Wenn die Musik zu tanzen beginnt – vom Treffpunkt der Künste im klassischen Ballett

Foto: Veronika Lichtenwald

Im Ballettsaal

Sanfte Harfenklänge erzittern in der Stille des Ballettsaals. Geigen und Oboen steuern sachte Töne bei, die zart in der Luft verklingen. Ein Schwan erscheint auf der Bühne. Tänzelt schwerelos auf der Spitze, dreht Pirouetten und springt, als wolle er der Schwerkraft trotzen. Mit einem Wink bringt der Dirigent plötzlich den ganzen Saal zum Erbeben, als der böse Zauberer die Bühne betritt. Die Atmosphäre, geschaffen aus der perfekten Harmonie von Bewegung und Klang, hält die Sinne des Publikums gefangen. Die Rede ist hier natürlich von Schwanensee – der Klassiker des Balletts schlechthin – der die dramatische Liebesgeschichte um die verzauberte Prinzessin Odette und dem Prinzen Siegfried erzählt. Ein wesentlicher Bestandteil und untrennbar mit dem Schwanensee-Ballett verbunden, ist die Musik von Peter Iljitsch Tschaikowsky, der seit diesem Stück als der Ballettmusikkomponist par exellence gilt. Doch nicht nur bei diesem Ballett wird sich manch ein Zuschauer schon mal gefragt haben, was eigentlich die größere Wirkung hat – die Musik oder der Tanz? Dieser Beitrag beschäftigt sich mit dem besonderen Musik-Tanz-Verhältnis im klassischen Ballett und wie sich dieses im Laufe der Zeit gewandelt hat.

Das Musik-Tanz-Verhältnis

Um das zu verdeutlichen, schauen wir uns erst einmal andere Gattungen an. “ Die Oper gibt es ohne Musik als Drama, das Lied gibt es ohne Musik als Lyrik, und die Musik alleine gibt es sowieso“ heißt es in dem Werk Musik und Tanz[1]. Bezogen auf den klassischen Tanz könnte man sich fragen: Was bleibt wenn man dem Ballett die Musik nimmt? Ist es dann lediglich eine Abfolge von Schritten? Bemerkenswert sei es, heißt es weiter, dass es in der gesamten Ballettgeschichte den Tanz nur in den seltensten Fällen ohne Musik gab, was auf ein besonders enges Verhältnis zwischen Musik und Tanz schließen lasse[2]. Und tatsächlich ist für viele eine Ballettvorführung ohne Musik kaum vorstellbar. Das bedeutet natürlich nicht, dass das eine ohne das andere nicht existieren kann. In der Vergangenheit hat es durchaus Ballettperformances ohne Musik gegeben. Auch lauscht manch einer liebend gerne den Ballettpartituren von Delibes, Fokine oder Strawinsky ohne je das Ballett gesehen zu haben. Doch auch wenn beides unabhängig voneinander seine Daseinsberechtigung hat, ist es nicht gerade die Verschmelzung dieser beiden Künste, was die Faszination des klassischen Balletts ausmacht?

Die Balletttradition

Die Faszination fürs Ballett ist schon seit hunderten von Jahren ungebrochen. Von Frankreich ausgehend, eroberte das Ballettfieber ab dem 17. Jahrhundert ganz Europa. Die ersten, an Fürstenhöfen aufgeführten, Darbietungen waren eine  typisch barocke Mischung aus Instrumentalmusik, Gesang, Rezitation und Tanz[3]. Die Musik dieser Hofballette sei ausgesprochen illustrativ gewesen. Sie unterlegte das Geschehen mit lautmalender Nachahmung  von Naturgeräuschen und nicht selten krönte ein pompöses Feuerwerk das Ende der Ballettaufführung[4]. Erst nach einem langen Entwicklungsprozess ist das klassische Ballett zu dem geworden, was  wir  heute kennen. Professionell ausgebildete Balletttänzer gab es damals noch nicht. Erst König Ludwig der XIV. gründete 1661 die Académie Royale de Dance in Paris und legte so den Grundstein für die Professionalisierung des klassischen Balletts. Übrigens trat Ludwig der XIV. auch selbst als Tänzer in Erscheinung.  Im Ballet Royal de la Nuit verkörperte er die Sonne, was ihm zu seinem berühmten Beinamen „Sonnenkönig“ verhalf[5].

Die Sprache des Balletts

In den darauffolgenden Jahren  wurde das klassische Ballett in strikte Regeln gefasst. Die jungen Tänzerinnen und Tänzer lernten fortan nicht nur die technisch einwandfreien Drehungen und Sprünge, sondern auch Stimmungen durch Gesten und Mimik zu vermitteln. Ganz ohne Worte erzählen sie dem Publikum eine Geschichte. Und das geschieht im besten Falle in perfekter Harmonie mit der Musik, die die Sprache der Bewegung weiter spricht. „Die Musik befreit den Tanz zu sich selbst, sie entfesselt und sie bändigt ihn, sie gibt ihm Gesetze, mit denen er nach Belieben verfahren kann. Sie überwältigt ihn, um von ihm überwältigt zu werden“[6] heißt es auch in der Fachliteratur.
Doch wie entwickelte sich die anfängliche Hintergrundmusik zu eigenständigen, aus der klassischen Musik kaum wegzudenkenden, Meisterwerken?

Foto: Veronika Lichtenwald

Ballettmusik

War die Musik in den Anfängen des Balletts noch lediglich als Begleitung gedacht, entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert eine selbstständige Ballettmusik.  Oft war es eine Auftragsarbeit, die eigens für ein bestimmtes Theater oder eine Ballett-Compagnie komponiert wurde. Meist machte der Choreograph den Komponisten genaue Vorschriften wie die Musik sein sollte, damit sie mit seinen Vorstellungen von den Bewegungen harmonierte. „Die Musik diente dem Tanz und hatte sich dem unterzuordnen“[7]. Erst namenhafte Komponisten wie Adolphe Adam, Leo Delibes oder Peter Tschaikowsky schafften es, die Ballettmusik aus ihrem Schattendasein herauszuführen. Die Musik hatte sich eine höhere Stellung erkämpft, indem sie nicht länger nur untermalte, sondern die Choreographie mitbestimmte. Doch nicht nur das. Die Ballettmusik schaffte es sogar sich komplett vom Tanz zu lösen und sich selbstständig zu behaupten. Noch heute erklingt zur Weihnachtszeit von überall her die Ouvertüre des Nußknacker-Balletts. Auf der ganzen Welt spielen große Orchester Prokofieffs Romeo und Julia oder Strawinskys Feuervogel. Vielfach adaptiert ist die Ballettmusik, auch heute noch unabhängig von dem getanzten Ballett, allgegenwärtig.

Choreographie

Doch wie übersetzt man eigentlich Musik in Bewegung? Dieser Herausforderung stehen sich Choreographen gegenüber und es existieren unterschiedliche Herangehensweisen. Bei den einen entspringt die Bewegung aus der Musik, während der andere eine klare Vorstellung davon hat, welcher Klang mit der erdachten Bewegung am besten harmoniert. Hierbei ist für den Choreographen die Musik oft die Basis seines künstlerischen Schaffens und eine wichtige Inspirationsquelle, die seine Ideen voranbringt. Die musikalischen oder literarischen Ideen [8] werden nach und nach in Tanzfiguren wie dem Plié, Pas de Bourrée oder Tendu  übersetzt. Übrigens ist der Kodex dieser Figuren auch heute noch derselbe wie er 1830 im Code complet de la Dance niedergeschrieben wurde [9]. Dabei geht es aber um viel mehr als um technisch einwandfreie Tanzschritte. Die Bewegungen müssen Gedanken und Gefühle ausdrücken und Stimmungen in den Zuschauerraum tragen können. Ein Choreograph hat aber nicht nur die Aufgabe die Schritte mit der Musik zu einem flüssigen Ganzen zu verbinden, er muss ein harmonisches Gesamtkunstwerk erschaffen. Die besondere Herausforderung besteht darin, zwei traditionsreiche Künste miteinander zu verbinden, die beide nicht auf die Sprache angewiesen sind, aber doch so viel sagen können. Wenn dann der Vorhang aufgeht, liegt es in den Händen der TänzerInnen, das Publikum mit dieser Sprache zu verzaubern.

Ballett als Gesamtkunstwerk

Spricht man im Ballett von einem Gesamtkunstwerk, so darf man sich nicht nur auf Musik und Choreographie beschränken. Zum Treffpunkt der großen Künste gehören ebenfalls die literarische Vorlage und das Bühnenbild. Berühmte Schriftsteller wie William Shakespeare, Heinrich Heine, E.T.A. Hoffmann, sowie zahlreiche Märchen und Sagen lieferten die Inspirationen für große Handlungsballette wie der Nußknacker, Giselle oder Romeo und Julia. Namenhafte Künstler wie Miró, Chagall oder Derain bereicherten mit den Kulissen und Kostümen die Aufführungen und unterstrichen deren Charakter. Das klassische Ballett besteht  aus vielen künstlerischen Komponenten, die zu einer Einheit verschmelzen. Und wie ist es nun mit dem Musik-Tanz-Verhältnis? Darüber mag sich die Fachwelt uneinig sein. Klar ist, dass das Ballett und deren Musik eine lange Entwicklungsgeschichte durchmachte und sich das Verhältnis dieser beiden Künste immer wieder wandelte. Es kann aber auf jeden Fall als ein Gesamtkunstwerk gesehen werden, das Menschen auf der ganzen Welt damals wie heute in seinen Bann zieht. „Mit Musik und Tanz treffen im Ballett zwei gleichrangige Künste aufeinander […] um Ballett zu werden, kann die eine Kunst nicht ohne die andere sein“[10]. Dieser Meinung möchte ich mich anschließen.

 

Quellen:

1.
vgl. Bernward Lamerz: Musik und Tanz ; zum Verhältnis zweier Künste im 19. und 20. Jahrhundert. Steiner-Verl., 1987 (Die Tanzarchiv-Reihe, Bd. 22). S.17

2. vgl. ebd. S. 17

3. vgl. Rudolf Liechtenhan: Vom Tanz zum Ballett ; Geschichte und Grundbegriffe des Bühnentanzes. 2. Aufl., Belser-Verl., 1992. S. 32

4. 5. vgl. ebd., S. 41

6. Hans Heinz Hahnl, zit. N. Lamerz, S.34

7. vgl. Lammerz, S. 35

8. 9. Max Niehaus: Ballett. Prestel-Verl., 1954. S. 37

10. Lammerz, S.134