Der städtische Sound

 Städte haben meistens viel zu bieten: Sehenswürdigkeiten, viele Menschen und unendliche Möglichkeiten, etwas zu erleben. Überall ist etwas los und die Lebendigkeit der Stadt zeigt sich in vielen verschiedenen Facetten. Eine Facette, die nicht immer beachtet wird, aber doch großen Einfluss nehmen kann ist das auditive Hörerlebnis der Stadt. In der Stadt entwickelt sich zwangsweise auch eine bestimmte Geräuschkulisse, sie entwickelt ihren eigenen Sound. Während einige Menschen dies als angenehm empfinden, versuchen andere diesen Geräuschen so gut es geht aus dem Weg zu gehen.

Soundscape Stadt

Der Begriff Soundscape wurde etwa 1960 vom kanadischen Musikforscher Raymond Murray Schafer geprägt und setzt sich aus den Worten „sound“ und „landscape“ zusammen. Frei übersetzt bedeutet er also Klanglandschaft. Diese Klanglandschaften befinden sich überall und setzen sich aus kleinsten, sehr detailreichen Klängen zusammen, die sich um Menschen befinden. Alle Klänge zusammen schaffen eine Klangumwelt, die bestimmte Atmosphären und Stimmungen erzeugen kann. Soundscapes sind immer wieder den Veränderungen des Alltags unterworfen, was vor allem am Soundscape der Stadt deutlich wird. Während vor den Zeiten von Industrialisierung und Automobilisierung Geräusche wie Vogelzwitschern, das Hämmern des Schmieds nebenan oder auch eine Kirchglocke prägend waren1, besteht es heute aus anderen Teilen: Man hört vor allem viel befahrene Straßen, Autohupen, Sirenen, Bauarbeiten, Ampelsignale etc. Auch Gespräche und Stimmen werden lauter, da sie sich gegenüber der Stadtklänge behaupten müssen.

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Auffällig ist, dass die Soundscapes der Stadt sich weltweit sehr ähneln. Es gibt Befürchtungen, dass die Eigenheiten der Städte, die sich „je nach Fauna, Flora, Klima, Topographie und kulturellen Gepflogenheiten eigentlich sehr verschieden artikulieren“ 2 schon bald überall gleich klingen und sich dann auch noch als unangenehm und krankmachend erweisen können.

Deshalb gibt es Versuche, diese Klangsphären angenehm und individuell zu gestalten. So rief der „Vater“ der Soundscapes Murray Schafer zum Beispiel das World Soundscape Project ins Leben, das mit verschiedenen Künstlern versucht, harmonische und individuelle Klangsphären in Städten zu gestalten. Es gibt aber auch andere Projekte, die die gewöhnlichen Geräusche der Stadt individualisieren und abwechslungsreicher gestalten wollen. Ein Beispiel dafür ist die musikalische Straße in Lancaster, California:

Insgesamt haben diese Projekte jedoch keinen großen Erfolg, da das Auditive heute meist vernachlässigt wird. Es fehlt das Interesse, den Klang der Stadt dauerhaft künstlerisch zu gestalten. Auch die musikalischen Rillen auf der Straße in Lancaster wurden wieder entfernt.

Nervtötend oder beruhigend?

Wie Menschen auf das Soundscape Stadt reagieren, kann sehr unterschiedlich sein. Murray Schafer empfindet es besonders in Vancouver eher als unangenehm, weshalb er seine Projekte unter anderem gegründet hat. Er beschreibt es vordergründig als Lärm, anstatt einer angenehmen Klangatmosphäre.

Da seinen Anstrengungen leider oft nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt wird, bleibt das Soundscape Stadt meist so wie es ist. Es stellt sich jedoch die Frage, ob das Individuum dies für sich selbst ändern kann. Der englische Medienwissenschaftler Michael Bull hat dazu eine eigene Studie durchgeführt, in der er die Entwicklung des Walkmans, des „personal stereo“ untersucht hat. Seine Theorie ist, dass vor allem Jugendliche durch die Möglichkeit, mobil Musik und Radio zu hören, die Chance sehen, die Klänge der Stadt auszuschalten. Stattdessen können sie ihre eigenen Soundscapes gestalten. In seiner Studie wurde auch klar, dass soziale Komponenten beim „Ausschalten“ der Stadt eine Rolle spielen. Das Ausschalten der Stadt wird in geführten Interviews oft mit dem Ausschalten von Einsamkeit und Langweile gleichgesetzt. Die Stadt übt also trotz ihrer Lebendigkeit und Lautstärke keine besonders unterhaltende Funktion aus. Ein anderer Grund für den Zuwachs an Kopfhörern in der Stadt ist auch die Möglichkeit, die Atmosphäre zu ändern und dadurch ein neues Erlebnis der Stadt zu erlangen.

Trotz aller negativen Meinungen über das Soundscape Stadt gibt es auch Fans der städtischen Sounds. Oft verbinden sie die Geräusche mit einer Reise, die positive Emotionen und Erinnerungen weckt. Natürlich gibt es aber auch einfach den Stadtmenschen, der sein Leben lang mit diesen Geräuschen umgeben war und sich durch sie heimisch und beruhigt fühlt. Wie man auch zum Soundscape Stadt steht, etwas Neues und Interessantes gibt es beim aufmerksamen Lauschen bestimmt immer.

 

1 http://www.goethe.de/kue/arc/dos/dos/sls/sku/de1515752.htm

2 http://www.goethe.de/kue/arc/dos/dos/sls/sku/de1515752.htm

 

Quellen:

Bull, Michael (2006): Sounding out the city: personal stereos and the management of everyday life, Oxford

Föllmer, Golo (2006): Der Klang der Stadt, für Goethe-Institut, abrufbar unter http://www.goethe.de/kue/arc/dos/dos/sls/sku/de1515752.htm

Bildquelle:

http://www.lanzillotta-translations.de/fileadmin/user_upload/background_bg//iStock_000005301519Medium_Busy-City.jpg