Die Klangfarbe

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In der Musik gibt es unzählige Begriffe, die immer und immer wieder auftauchen. Die Grundelemente wie Melodie, Rhythmus, Tonhöhe sind den meisten Menschen ein Begriff, ja sogar ein Akkord kann die Mehrheit sicher noch einordnen. Mit Wörtern wie Augmentation, Kadenz oder Intervall wird es dann schon schwierige, diese werden dann gerne den Fachmusikern überlassen. Immer wieder trifft man dann aber noch auf den Begriff „Klangfarbe“. Doch was ist eigentlich die Klangfarbe? Vom Gefühl her müsste sie zwischen die beiden Bereiche „Grundbegriffe“ und „Fachbegriffe“ eingereiht werden. Denn von Klangfarbe hört man doch öfters als von einer Augmentation, nur die Bedeutung ist trotzdem nicht so ganz klar. Auf der Suche nach einer einfachen Definition, fällt schnell auf, dass es eine solche schlichtweg nicht gibt. Um den Begriff genauer auszuführen, bedarf es also einer gründlicheren Recherche.

Klangfarbe

Es stellt sich heraus, dass die Reichweite der Klangfarbe häufig unterschätzt wird. Sie nimmt gegenüber Melodie, Harmonie und Rhythmus in der Regel eine untergeordnete Position ein. Das liegt vor allem daran, dass eine rationale Analyse der Klangfarbe ohne technische Hilfsmittel fast unmöglich durchgeführt werden kann. Tonhöhen oder verschiedene Rhythmen sind leicht messbar, da sie als einzelne Elemente vom Gehör aufgegriffen werden können. Die Klangfarbe dagegen ist ein komplexes Gemisch, das sich aus mehreren Elementen zusammensetzt und nur als Einheit erfasst werden kann. Vereinfacht gesagt ist die Klangfarbe ein fester Bestanteil eines Tons, der durch sein Schallspektrum definiert wird. Das Schallspektrum wiederum setzt sich aus mehreren Elementen wie dem Grundton, den Obertönen, sowie verschiedener Rauschanteile, dem zeitlichen Verlauf des Spektrums oder auch der Lautstärke zusammen. Das heißt die Klangfarbe ist eine mehrdimensionale Größe und hängt auch stark von der Größe, dem Material, sowie der Anregung eines Klangobjekts ab. All diese Faktoren geben dem Klang dann eine gewisse Färbung.

Die Klangfarbe beschreibt also die Eigenschaft, dass Instrumente die den gleichen Ton spielen (z.B a’) trotzdem unterschiedlich klingen. Ein Klavier, das ein c spielt klingt nicht gleich wie eine Geige, die das gleiche c spielt. Doch nicht nur das Spektrum einzelner Instrumente hat eine bestimmte Klangfarbe, auch Mischklänge wie das Zusammenspiel eines Orchesters oder die akustische Kulisse einer Großkreuzung haben ihre spezifische Färbung.

Dabei wird die Klangfarbe aber hauptsächlich unbewusst und auf emotionaler Ebene wahrgenommen. Das dazu führt, dass sie einen hohen Wiedererkennungswert hat, wie zum Beispiel die Mundharmonika in „Spiel mir das Lied vom Tod“, oder über Jahre hinweg erfolgreiche Pop- oder Rockgruppen werden unterbewusst leicht über ihre spezielle Klangfarbe erkannt.

Im Gegensatz zum Visuellen ist es fast unmöglich die Klangfarbe sprachlich zu beschreiben. Es erfolgt überwiegend eher eine Beschreibung der Bewegung, die dadurch entsteht, dem Raum oder dem Material wie zum Beispiel „hämmernd“, „pulsierend“, „hohl“, „metallisch“ oder ähnliches.

Bedeutung der Klangfarbe im Wandel der Zeit

Im traditionellen Orchester wurde der Klangfarbe bis zum Ende des 18 Jahrhunderts nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt, da eine bestimmte Färbung des Klangs als selbstverständlich angesehen wurde und nicht als musikalische Substanz. Oft hing der Zusammenklang auch von den Möglichkeiten des Aufführungsortes zusammen, das heißt es wurde mit den vorhandenen Instrumenten gespielt, was das bestimmte Einsetzen von einzelnen Instrumenten um eine bestimmte Stimmung zu erzeugen, nicht möglich machte. Erst mit der Aufstellung der festen Orchesterinstrumente zum Anfang der Klassik, wurde es möglich die bestimmte Klangcharakterisik der Instrumente gezielt einzusetzen und als Ausdrucksmittel bestimmter Stimmungen zu verwenden. Dadurch wurde die Klangfarbe immer mehr zum Träger von Emotionen. Auch die Imitation natürlicher Klänge und Geräusche, wurden in der Klassik vermehrt eingesetzt, um einzelnen Passagen oder sogar ganzen Stücken einen exotischen Charakter zu geben. Wie zum Beispiel die Flöte als nachahmender Vogelsang in Mozarts Zauberflöte.

Letztendlich setzte sich die Klangfarbe Anfang des 20. Jahrhunderts neben Dauer, Höhe und Dynamik als gleichberechtigter Parameter durch. Die fühlbaren Aspekte eines Klangs wurden als wichtiges Element angesehen und immer bewusster eingesetzt. So wurde das Orchester an sich als ein Klang angesehen. Gleichzeitig schritt die Verfeinerung der Spieltechnik voran, was eine noch genauere Klangfarbenrezeption mit sich brachte. Im Vordergrund der Komposition stand nun die Klanglichkeit, wie zum Beispiel in den Werken von Gustav Mahler oder Claude Debussy, wo die einzelnen Klänge und die Klangfarbe ganz bewusst eingesetzt sind und fast schon die Funktion eines eigenen Themas annehmen.

Doch neben der immer weiter in den Vordergrund rückenden Klangfarbe passiert im ersten Teil des 20. Jahrhunderts weitaus mehr. Die Emanzipation der Dissonanz und des Geräuschs, hat auf den weiteren Verlauf der Klangfarbengeschichte, sowie für die Musik im Allgemeinen eine sehr große Bedeutung. Das Verlassen der Tonalität, war dabei vielleicht einer der bedeutendsten Schritte. Die bestehende tonale Struktur mit festen Tönen und Akkorden wurde aufgelöst und damit verschwand nicht nur das traditionelle Verständnis für Musik, sondern auch die komplette Form brach auseinander. Das führte natürlich zu viel Raum und zu einer großen Suche nach neuen Möglichkeiten, bis hin zum radikalen Bruch in den 1950er Jahren, als die elektronische Musik zum Leben erwachte.

Aber was passiert denn in Zeiten der Auflösung genau mit der Klangfarbe? Vor allem Arnold Schönberg bringt die Emanzipation der Klangfarbe ein weites Stück nach vorne. Mit einer sogenannten „Klangfarbenmelodie“ bei der die Systematik der Tonhöhe auf die Klangfarbe übertragen wird und so wieder in eine Formgebracht wird, verleiht er der Klangfarbe eine enorme Wichtigkeit. Die Struktur, also damit auch die gesamte Form eines Stücks, wird somit durch das Arbeiten mit verschiedenen Klangfarben bestimmt.

Vertieft wird die Klangfarbenmelodie durch Schönbergs Schüler Anton Webern und Alban Berg. Die Klangfarbe wird auch bei ihren sehr kurzen und reduzierten Stücken in den Vordergrund gestellt, nicht nur um eine bestimmte Emotionalität auszudrücken, sondern um der Klangfarbe eine ganz eigene Bedeutung zu geben.

Auch wenn die Klangfarbe häufig immer noch unterschätzt wird, sieht man durch den prägenden Kompositionsstil Anfang des 20. Jahrhunderts, dass die Klangfarbe durchaus auch als eigenes, gleichwertiges Element eingesetzt und angesehen werden kann. Diese Gleichstellung sieht man deutlich in der elektronischen Musik, wo ein breites Spektrum an Geräuschen, Tonhöhe, Dauer sowie die Klangfarbe alle gleichwertig auf ihre Art und Weise unendlich viele Variationen in der Musik ermöglichen. Doch die elektronische Musik mit all ihren Elementen ist ein weitaus komplexeres Gebilde und sollte deshalb auch für sich genauer betrachtet werden. Im Vergleich zum frühen 18. Jahrhundert ist die Bedeutung die der Klanfarbe in der elektronischen Musik heute zugeschrieben wird, aber geradezu enorm.

 

Quellen:

Rösing, Helmut. Schriften zur Musik Band 12: Die Bedeutung der Klangfarbe in traditioneller und elektronischer Musik. Musikverlag Emil Katzbichler: München, 1921. Print.

Graf, Walter. Musik und Gesellschaft Heft 6: Die musikalische Klangforschung. G.Braun: Karlsruhe, 1969. Print.

Engel, Jens Markus. Klangkomposition als postserielle Strategie. Magisterarbeit: Universität Lüneburg, 2005.

http://www.raffaseder.com/sounddesign/mmd3/MMD3_Audio8.pdf