Fortpflanzung – Eine Frage der Stimme?

Was haben Beurlaubungen von Opernsängerinnen, das Einkommen von Stripperinnen und der Nachwuchserfolg von Männern mit der Stimme zu tun?

Schon Darwin erkannte die verschiedenen Veränderungen in der Tierwelt zur Paarungszeit. Ob das Prachtgefieder des Pfaus, das riesen Geweih eines Hirsches, das Erröten des Schimpansenpos oder die Qualität des Gesangs bei diversen Vögeln. Tiere stehen nicht nur im sexuellen Kampf mit Geschlechtsgenossen, sie zeigen auch explizit an wann sie fruchtbar sind! Aber wie sieht es mit uns Menschen aus? Geben wir der Außenwelt ein Zeichen? Ein akustisches Signal?  

SEXUELLE SELEKTION

Der Fortpflanzungsvorteil in der sexuellen Selektion entscheidet über das Fortbestehen der Population, der Art und damit über das Fortbestehen des eigenen genetischen Materials. Speziell in der intersexuellen Selektion, bei der die Partnerwahl durch das andere Geschlecht vollzogen wird, sind direkt wahrnehmbare Merkmale als Indiz der Fruchtbarkeit existenziell. Umso verschiedenartiger und eindrucksvoller sind auch die im Laufe der Evolution herausgebildeten Ausprägungen im Kampf gegen das eigene Geschlecht. Nach dem Prinzip „Survival oft he fittest“[1] wird der Partner nach seiner Fitness, also nach der Wahrscheinlichkeit, das eigene Erbgut  in weitere Generationen zu bringen, ausgewählt und damit anhand der jeweiligen Merkmale selektiert beziehungsweise entscheidet dieses Prinzip auch im Allgemeinen das Überleben durch die Auslese der natürlichen Selektion. Aber sind wir Menschen nicht auch um die Weitergabe unseres Genmaterials bemüht?

 Abgesehen davon, dass sich besonders das weibliche Geschlecht der Art Homo Sapiens besonders äußerlich in jeglicher noch so abstrusen Art für die Männerwelt „verschönert‘‘, ist dies wohl eher subjektiv und stark geschmacksabhängig. Anders sieht es jedoch mit unserer Stimme aus. Diese ist nicht so einfach beziehungsweise nur zu einem gewissen Grade von uns beeinflussbar und stellt gleichzeitig ein gut vergleichbares Merkmal zu der Tierwelt dar, denn auch bei gewissen Tierarten ist der Klang der Stimme ausschlaggebend über den Nachkommenschaftserfolg und damit über die Auswahl während der Paarungszeit.[2]

 

DIE WEIBLICHE STIMME – EIN INDIKATOR DER FRUCHTBARKEIT?

Schlagzeilen wie „Stimme verrät Fruchtbarkeit“[3], „Fruchtbare Stimmenlage“[4] oder „Höhere Stimme an fruchtbaren Tagen“[5] kursierten in der Vergangenheit viel in den Zeitschriften, Zeitungen und Onlineforen unserer Gesellschaft umher. Doch wie fundiert waren diese Aussagen?

Einige vergangene Studien kamen zu dem Ergebnis man könne der Frauenstimme die Fruchtbarkeit anhören, da Männer in diesen Studien die Stimmen der Frauen zum Zeitpunkt des Eisprungs am attraktivsten eingeordnet haben sollen. Die Forscherin Julia Fischer bemerkte jedoch einen Fehler. Die Untersuchungen beschränkten sich lediglich auf den Zeitpunkt der höchsten und der niedrigsten Fruchtbarkeit, nicht aber auf den Rest des weiblichen Monatszyklus. Betrachtet man den gesamten Komplex des Zyklus so kam bei den gleichen Untersuchungen ein ganz anderes Ergebnis heraus. Die im Vorfeld auf den Gesundheitszustand der Stimmbänder und des Kehlkopfs untersuchten Frauen, wurden einen kompletten Monatszyklus täglich aufgenommen. Zudem wurde simultan anhand von Urinproben der Hormonhaushalt beobachtet, um die genaue Fruchtbarkeit zu protokollieren. Ebenso wie in den vorherigen Studien wurden die Tonaufnahmen dann einer Reihe von Männern vorgespielt, allerdings auf einer anderen Sprache um den Attraktivitätswert nicht durch den Inhalt des Gesagten zu verfälschen, sondern einzig und allein auf den Klang der Stimme zu fokussieren, zumal die Frauen in der Studie kurz über das Wetter oder ihren Tag redeten und nicht vorgegebene Sätze ablesen sollten.

Das Ergebnis bestätigte jedoch nicht die vorangegangenen Forschungen. Es konnte sich bei den drei vorgespielten Stimmen, jeweils vor, während und nach dem Eisprung, keine offensichtliche Präferenz der Männer herauskristallisieren. Lediglich 15 der 28 befragten Männer fanden die Stimme vor dem Eisprung am attraktivsten. Abgesehen davon, dass es sich nicht um die fruchtbarste Phase handelt, wie bei den Aussagen der vorherigen Studien, bildet das Resultat auch insgesamt keine starke Mehrheit. Männer können folglich nicht die Fruchtbarkeit ihrer Liebsten anhand ihrer Stimme ablesen, wie es so gerne in Boulevardzeitschriften als „Aufhänger“ genutzt wurden ist.

 

VERÄNDERUNG DER STIMMKONTROLLE DURCH HORMONSCHWANKUNGEN

Dennoch wird der Klang der Stimme durch die Sexualhormone Östrogen und Progesteron verändert, auch wenn es nicht offensichtlich von dem anderen Geschlecht wahrnehmbar ist. Kurz vor Eintreten der Regelblutung vermehrt sich der Östrogengehalt im Blut. Dies wiederum führt zur einer Gewebelockerung und zu einer Flüssigkeitsansammlung am Rand der Stimmbänder und einer hervorgerufenen verschlechterten Lautbildungsbewegung. Reflexartig reagieren die Druck- und  Stellungsrezeptoren, die sich in der Schleimhautschicht der Stimmbänder befinden, auf diese hormonelle Veränderung und versuchen die Stimmlippen zu stabilisieren. Eine gute Beherrschung der Spannung und Dehnung der Stimmmuskulatur durch diese Rezeptoren ist jedoch nur bedingt möglich. Beispielsweise verursacht die Veränderung der Stimmlippendicke eine verringerte Berührung zwischen Spannungsrezeptoren und Stimmlippen, somit ist die Schließkontrolle geschwächt und nicht mehr so stark kontrollierbar. Diese Einwirkungen und die resultierende, mangelnde, muskuläre Kontrollfähigkeit auf die Stimmbänder durch die Verschiebung des Hormonspiegels vor bzw. während der Periode, führt bei der Frau zu Schwankungen in der Stimme. So haben Opernsängerin bereits Vorteile und sind während dieser Zeit freigestellt Laut Fischer sei die Stimme „rauer und weniger harmonisch“, da sich die Tonhöhe am Tag des Eisprungs selbst wieder senkt, während sie im Vorfeld je näher der Eisprung rückt in ihrer Tonhöhe zunimmt. Fakt ist jedoch, dass erstens eine hohe Stimme nicht den Eisprung signalisiert und zweitens diese minimalen Stimmveränderungen die sich im Körper der Frauen abspielen keinesfalls so eindeutig wahrnehmbar sind, als dass Männer ihren Frauen eine „fruchtbare“ Stimme zuordnen könnten. So haben Opernsängerin bereits Vorteile und sind während dieser Zeit freigestellt![6] [7] [8]

 

HOFFNUNG FÜR DIE MÄNNER

Ein wenig Hoffnung gibt es allerding doch noch für die Männerwelt. Auch wenn diese Tatsache letztlich nicht auf die Stimme zurückzuführen ist, konnte dennoch in anderen Studien nachgewiesen werden, dass Frauen an ihren fruchtbarsten Tagen hören Wert auf ihr Erscheinungsbild legen und so dem anderen Geschlecht ein kleines Zeichen geben. Beispielsweise zeigte eine Studie auch, dass aufgrund genau dieser Tatsache Stripperinnen zu dieser Zeit mehr Geld einnehmen würden.

 

DIE MÄNNLICHE STIMME – JE TIEFER DESTO MEHR KINDER?

Ein Forscherteam verschiedener amerikanischer Universitäten untersuchte an dem Stamm der Hadza, die Nachkommenszahl in Relation zur Stimmlage. Während solche Untersuchungen in westlichen Kulturen aufgrund der Verhütungsmittelnutzung nicht möglich seien, repräsentiere nach Meinung der Forschung, dieser abgeschiedene Stamm ein reales Verhältnis zwischen Stimmfrequenz und Kindersegen ohne äußerliche verfälschende Einflüsse. In Ihrem Ergebnis sei die Anzahl der Nachkommen um 0,5 % höher, sofern der befragte Mann eine tiefe Stimmlage um 90 Herzt aufwies. Dabei ist die Stimmlage von dem Testosteronspiegel abhängig und bei einem höheren Nachweis eindeutig tiefer. Schauen wir noch einmal auf die Tierwelt zurück, könnten Frauen dieses Merkmal bevorzugen, da sie es intuitiv mit einer höheren Fitness verbinden und damit als Möglichkeit sehen das eigene Genmaterial im Genpool zu sichern. Auch wenn eine tiefere Stimme kein lebensnotweniges Merkmal im Bezug auf Umwelteinflüsse bildet, so kann es doch durch die sexuelle Selektion und damit aufgrund von Präferenzen, wie in diesem Beispiel die sonore Stimme, zum Fortpflanzungserfolg führen.[9]

Letztlich kann festgehalten werden, dass eine gewisse Relation zwischen Stimme und Fortpflanzung zu dokumentieren ist, jedoch diese stetig mit weiteren Einflüssen, wie sozialer, kulturell-geografischer und persönlicher Umwelt, konkurriert.

 


[1] Darwin, Charles (1896) „On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life.” 5. Auflage

[2] Junker, Thomas/Paul, Sabine (2oo9) „Der Darwin-Code. Die Evlolution erklärt unser Leben“ 2. Auflage, S.49-57

[9] http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/sexualitaet/fortpflanzung_aid_133985.html

 

Literatur

Darwin, Charles (1896) „On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life.” 5. Auflage

Junker, Thomas/Paul, Sabine (2oo9) „Der Darwin-Code. Die Evlolution erklärt unser Leben“ 2. Auflage, S.49-57

 

Onlinequellen

„Stimme verrät Fruchtbarkeit“ 01.05.2008, Gesehen am 15.10.12 http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/sexualitaet-stimme-verraet-fruchtbarkeit-a-550840.html

„Fruchtbare Stimmenlage“ 17.05.2010 21:34 Uhr, Gesehen am 15.10.12  http://www.sueddeutsche.de/wissen/sexualitaet-fruchtbare-stimmlage-1.524804

„Höhere Stimme an fruchtbaren Tagen“ 08.10.2008, Gesehen am 15.10.12 http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/frauen-studie-hoehere-stimme-an-fruchtbaren-tagen-a-582856.html    

“Do Women’s Voices Provide Cues of the Likelihood of Ovulation? The Importance of Sampling Regime” Gesehen 16.10.2012  http://www.plosone.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0024490

Poniewaß, Nadine (06.10.2011) “Schatz, klingst du fruchtbar?”, Gesehen am 16.10.2012 http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/fortpflanzung-schatz-klingst-du-fruchtbar-a-789905.html#ref=rss

„Hormone und Stimme – Oder war Orpheus alterslos“ Vortrag von Dr. Mary Louis Marco Dutoit auf dem EUROVOX Kongress (Genf 1998), erschienen im „Das Apes Bulletin“ Nr. 45 (1999), übersetzt ins Deutsche von Sylvia Bresson, Gesehen 16.10.2012 http://www.evta.ch/Bulletins/Art-45-10.pdf

„Kindersegen für Bassstimmen“ (26.09.2007), Gesehen am 18.10.2012  http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/sexualitaet/fortpflanzung_aid_133985.html

 

Bildquellen

www.pixelio.de