Ein Orgelstück mit einer Dauer von 639 Jahren – „AS SLOW AS POSSIBLE“

© Kerstin Huwer

Man kann es kaum glauben! Aber es existiert wirklich. Ein Orgelstück mit einer Länge von nicht weniger als 639 Jahren. Wie geht denn so was? Wer kommt auf eine so verrückte Idee? Kann man das überhaupt machen? Das waren wohl die ersten Fragen, die ich mir gestellt habe, als ich von diesem „Lied“ zum ersten Mal gehört habe. So verrückt es auch klingt, so interessant ist es auch. Ein Orgelstück mit dem Titel „Organ2/ASLSP“ = as slow as possible, was so gespielt werden soll, wie es heißt. So langsam wie möglich! In einer Welt, in der uns Musik alltäglich begleitet  und auch sehr schnell wechselt, wir sie individuell unseren Gedanken, Gefühlen und Stimmungen anpassen können, wird ein Stück gespielt, in dem ein Ton über mehrere Stunden, Tage, Wochen, Monate, sogar Jahre andauert. In einer hektischen Welt wird ein scheinbar unwichtiger Tonwechsel zu einem großen Ereignis.

Das Projekt ist von John Cage, ein Komponist, Musiker, Philosoph, Literat und Denker, der in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts mit seinen Werken großen Erfolg hatte.1 Cage wurde in Los Angeles im Jahr 1912 geboren und starb im Alter von 80 Jahren in New York. Hört man sich den Podcast, mit dem Titel „Wie laut kann still sein?“ auf Klangschreiber an, dann bekommt man schon einen Eindruck, von Cages eigenartigen Kompositionen. Bekannt war und ist Cage für seine sehr stark experimentelle Umgangsweise mit Musik, was nicht zuletzt auf seinen Vater zurückzuführen ist, der als Erfinder das Erforschen und Ausprobieren an seinen Sohn weitergab. Immer wieder hat er neue Wege gesucht mit musikalischen Formen umzugehen. Durch seine vielen Studien zur europäischen Musiktradition und einige Vorbilder, die er bewunderte, kam er zu seinem eigenen Verständnis von Musik. Ein ganz besonderes, wie sich zeigen sollte, in dem die Musik nicht durch die Harmonie, sondern durch die Zeit bestimmt werden sollte. Außerdem waren Natur- und Umgebungsgeräusche für Cage besonders inspirierend, sodass er diese teilweise in seine Musik einbaute. 2 Einer seiner Lehrer war Arnold Schönberg, der ihn unterrichtete und großen Einfluss auf Cage hatte. Es war vor allem Schönbergs 12-Ton-Technik, die Cage faszinierte, da die Töne innerhalb der Zwölftonmusik alle eine gleiche Gewichtung bekamen und so  nicht mehr der „Intension des Komponisten“ unterliegen.3

Schnell lässt sich feststellen, dass John Cage aus den traditionellen musikalischen Ausdrucksformen seiner Zeit ausbrechen wollte und offen war für außergewöhnliche, experimentelle und neue Umgangsformen der Musik. Mit dieser Einstellung hatte er nachhaltigen Einfluss auf die Moderne Musik. Seine Philosophie besagt, dass jedes Geräusch, jeder Ton und jeder Klang, gleichwertig ist und seine Bedeutung nicht in einem tonalen Zusammenhang zu suchen ist, wie beispielsweise in einem herkömmlichen Musikstück, sondern in der Erscheinung des Tons, Geräusches, oder Klangs selber.4


Die Entstehung von „Organ2/ASLSP“ – John Cages Orgelstück

http://www.aslsp.de/

Auf der offiziellen Homepage des „Orgel-Kunst-Projekts“, wie es dort genannt wird, wird darauf hingewiesen, dass Cage mit all seinen Arbeiten ein Bewusstsein für die Musik schaffen wollte, so auch mit seinem Stück „ASLSP“.

Dieses entstand im Jahr 1985, allerdings war die erste Fassung des Stücks für Klavier vorgesehen. Der Organist Gerd Zacher inspirierte Cage, sein Stück zwei Jahre später für das Instrument Orgel umzuschreiben.5

Es galt als große Herausforderung dieses Stück umzusetzen, beziehungsweise zu spielen, denn es mussten erst einige wesentliche Fragen geklärt werden.

Wie langsam ist denn genau, so langsam wie möglich?

Im Jahr 1997 sollte diese Frage und einige andere, die das Aufführen des Stückes betrafen, auf einem Orgelsymposium in Trossingen thematisiert werden. Das Ergebnis war, wie man bereits vermuten konnte, entsprechend weitläufig: „As SLow aS Possible“ kann unendlich gedacht und gespielt werden. Allerdings nicht ohne Einschränkung, denn auch eine Orgel hat eine begrenzte Lebensdauer, wobei diese wohl als einziger Zeitfaktor zu nennen ist.

http://www.as-slow-as-possible.com/

Eine besondere Orgel musste her, von der man ausging, dass sie der Herausforderung gewachsen war, 639 Jahre lang zu spielen und zwar ohne, dass jemand über Jahre hinweg einen Ton halten muss. Diese Orgel wurde von dem Orgelbauer Romanus F. Seifert und seinem Sohn gebaut. Heute ist sie als John-Cage-Orgel bekannt und am 5. Oktober 2001 begann sie zu spielen. An diesem Tag wäre Cage 89 Jahre alt geworden, doch er verstarb bereits 9 Jahre zuvor.

Das Stück besteht aus 8 Teilen und momentan sind die Töne a‘, c‘‘, und fis‘‘ zu hören. Die erste Anweisung in der Partitur lautete allerdings „Pause“, sodass der erste hörbare Ton am 5. Februar 2002, durch das Einbauen von Orgelpfeifen mit den entsprechenden Tönen, erklang.6 Doch bis zum ersten Ton war es ein langer Weg. Eine enorme Leistung forderte schon das Umrechnen des Stücks auf eine Dauer von 639 Jahren. So kam es dazu, dass eine Viertelnote ganze 4 Monate dauert. Aber damit nicht genug. Sogar die Bewegung des Fingers von einer Taste der Orgel auf die nächste wurde mit mehreren Monaten berücksichtigt. Das Drücken der verschiedenen Tasten der Orgel übernimmt ein kleines Sandsäckchen. Betrieben wird die Orgel durch ein elektrisches Gebläse, welches permanent läuft, auch wenn, wie so häufig, mal wieder eine Pause von mehreren Monaten ansteht.7

Ein Klangwechsel wird zum Ereignis

Der Ort des Geschehens ist Halberstadt, wo die Orgel in der Burchardikirche steht. Man gewinnt durchaus den Eindruck, dass die Halberstädter Gemeinde ein wenig stolz ist, auf das 639 Jahre lange Orgelstück, welches bei ihnen gespielt wird. So wird ein Klangwechsel zum Event und viele Bescher kommen regelmäßig. Auf der Homepage des Projekts ist jeder Klangwechsel ausführlich dokumentiert und der jeweils folgende Klangwechsel wird angekündigt. Wann welche Töne zu hören sind, wann welcher Klangwechsel stattfindet, wie sich der aktuelle Ton anhört und wie der aktuelle Ausschnitt der Partitur aussieht ist ebenfalls auf der Homepage einsehbar.

Fazit

„As SLow aS Possible“ zeigt deutlich, welches Verständnis John Cage von Musik hatte. Musik soll nicht in erster Linie durch die Harmonie, sondern durch die Zeit bestimmt werden. In welchem Maße Cage diese Auffassung vertritt und welche Vorstellung er von Zeit hatte, wird mit „As SLow aS Possible“ eindringlich verdeutlicht. Verschiedene Theorien über die Entschleunigung der heutigen, doch sehr schnelllebigen Zeit, oder der bewussten Wahrnehmung eines einzelnen Tons lassen sich aufstellen. Auch die monatelangen Pausen, die das Orgelstück beinhaltet, bieten Deutungsansätze, denn in der Zeit der „Pausen“ hört man nicht nichts. Das permanente Rauschen des Gebläses, was auch in dieser Zeit nicht abgestellt wird und sämtliche Umgebungstöne sind vernehmbar, sodass man unwillkürlich an Cages Stück 4.33 erinnert wird.


1. http://www.adk.de/de/aktuell/veranstaltungen/index.htm?we_objectID=30736

2. Rother, Steffen: Die Herausforderung des Werkbegriffs bei John Cage. Norderstedt 2008, S. 4.

3. Ebd.: S. 5.

4. http://www.sterneck.net/stern/avantgarde/

5. http://www.aslsp.org/de/das-projekt.html

6. http://www.aslsp.org/de/klangwechsel.html

7. http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2005/07/02/a0294

Literatur:

Rother, Steffen: Die Herausforderung des Werkbegriffs bei John Cage. Norderstedt 2008.

Onlinequellen:

http://www.adk.de/de/aktuell/veranstaltungen/index.htm?we_objectID=30736

http://www.aeiou.at/aeiou/musikkolleg/schoenberg/sb-wasis.htm

http://www.aslsp.org/de/das-projekt.html

http://www.schoenberg.at/index.html

http://www.sterneck.net/stern/avantgarde/

http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2005/07/02/a0294

http://www.youtube.com