Lebendige Lyrik – das auditive Gedicht

Theo van Doesburg - kleine Dada soiréeWer glaubt, Lyrik sei stumm, der irrt sich gewaltig. In der Vergangenheit, sowie in der Gegenwart ist Klang ein fester Bestandteil von Gedichten. Hierbei gehören besonders die Lautgedichte zu den primär auditiv ausgelegten Dichtungen der Neuzeit und bilden somit die potentiellen Nachfolger des Minnesangs aus dem Mittelalter.

Das Lautgedicht betitelt hierbei eine neue Art von Gedichten, die erst durch das laute Vorlesen dieser wirksam werden. Diese, für den Vortrag ausgelegten Gedichte, sind ohne eine akustische Realisation unvollständig und werden erst durch den Klang der ausgesprochenen Worte zu einem vollwertigem Gedicht.

Der Dadaismus

Die Geschichte des Lautgedichts geht bis in den Dadaismus zurück, in dem die Lyriker und Künstler sich gegen die, in ihren Augen, veralteten kulturellen und auch gesellschaftlichen Strukturen richteten und versuchten mit den alten Formen zu brechen. Diese künstlerische und literarische Bewegung, die 1916 gegründet wurde, richtete sich jedoch hauptsächlich gegen den Krieg.  Unsinn und Zufall stellten die wichtigsten Merkmale dieser Bewegung dar. Das abstrakte Lautgedicht gilt hier als Erfindung von Hugo Ball, welcher das sprachliche Material reduzierte und spontan neu zusammenstellte. Das Ziel war hierbei ein Zurückziehen „in die innerste Alchemie des Wortes“ und dem Bewahren des „letzten heiligsten Bezirks“ der Dichtung (Ball, Hugo: Flucht aus der Zeit S.99). Somit verzichtet diese Gattung fast immer komplett oder größtenteils auf einen sprachlichen Sinn. Es handelt sich also um eine auditive abstrakte Wortmalerei, bei der die inhaltliche Funktion der Sprache in den Hintergrund und der eigentliche Klang der Sprache in den Vordergrund rückt.

 

Hugo Ball – Karawane:

jolifanto bambla o falli bambla
großiga m’pfa habla horem
egiga goramen
higo bloiko russula huju
hollaka hollala
anlogo bung
blago bung blago bung
bosso fataka
ü üü ü
schampa wulla wussa olobo
hej tatta gorem
eschige zunbada
wulubu ssubudu uluwu ssubudu
tumba ba-umf
kusa gauma
ba – umf

 

 

Das Sprechgedicht – Schtzngrmm

Eine modernere Form des Lautgedichts findet sich bei Ernst Jandl, welcher jedoch den Begriff „Sprechgedicht“ vorzog und durch seine Gedichte prägte. Im Gegensatz zu den Lautgedichten der Dadaisten ist hier durchaus ein inhaltlicher und sprachlicher Sinn erkennbar.  So fungiert z.B. „Schtzngrmm“,  eines von Jandls populärsten Sprechgedichten,  als klingend erfahrbares Antikriegsgedicht. Obwohl im Titel, sowie im kompletten restlichen Gedicht die Vokale fehlen, ist dennoch klar, dass der Titel an das Wort „Schützengraben“ angelehnt ist. Die Konsonanten, die folglich das restliche Gedicht ausmachen, setzen sich zu neuen Silben zusammen und erinnern stark an die Laute von Maschinengewehren, Einschlägen von Granaten und anderen Geräuschen, die in einer Kriegssituation im Schützengraben zu hören sind. Es entsteht ein lautmalerisches Bild einer Szenerie des Krieges, welche mit dem Tod des Soldaten oder einem einfachen „t-tt“ endet. Als Leser fühlt man sich in die „geschilderte“ Szene hineinversetzt, was einzig und allein durch das Rezipieren der Geräuschkulisse des Schützengrabens und der Assoziationen mit dem Titel geschieht.

 

Ernst Jandlschtzngrmm:

schtzngrmm
schtzngrmm
t-t-t-t
t-t-t-t
grrrmmmmm
t-t-t-t
s——c——h
tzngrmm
tzngrmm
tzngrmm
grrrmmmmm
schtzn
schtzn
t-t-t-t
t-t-t-t
schtzngrmm
schtzngrmm
tssssssssssssssssssss
grrt
grrrrrt
grrrrrrrrrt
scht
scht
t-t-t-t-t-t-t-t-t-t
scht
tzngrmm
tzngrmm
t-t-t-t-t-t-t-t-t-t
scht
scht
scht
scht
scht
grrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr
t-tt

 

 

Quellen:

Szymaska, Magdalena. Dada und die Wiener Gruppe. Hamburg: Diplomica Verlag, 2009.

http://lyrik.no-ip.org/mediawiki/index.php/Sprechgedicht [Abgefragt: 29.05.2012]

http://www.art-directory.de/malerei/dadaismus/index.shtml [Abgefragt: 29.05.2012]

http://de.wikipedia.org/wiki/Schtzngrmm [Abgefragt: 29.05.2012]

http://de.wikipedia.org/wiki/Lautpoesie [Abgefragt: 29.05.2012]