Laute als Schrift – Die Lautschrift

Seit Jahren läuft die Diskussion, ob das Sehen oder das Hören der wichtigste Sinn ist. Auditiv gegen visuell. Mit Johannes Gutenbergs Erfindung der Druckerpresse im 15. Jahrhundert und der daraus entstandenen Massenproduktion von Büchern änderte sich in unserer Kultur auch das Verhältnis zur Sprache. Mit dem Einzug der Schrift in den Alltag wurde das Verschriftlichen der Sprache zum Alltag. Waren früher noch Geschichten erzählt worden, so wurden sie nun in Büchern verbreitet. Die Menschen lernten Gesagtes in Worten darzustellen und Geschriebenes zu lesen. Lesen und Schreiben mithilfe der Augen. Reden und Hören waren dagegen nichts Neues. Und so erhielt der visuelle Aspekt mehr Bedeutung im alltäglichen Leben.

Trotz allem ist das Hören und Sprechen in der Sprache immer noch, oder vielleicht wieder, ein wichtiger Aspekt. Oder warum wird Latein als „tote Sprache“ bezeichnet? Sprachen, die nicht gesprochen werden, geraten ins Vergessen oder sterben vielleicht sogar aus. Die Verschriftlichung einer Sprache hilft dagegen nicht. Allein die auditive Nutzung sorgt dafür, dass sie erhalten bleibt und die Bücher auch tatsächlich gelesen werden. Oder wer hat sich schon mal freiwillig entschlossen, ein lateinisches Buch zu lesen? Und ein Englisches? Wohl eher! Und warum? Weil wir die Sprache besser können? Weil wir sie besser gelernt haben? Oder weil sie uns besser nutzt, da wir uns mit ihr mit anderen Menschen verständigen können?

„Wer eine Sprache richtig lernen will, der muss sie auch sprechen und verstehen können!“ Wer hat diesen Satz nicht einmal in der Schule gehört? Zwar ist Lesen und Schreiben genauso wichtig wie das Sprechen und Verstehen von Gesagtem, aber eben nur genauso wichtig. Hörverstehen und Aussprache sind mittlerweile wichtige Bestandteile des Spracherwerbs. Aber nur weil wir das Alphabet kennen und lesen können, können wir nicht gleich alles in einer anderen Sprache laut vorlesen. Der Buchstabe „A“ mag wohl auch im Englischen Alphabet vorkommen. Aber klingen tut er dann doch anders. Im französischen dagegen klingt „ou“ wie im deutschen „u“, und im italienischen wird „ci“ wie im deutschen“ tschi“ ausgesprochen. Aber woher können wir das wissen?

Die schriftliche Darstellung von Sprachen aus anderen Ländern, die keine Schrift besaßen, durch Missionare und Wissenschaftler erfolgte lange Zeit ohne ein einheitliches Schema. Daher entwickelte Karl Richard Lepsius 1855 das Standardalphabet. Mit diesem wollte er zum einen das Erforschen fremder Sprachen, zum anderen aber auch die damalige Missionierung in Afrika verbessern. Zwar hatten auch andere Wissenschaftler versucht eine einheitliches System zu entwickeln, jedoch erwies sich Lepsius Standardalphabet als am geeignetsten für die afrikanischen Sprachen und wurde so von vielen Missionaren übernommen. (vgl. Museumsverein Naumburg)

Das Standartalphabet besteht aus den 26 lateinischen Buchstaben, sowie einigen griechischen Buchstaben. Ergänzt werden konnten diese durch Zeichen über oder unter den jeweiligen Buchstaben, . z.B. durch Punkte oder Striche. Unterschieden wurde in nur drei Vokale (a, i, u), „explosive“ Konsonanten (wie p oder t) und „reibende“ Konsonanten (wie v oder s). Lepsius selbst übertrug viele Sprachen in dieses Alphabet, darunter auch die Hieroglyphen. (vgl. Museumsverein Naumburg)

Hier ein Video, das zeigt wie nützlich die Lautschrift ist:

Grundlagen des Standardalphabets lassen sich auch in anderen Modellen von Lautschrift wiederfinden. Eine weitere sehr bekannte Lautschrift ist die Teuthonista. Erfunden hatte diese Phillip Lenz im Jahre 1900. Lenz unterschied auch in Vokale und Konsonanten. Für ihn gab es allerdings geschlossene oder offene, sowie Murmelvokale. Auch die Länge der ausgesprochenen Vokale war entscheidend. Bei den Konsonanten gab es stimmhafte und stimmlose Konsonanten. Hermann Teuchert nahm dann das Modelle von Lenz auf und veränderte es leicht. Dies veröffentlichte er dann 1925 unter dem Titel „Lautschrift der Teuthonista“ in der Zeitschrift Teuthonista. Dies verlieh der Schrift dann auch den Namen Teuthonista. Im Laufe der Zeit wurde diese an die jeweiligen deutschen Dialekte angepasst, was dazu führte, dass sie nicht als einheitliches System vorherrscht. (vgl. Kramer)

Das Speech Assessment Methods Phonetic Alphabet, kurz SAMPA ist ein System erfunden von internationalen Sprachwissenschaftlern von 1987-1989, welches Bezug zu den bekannten europäischen Sprachen Dänisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Niederländisch nimmt. In den darauffolgenden Jahren wurde es in anderen Forschungsprogrammen um weitere Sprachen erweitert und soll somit alle Sprachen abdecken können. Besonders an dieser Lautschrift ist, dass es sich um ein für Maschinen lesbares Alphabet handelt. So erhält jeder Laut einen Unicode. Unterschieden wird hier auch in offene (z.B. a) und geschlossene (z.B. i) Vokale, sowie zwischen gespannten (aus dem Bauch) oder nicht gespannten (aus der Kehle) Vokalen. Bei den Konsonanten wird zwischen den stimmhaften und stimmlosen, sowie dem Ort und der Art der Spracherzeugung (z.B. Rachen, Gaumen etc. bzw. nasal, verengen des Mundraums etc.). Beide werden dann noch in Länge, Betonung und Stimmlage unterschieden. (vgl. Wells)

Die bekannteste Lautschrift ist wohl die IPA (International Phonetic Alphabet). Sie besteht aus Zeichen. Wie auch bei der SAMPA besitzen die Zeichen Unicodes um sie durch Maschinen darstellen zu lassen. Entwickelt wurde sie von der 1886 von Paul Passy in Paris gegründeten „Dhi Fonètik Tîtcer´z Asóciécon“, die heute in „International Phonetic Association“ umbenannt wurde und ihren Sitz in Leeds hat. Mitglieder waren damals Fremdsprachenlehrer, die ein System der Lautschrift für den Fremdsprachenunterricht entwickeln wollten. (vgl. Günther)

Das von dieser Gesellschaft entwickelte International Phonetic Alphabet (IPA) besteht aus lateinischen und griechischen Buchstaben, die der lateinischen Schreibweise angeglichen wurden. Unterschieden wird hier auch in Vokale und Konsonanten. Bei den Vokalen gibt es eine Unterscheidung in Zungenlage(vorne, zentral oder hinten im Mund), Lippenrundung (gerundet oder ungerundet), sowie von Zungenhöhe (geschlossen bis offen). Bei den Konsonanten wird, wie bei der SAMPA, in Stimmhaftigkeit (stimmlos oder stimmvoll), Artikulationsort und Artikulationsart unterschieden. Aber auch in pulmonal (Luft aus der Lunge ausströmen) und nicht-pulmonal Konsonanten, sowie einige andere seltenere Unterkategorien. Unabhängig von Konsonant und Vokal wird auch noch in Betonung, Tonhöhe und Tonlänge unterschieden. Dargestellt wird die IPA in eckigen Klammer. Sie lässt sich heutzutage in den meisten Wörterbüchern oder Sprachführern wiederfinden. (vgl. Technische Universität Berlin)

Die Notwendigkeit einer Lautschrift zeigt uns, dass die Schrift allein nicht ausreicht. Bei der Schrift kommt es nämlich nicht nur aufs Sehen, sondern auch aufs Hören und Sprechen an, denn wir brauchen immer den Klang der Wörter. Sogar beim stillen Lesen. So spricht man hierbei trotzdem gedanklich die Worte aus um sie in der Imagination zu hören. Laute gehören zur Schrift. Und die Lautschrift ist somit eigentlich die Erkenntnis, was wir da hören, wenn wir Worte lesen.

 

Quellen:

Günther, Hartmut/ Ludwig, Otto: Schrift und Schriftlichkeit / Writing and its Use. Bd.2. ebook google. S.1585.

Kramer, Ulrike: Zur Geschichte des Transkriptionssystems Teuthonista. In: Österreichische Akademie der Wissenschaftenhttp://www.oeaw.ac.at/dinamlex/Teuthonista_Geschichte.pdf.

Museumsverein Naumburg e.V.: Carl-Richard Lepsius- Biographie. www.lepsius-online.de.

Technische Universität Berlin: Phonetische Grundlagen http://fak1-alt.kgw.tu-berlin.de/call/linguistiktutorien/phonologie/phonologie%20k1.html.

Wells, John: SAMPA computer readable phonetic alphabet. In: www.phon.ucl.ac.uk/home/sampa.

Weitere Informationen:

Tabellen und Erklärungen des IPA