskys Versuch Bilder zu komponieren

Wassily Kandinsky (1866-1944), ein weiterer berühmter Bauhaus-Meister, unternimmt den Versuch, bestimmte Farben Klängen zuzuordnen. Zu diesem Thema verfasste er das Buch „Über das Geistige in der Kunst“. Kandinsky versuchte, mit Hilfe von Farben, Formen und Linien ein Bild zu „komponieren“. Auch bei ihm kann dies nur durch die Abstraktion gelingen. Die Freundschaft zu dem Komponisten Arnold Schönberg beeinflusste Kandinskys Werke sehr stark. Man kann bei beiden Künstlern parallele Entwicklungen in ihrem Schaffen entdecken. Kandinsky löste sich vom Gegenstand; Schönberg von der Tonalität. Beeindruckt war Kandinsky besonders von Schönbergs Harmonielehre. „Man darf heute von einer Harmonielehre auch hier [in der Malerei] träumen.“ (Kandinsky). An dieser Freundschaft wird der Versuch einer Synthese von Musik und bildender Kunst personifiziert.

 

Quellen:

Schmierer, E./ Fontaine, S./ Grünzweig, W./ Brzoska, M. (Hrsg.) (1995): Töne, Farben, Formen – Über Musik und die Bildenden Künste. Laaber.

Christensen, L./ Fink, M. (Hgg.) (2011): Wie Bilder klingen – Tagungsband zum Symposium „Musik nach Bildern“. Wien/ Berlin/ Münster.

v. Maur, Karin (Hrsg.) (1985): Vom Klang der Bilder – Die Musik in der Kunst des 20. Jahrhunderts. München.

Bildquellen:

Schmierer, E./ Fontaine, S./ Grünzweig, W./ Brzoska, M. (Hrsg.) (1995): Töne, Farben, Formen – Über Musik und die Bildenden Künste. Laaber.