Achtung, ansteckend!

www.chaosmacherin.de

Wir kennen ihn alle, den „gemeinen“ Ohrwurm. Nicht zu verwechseln mit dem tatsächlichen Ohrwurm (forficula auricularia), den man bis in die frühe Neuzeit hinein in pulverisierter Form als Medikament gegen Ohrkrankheiten und Taubheit einsetzte, und der heute noch als Ohrenkneifer zu Unrecht als Teil grauenhafter Legenden bekannt ist.

Der in diesem Blog musikpsychologisch relevante Ohrwurm (vgl. auch diesen Beitrag auf klangschreiber.de) sitzt fest und schlängelt sich genüsslich durch unsere Hirnwindungen, wieder und immer wieder, bis wir ihn schlussendlich Leid sind. Was hat es mit diesem Phänomen auf sich?

Weihnachten –  die Zeit der Ruhe und Besinnlichkeit…

Aber nicht in meinem Kopf! Dort hatte sich nämlich die seit Neuestem sechsfache Grammy-Gewinnerin Adele mit ihrer gefühlvollen Ballade „Someone like you“ eingenistet, angestachelt von den vielen Radio- und TV-Sendern, die der Versuchung unterlagen, den Song am besten mehrmals pro Stunde an ihr Publikum zu senden. Adele trifft sozusagen nicht nur den Nerv der Zeit sondern auch den in meinem Ohr. Ich mag dieses Lied sogar sehr und begrüßte die stimmungsvollen Melodien in meinem Kopf – für eine gewisse Zeit. Der Ohrwurm allerdings hielt sich hartnäckig und hatte auch nach 2 Wochen nichts von seiner Intensität verloren. Just in diesem Moment, in dem ich tippe, läuft das Lied (Someone like you) in meinem Kopf vor sich hin, wer hätte es erwartet?

Es kann jeden treffen…

Der Ohrwurm tritt normalerweise unwillkürlich auf und repräsentiert die Erinnerung an ein zuvor (meist) mehrfach gehörtes Lied und macht dabei vor keiner Melodie halt: Von Märschen über Volkslieder, Schlager, Techno, Death Metal bis hin zu klassischen Instrumentalstücken und Kinderliedern – alle Genres sind vertreten und letztendlich jedes Musikstück potentieller Ohrwurm. Jedoch hat sich in wissenschaftlichen Studien herausgestellt, dass Lieder mit Text eher im Ohr bleiben, da letztgenannter als Stütze für die Imagination der Melodie dient.

Weiterhin hat sich gezeigt, dass Ohrwürmer auch bei unbeliebter Musik auftreten können, sich allerdings häufiger bei persönlich bevorzugter und daher öfter gehörter Musik entwickeln. Dementsprechend ist das Aufkommen eines Ohrwurms subjektiv bedingt, sowohl durch den eigenen Musikgeschmack als auch durch die Erinnerungen und Erlebnisse, an die wir beispielsweise ein Lied knüpfen, durch die Bedeutung, die wir ihm beimessen oder auch in Leerlauf-und Wartephasen oder in Alltagssituationen, in denen sich ein Liedchen anbieten würde. So bekam ich neulich während der Arbeit bei dem Blick auf die Uhr (es war nur noch eine Stunde bis zum Feierabend) Peter Kents (auch in einer neueren schwungvolleren Version von David Hasselhoff bekannt) „It´s a real good feeling“ nicht mehr aus dem Kopf, was zumindest die verbleibende Zeit ein wenig unterhaltsamer machte.

Das Geheimnis des Ohrwurms

Auffällig am Ohrwurm ist auch, dass er sich nicht die Zeit nimmt, sich vollständig im Kopf abspielen zu lassen, sondern, dass er fragmentarisch repetitiv daher kommt, und gerade an den prägnanten Stellen in die Dauerschleife verfällt. Die Wiederholung ist an sich also ein Schlüssel zum Geheimnis des Ohrwurms:

Die Chance, ihn zu bekommen steigt mit der Häufigkeit des realen Anhörens eines  Musikstückes (Man denke nur an die vielen Titelmelodien von Lieblingsfilmen und Fernsehserien, die mehrmals pro Woche gehört werden oder an den leidlich erduldeten Smash-Hit, der im Radio immer wieder gedudelt wird.) und vor allem sind es gerade die immer wieder auftretenden KEHRreime, die uns im Gedächtnis bleiben, so lange, bis ein Lied letztendlich nur noch für seinen Refrain steht. Die Lebensdauer eines Ohrwurmes rangiert zwischen Minuten bis hin zu Tagen oder Wochen und verschwindet manches Mal genauso plötzlich, wie er aufgetaucht ist. Aber Obacht! Meist liegt er auf der Lauer und wartet nur auf ein vielleicht unbedeutendes Signal, um wieder in voller Kraft zuzuschlagen.

Ein Ohrwurm putzt sich heraus

Sogar in der modernen Musik hat der Ohrwurm seinen ganz persönlichen Stellenwert bekommen. Hitlisten von Ohrwürmern werden mit Hilfe von Befragten erstellt, oder ihm wird gleich ein Lied gewidmet:

Die Wise Guys (Vocal Pop Band aus Köln) hatten sich den durchschlagenden Erfolg ihres Liedes „Der Ohrwum“ wohl kaum ausmalen können, als sie es 2004 auf ihrer Platte „Wo der Pfeffer wächst“ veröffentlichten und den Nagel auf den Kopf trafen: „Weil ich in deinen Ohren steck, und ich geh hier nie mehr weg!, Ich bin zwar nicht grad virtuos, doch du wirst mich nie mehr los!,Ich bin ziemlich penetrant, sonst wär ich nicht so bekannt!“ Seit dem hängt es ihnen an und gilt als Stimmungsmacher unter den Fans und als Lockmittel, um die Jungs nach dem regulären Teil ihrer Konzerte zu einigen Zugaben auf die Bühne zu bewegen. Natürlich ließen es sich die 5 Sänger im Anschluss daran nicht nehmen, eine Gegeninitiative zu ihrem eigenen Werk zu starten. Bereits 2006 erschien als Hidden Track auf dem Album „Radio“ eine Live-Version des klangvollen Titels: „Kein Ohrwum“, der in Form von 12-Ton-Musik und unter Maßgabe eines nicht vorhandenen Rhythmus´ präsentiert wurde.

Abgesehen vom öffentlichen Interesse bleibt die Frage, was den Ohrwurm so speziell macht. Anders als beispielsweise Bilder, die uns vielleicht im Gedächtnis bleiben, zeichnet sich der Ohrwurm durch seine akkurate Speicherung im Hirn aus. Ein Bild können wir im Geiste auf hunderte Arten und Weisen konstruieren, können uns dieses und jenes vorstellen, was in dem Bild enthalten ist, was genau zu sehen ist. Ein Lied allerdings ist bereits fertig konstruiert, wenn wir es hören. Die grundlegenden musikalischen Eigenschaften eines Stückes wie Tempo, Melodie, Rhythmus und sogar Klangfarbe und Tonhöhe sind bereits festgelegt und bleiben in der Regel mit bemerkenswerter Genauigkeit erhalten. Das, was wir dann im Kopf hören, entspricht ziemlich genau dem Original aus Fernsehen und Radio.

Achtung, Ansteckungsgefahr!

Einfach mal ausprobieren und eine bekannte Melodie in der Nähe eines Bekannten pfeifen, summen oder singen und abwarten … „Toll, jetzt hast du mir einen Ohrwurm verpasst!“ Wie oft haben wir den Satz schon gehört oder selbst ausrufen müssen? Sicherlich ist der Ohrwurm zwar keine Krankheit, aber dennoch ansteckend. In Der einarmige Pianist spricht Oliver Sacks auch von „kognitiv ansteckenden Musikerregern“. Nicht zuletzt stellt sich daher dann auch die Frage: Und wie werde ich ihn los? Eines sei vorab gesagt (ich hab es selbst schon ausprobiert): das betreffende Lied schneller abzuspielen hilft nicht! Vielmehr kann der Ohrwurm bekämpft werden durch das Anhören bzw. Vorstellen anderer Musik (was aber im schlimmsten Fall zu einem neuen Ohrwurm führen kann)  oder durch die Konzentration auf andere (kognitive) Tätigkeiten.

Der Ohrwurm – ein modernes Phänomen?

Musik begleitete den Menschen schon immer. Auch früher schon war Musik umfangreich vorhanden, aber nicht allgegenwärtig. Man musste andere Menschen aufsuchen, um Gesang zu hören (oder hervorzubringen), zum Beispiel in der Kirche, auf Festen oder bei familiären Feierlichkeiten. Nur in Konzerten oder in der Kirche war es möglich, Instrumentalmusik zu lauschen (insofern kein Instrument im eigenen Haushalt vorhanden war). Mit der Entwicklung moderner Medien wie Radio, Film und Fernsehen änderte sich die Verfügbarkeit der Musik. Diese war nun mühelos zu bekommen. Wem das nicht reichte, konnte sich seine Lieblingsmusik auf Speichermedien ziehen und sie genussvoll dauerhaft konsumieren (Walkman, Discman, MP3-Player).

Aber auch diejenigen, die sich ihre Ohren nicht regelmäßig mit Kopfhörern zupropfen, ihrer Umwelt sozusagen noch mit offenen Ohren begegnen, werden vor dem pausenlosen musikalischen Dauerfeuer nicht verschont. In Restaurants, Bars, Clubs bleibt uns so zumindest die Wahl, ob wir dem Gesprächspartner, oder doch der Musik lauschen wollen. In Supermärkten beschallt uns anregende Musik, die zum Kaufen verleitet. In den Sportstudios können die Mitglieder im Rhythmus der Musik  trainieren. Da ist es dann nicht verwunderlich, wenn doch mal ein Liedfetzen Eingang ins Ohr findet und sich rasch zum Ohrwurm entwickelt. Und falls es irgendwo doch mal keine Dauerbeschallung geben sollte, durchbrechen wir diese Ruhe eben selbst mit den Songs in unserem Kopf!

 

Literatur:

  1. Spitzer, Manfred. Musik Im Kopf: Hören, Musizieren, Verstehen und Erleben im neuronalen Netzwerk. Stuttgart [u.a.]:  Schattauer, 2009.
  2. Sacks, Oliver W., und Hainer Kober. Der Einarmige Pianist: über Musik und das Gehirn. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt,2008.
  3. Wise Guys: Das Magazin. Ausgabe 21, Oktober 2011.
Videos:
  1. Adele: Someone like you (2011): http://www.clipfish.de/musikvideos/video/3676343/adele-someone-like-you/  (Eintrag abgerufen am 15.02.2012)
  2. Peter Kent: It´s a real good feeling (1979): http:// www.youtube.com/watch?v=wiZvYvqUhro (Eintrag abgerufen am 15.02.2012)
  3. Wise Guys: Der Ohrwurm (2004): http:// www.youtube.com/watch?v=vTltVPnvhVE  (Eintrag abgerufen am 15.02.2012)

Bildnachweis:

http://chaosmacherin.de/2011/10/13/52-songs-15-ohrwurm/ Eintrag erstellt am 13.10.2011. Eintrag abgerufen am 15.02.2012.