Hörbuch aufnehmen leicht gemacht? – Wie mein Zimmer zum Tonstudio wurde

Ein 'Popschutz' ist schnell gebastelt

Ein ‚Popschutz‘ ist schnell gebastelt

Wer meint, ein originelles Geschenk zu finden, sei einfach, irrt. Wenn die Mutter, der Vater, Oma, Tante oder der Partner schon alles haben, muss man schon tiefer in die Trickkiste greifen. Da Not bekanntlich erfinderisch macht, kam mir im März diesen Jahres eine glorreiche Idee: Mein hörbuchliebender Freund sollte nicht länger (fremde) Stimmen hören, sondern in Bälde sollte ihn mein zartes Organ vom mp3-Player aus mit spannenden Geschichten beglücken. Es stand fest: Ich wollte ihm eigenhändig ein Hörbuch aufnehmen. Da es dem gemeinen Studenten immer an einer Sache mangelt, nämlich Geld, kam für mich auch nur Do-It-Yourself in Frage.

Ein passendes Buch zum Lesen war schnell gefunden, für den Anfang ein Kinderbuch von Paul Maar, das neuerdings auch verfilmt wurde. Das Gute an Kinderbüchern: Sie sind nicht zu lang (siehe Historienromane), entbehren dröger Schachtelsätze und es gibt keine komplexe, schier undurchschaubare Personenkonstellation (siehe Thriller). Außerdem haben sie einen hohen persönlichen Wert, besonders dann, wenn man das betreffende Buch selbst in als Kind gelesen hat.

Nach der üblichen stupiden, doch elementaren Googlesuche (Wie nehme ich ein Hörbuch auf?) las ich mich in unterschiedlichste Forumsbeiträge ein. Darunter waren einige hilfreiche Tipps und verschiedene weniger hilfreiche, wie z.B. diesen: „…mit guter software (…) kannste schon gute ergebnisse erzielen. (…) ansonsten gehste halt in ein  tonstudio für 890€ die stunde!“, Quelle: http://www.mediengestalter.info/forum/26/selbst-hoerbuch-aufnehmen-29917-1.html)

Nach gründlicher Recherche stellte ich schließlich fest:

1. Man muss ein digitales Tonaufnahmeprogramm herunterladen!

Und dieses auch zu bedienen wissen … Als gute grundlegende Freeware werden die Programme Audacity und No23-Recorder genannt. Audacity hat einige nette Funktionen, die sich mir mithilfe von YouTube-Videos rudimentär erschlossen, der No23-Recorder war bedienungstechnisch selbsterklärend und leichter strukturiert.

2. Bei der Aufnahme ist es sinnvoll, in einem ruhigen Zimmer zu sein!

Habe nicht gewusst, dass Straßenlärm durch geschlossene Fenster und trotz eines zur Hofseite gelegenen Zimmers so nervig sein kann. Hatte leider (oder Gottseidank?) nicht genug Eierkartons, sonst hätte ich unseren Abstellraum zum Tonstudio umfunktioniert.

3. Zwingend vonnöten sind ein einigermaßen gutes Mikrofon und ein sogenannter „Popschutz“!

Denjenigen, die nun das erste Mal von diesem hören, sei es gesagt: Der besagte Popschutz ist ziemlich wichtig, da er die bösen Konsonanten p, k, und t auf dem Weg ins Mikrofon abdämpft und so lästige Puster auf der Aufnahme reduziert. Ihr wisst schon, das durchsichtige Ding vor dem Mikro, in das die Musiker immer singen. Ich lernte: Fürs Erste reicht auch ein mit einer Nylonstrumpfhose bespannter Kleiderbügel.

4. Langsam lesen ist das Salz in der Suppe!

Beim Testlesen der ersten Seiten wurde ich mir wieder einmal meiner viel zu schnellen Lesart bewusst. Die konnte ich nun aber nicht ändern, vielmehr musste ich sie für die Aufnahme in geordnete Bahnen lenken. Nach einigen, eher stümperhaft anmutenden Sprechübungen á la „Korken zwischen die Zähne und deutlich sprechen“ (angeblich ein alter Schauspielertrick für bessere Intonation) fühlte ich mich bereit für den ersten Aufnahmeversuch.

Schließlich, als dann auch endgültig alle Türen und  Fenster geschlossen, Störquellen wie Fernseher, Radio und surrende Fliegen eliminiert waren und das Handy ausgeschaltet im Nebenraum lag, begann ich mit meinem ehrgeizigen Projekt. Etwas verkrampft und unnatürlich stark betont sprach ich mit Deutlichkeit die ersten Sätze in meinen Kleiderbügel. Ich schaffte etwa eineinhalb Seiten fast fehlerfrei, bis ich merkte, dass ich ungefähr kein Mal Luft geholt hatte und inzwischen nur noch dünn meinen Text herunter ratterte. Das Lufholen holte ich postwendend nach, nicht gewahr, dass ich nun leider diesen Atmer deutlich auf der Tonspur verewigt hatte.

Nachdem ich, völlig ausgelaugt vom konzentrierten Sprechen, die Datei von .flac und .wave auf .mp3 konvertiert hatte, fiel mir der Patzer beim Probehören auf. Also auf ein Neues, diesmal bewusst mit leichtem, doch häufigem Atmen, weniger stark betonten Sätzen und einer, wie ich mir einbildete, sonoren und satten Stimme. Nach zweimal Umblättern war dann Pause angesagt. Begeistert von meinem dreiseitigen Erfolg ununterbrochenen Vorlesens, kopierte ich mir die fertige Datei probeweise auf meinen mp3-Player. Gelesen hatte ich einwandfrei, doch bei genauerem Hinhören stellte sich nun heraus, dass ein Zimmer, selbst wenn es für das menschliche Gehör ruhig scheint, doch noch Geräusche macht: Auf dem (gefühlt perfekt aufgenommenen) Track war ein unruhiges Rauschen, ja gar ein Raunen zu hören, das problemlos als Sounddesign für den nächsten „Paranormal Activity“ hätte dienen können.

Nachdem ich sämtliche, eventuelle Rauschquellen erfolglos auf Betrieb untersucht hatte, setzte ich strebsam zum nächsten Versuch an. Diesmal schaffte ich sogar vier Seiten zu lesen, leider mit demselben desillusionierendem Ergebnis: Irgendetwas rauschte penetrant und es stand außerhalb meiner Macht, mich dieses Störfaktors zu entledigen. Im Zimmer war es ja „ruhig“! In meiner Verzweiflung versuchte ich das Rauschen zu mindern, indem ich den Track einer Reihe von Feinjustierungen und Tonanpassungen unterzog. Leider etwas laienhaft, denn danach hörte sich meine Stimme wahlweise an wie die Bee Gees auf Helium oder aber das störende Geräusch wurde zum unerwünschten Mittelpunkt der Aufnahme.

Inzwischen hatte ich bereits 4 Stunden ununterbrochen an meinem Projekt gearbeitet. Meine Geduld und meine Stimme waren bereits ordentlich strapaziert, was mich erstaunte: ich dachte immer, man muss sich einen Abend lang auf einer Party anbrüllen, bis man heiser wird. Mein Schreibtisch glich einem Schlachtfeld, weil ich in dem Versuch, das Mikrofon auf meine Mundhöhe anzupassen, Türme von gebundenen Büchern aufgeschichtet hatte.

Völlig frustriert und ernüchtert baute ich meine Siebensachen ab, deinstallierte Audacity und den No23-Recorder und löschte die Fehlversuche.

Man merke: Nicht immer wird aus einem schönen Gedanken auch ein schönes Geschenk!

PS: Mein Freund hat sich an seinem Geburtstag nichtsdestotrotz sehr über das gekaufte Hörbuch des besagten Buches gefreut.