Das Phänomen „Background Noise“

„My Music“ (andru89/deviantart)

„The trouble with life is that, unlike movies, it doesn’t have background music.”

Das sagte 1985 schon Lewis Gardner und heute würden ihm viele wahrscheinlich zustimmen. Würde es das Leben nicht viel interessanter machen, wenn hinter allem, was man tut, ein passender Soundtrack eingespielt würde? Aber ist das der Grund, weshalb man sich ständig mit Musik und Geräuschen umgibt? Vermutlich nicht, aber es ist einer von vielen.

Es gibt Dinge, die macht man einfach so, ohne darüber nachzudenken. Man kommt nach Hause, schaltet den Fernseher ein und schaut dann nicht mal zu. Man betritt seine Wohnung oder setzt sich ins Auto und schaltet das Radio ein. Oder aber man geht ins Bett, will eigentlich nur noch schlafen und schaltet doch noch eben schnell den Fernseher oder das Radio ein. Dass das nicht für alle Leute gilt, ist klar. Vor allem für Ältere ist dieses Verhalten oft ein Rätsel, doch die meisten anderen können sich sicher damit identifizieren. Aber warum macht man das überhaupt? Woher kommt dieses Bedürfnis, jede Stille mit Geräuschen füllen zu wollen? „Nur so“ jedenfalls nicht, denn jede Musik, jedes Geräusch, das man sich einschaltet, erfüllt irgendeinen Zweck, auch wenn einem der Grund oft nicht bewusst ist.

„Background Noise“ nennt man dieses Phänomen manchmal. Und das wo der Begriff „Noise“ doch eigentlich einen ziemlich negativen Beigeschmack hat. Immerhin bedeutet er nicht nur Geräusch, sondern auch Lärm und Krach. Auf der einen Seite beschwert man sich oft und gerne über Lärmbelästigung, auf der anderen Seite wird versucht, jede doch noch eintretende Stille mit Geräuschen zu füllen. Manchmal ist es nicht mal wichtig, was für Geräusche das sind, denn so richtig steuern kann man ja nicht, welche Musik gerade aus dem Radio oder welche Geräusche aus dem Fernseher kommen. Vor allem in den letzten Jahren entwickelten sich diese beiden Medien zum „Nebenbeimedium“. Der Fernseher, bei dem das vielleicht eher überrascht, ist inzwischen  laut einer Umfrage für mindestens 67 Prozent der Zuschauer auch zur Geräuschquelle im Hintergrund für andere Aktivitäten geworden*.

Es sind meist ganz einfache Gründe, die uns dazu veranlassen, unseren Alltag mit Geräuschen zu hinterlegen. Manchmal will man nur irgendwelche Störgeräusche übertönen. Stimmengewirr in Bussen zum Beispiel oder Baulärm nebenan, bei dem man sich nicht konzentrieren kann. Dann lieber überspielen, zum Beispiel mit Musik, die man so gut kennt, dass sie einen nicht mehr ablenken kann. Doch es muss nicht unbedingt Lärm sein, oft sind es die allerkleinsten Geräusche, die man nicht hören möchte. Ein Türenschlagen im Haus oder ein Knacken, das man nicht zuordnen kann und einen beim Versuch einzuschlafen stört …

In vielen Fällen will man auch nur irgendwas im Hintergrund hören, damit man sich unbewusst nicht alleine fühlt. Selbst einfaches Geplapper im Fernsehen kann das Gefühl des Alleinseins verdrängen. Background Noise vermittelt also auch das Gefühl, mit eigentlich abwesenden Personen in einem Raum zu sein, zum Beispiel eben mit denen, die im Radio sprechen oder singen.

Hintergrundmusik ist aber ganz oft auch nur ein „Langeweile-Killer“. Sogar auf die Ankunft eines Busses zu warten, kann spannend wirken, wenn man dabei den Soundtrack zu einem Actionfilm hört. Mit Hintergrundmusik hat man nämlich das Gefühl, die Zeit verrinnt schneller, was ein ziemlicher Vorteil sein kann, wenn man einer monotonen Tätigkeit nachgeht, bei der man sich nicht sonderlich konzentrieren muss. Zum Beispiel beim Sport kann Musik sogar noch eine stimulierende Wirkung besitzen und motivieren. Bei kreativen Tätigkeiten, schreiben beispielsweise, oder malen, kann Musik auch inspirieren.

Anders sieht das bei komplexeren Tätigkeiten aus, bei denen man sich stark konzentrieren muss. Trotzdem lassen sich viele Leute auch beim Lernen von Musik berieseln. Das kann kontraproduktiv sein, auch wenn es einem selbst nicht so vorkommt. Zeit vergeht schneller und die langweiligsten Themen kommen einem nicht ganz so langweilig vor. Außerdem lauscht man dann nicht auf das bereits erwähnte ablenkende Knacken oder Türenschlagen im Haus. Doch sofern man die Art der Musik anpasst, lässt sich auch das Konzentrationsproblem meist relativ gut beheben, denn natürlich lenkt manche Musik mehr ab als andere.

Durch das Hinterlegen des Alltags mit Musik erschafft man sich seine eigene individuelle Soundscape – einen Raum, in dem man sich mit persönlicher Musik und Geräuschen umgibt – und steigt somit aus dem Alltagsraum aus, in dem einem im schlimmsten Fall störende Geräusche oder Musik, die man nicht mag, aufgedrängt werden. Man erschafft sich durch die Wahl seiner Musik eine bestimmte Atmosphäre, die einen auch noch später an bestimmte Zeiten und Orte erinnern kann. Musik kann immerhin auch Stimmungen beeinflussen. Aber nicht nur Musik im Speziellen, sondern auch Klänge im Allgemeinen.

Natürlich hat das auch die Werbung bemerkt und setzt gezielt Klänge ein, um bestimmte Atmosphären zu erschaffen. Ganz deutlich merkt man das in Läden und Einkaufszentren. Die dort gespielte Musik wird oft sorgfältig auf das Klientel angepasst und so eine künstliche Atmosphäre erzeugt, die normalerweise nicht vorhanden wäre. Natürlich gelingt das mal mehr, mal weniger gut. Manchmal stört es auch.

Somit muss man das alles auch kritisch beleuchten, vor allem wenn der „Background Noise“ fremdbestimmt ist. Denn wären nicht so viele Geräusche um uns herum, dann würden wir denen, die dann doch mal da sind, sicherlich mehr Aufmerksamkeit schenken, als wir es heute tun. Aber hat sich durch die permanente Hintergrundmusik wirklich die Art des Zuhörens geändert? Hören wir überhaupt noch hin? Nimmt es der Musik das Besondere, wenn sie jederzeit auf Abruf verfügbar ist? Muss man den Fernseher anlassen, wenn man Besuch bekommt, weil man seine üblichen Hintergrundgeräusche sonst vermisst? Wird Musik dadurch entwertet, dass man sich oft nur noch nebenbei auf sie einlässt?

Zumindest sollte man das nicht ausschließen. Trotzdem, Hintergrundmusik gibt es schon viel länger, als man denkt, nur war sie seltener als heute und wurde als man noch nichts aufnehmen konnte, eben live gespielt. Und man sollte auch nicht vergessen, dass man ja nicht alle Musik nur nebenbei hört. Neu entdeckte Musik hört man ja oft anfangs sehr bewusst, bevor sie sich dann irgendwann mehr und mehr in die Nebenbei-Playlist einfügt, um sich den Alltag ein bisschen zu verschönern…

Quellen:

http://www.iptv-anbieter.info/iptv-news/tv-konsum-%E2%80%93-vom-leitmedium-zur-hintergrundbeschallung/

http://www.stange-elbe.de/grundkurs-musikwissenschaft/artikel/roesing-musikgebrauch.pdf

Schätzlein, Frank: „Sound und Sounddesign in Medien und Forschung“, in: Segeberg, Harro / Frank Schätzlein (Hrsg.): Sound. Zur Technologie und Ästhetik des Akustischen in den Medien, 2005