„As slow as possible“ oder das längste/langsamste Musikstück der Welt

Für gewöhnlich sind wir daran gewöhnt, dass sich ein Musikstück über eine Länge von 3 bis 5 Minuten erstreckt, doch warum sollte ein Musikstück nicht einfach mal 639 Jahre dauern?

Der Komponist, Philosoph und Literat John Cage (1912–1992) wollte von jeher ein Bewusstsein für Musik schaffen. So komponierte er mit Hilfe eines Zufallsprogramms für den Computer 1985 das Stück Organ2/ASLSP („As SLow aS Possible“) zunächst für das Klavier, zwei Jahre später überarbeitete er dieses für die Orgel. Für die Uraufführung 1989 in Metz benötigte der Organist Gerd Zacher 29 Minuten.

Jahre später wurde bei einem Orgelsymposium die Frage gestellt, wie dieses Musikstück zu begreifen sei und wie man dieses aufführen könnte. Man kam zu dem Schluss, dass man es generell unendlich denken und spielen könnte.

Doch wo sollte dieses Vorhaben in die Tat umgesetzt werden?

Man entschied sich für Halberstadt, ein kleines Städtchen am östlichen Harzrand in Sachsen-Anhalt. Dort steht die Wiege für die moderne Musik. 1361 wurde in Halberstadt die erste Großorgel der Welt gebaut. Das Besondere an dieser Orgel war, dass diese die erste Orgel war, die zum ersten Mal eine 12-tönige Klaviatur hatte. Noch heute wird diese Klaviatur bei unseren Tasteninstrumenten genutzt. Die Orgel steht im Dom von Halberstadt. Da dieser noch heute als Kirche genutzt wird, wich man für das Projekt auf die ungenutzte Sankt-Burchardi-Kirche aus. Sie wurde renoviert und ihre Substanz soweit gesichert, dass man in ihr eine Balganlage nach der Vorlage der ersten Großorgel bauen konnte.

Nachdem diese ersten Schritte gesichert waren, blieb die Frage über welchen Zeitraum sollte Organ2/ASLSP aufgeführt werden. Hierzu bediente man sich einer einfachen Rechnung. Da das Stück ursprünglich im Jahre 2000 starten sollte, berechnete man die Differenz zwischen dem Jahr des Großorgelbaus, 1361, und dem Jahr 2000. Somit stand fest, dass das Stück über 639 Jahre aufgeführt werden sollte. Dafür wurde es rasterartig in neunmal 71 Jahre eingeteilt. Der kürzeste Ton erstreckt sich hierbei über über einen Monat, der längste hingegen über 58 Jahre und 11 Monate.

Jedoch gab es einige Verzögerungen, vor allem aufgrund von Finanzknappheit, und das Stück konnte erst ab dem 5. September 2001, dem 89. Geburtstag von Cage, aufgeführt werden. Doch zunächst konnte man noch nichts hören. Das Stück begann mit einer Pause von eineinhalb Jahren. Somit war der erste Klang am 5. Februar 2003 zu hören.

Und nicht nur das Musikstück sollte „as slow as possible“ aufgeführt werden, sondern auch die Orgel wird so langsam wie möglich aufgebaut. Bisher ist es noch ein Provisorium mit lediglich 3 Tasten. Die Pfeifen werden dann je nach Bedarf beim jeweiligen Klangwechsel hinzugefügt oder entfernt. Damit wird der eigentliche Geldmangel für eine große Orgel gekonnt überspielt.

Den zuletzt stattgefunden Klangwechsel vom 5. Juli 2012 kann man sich hier anhören bzw. anschauen:

Wer einmal live bei einem Klangwechsel in Halberstadt dabei sein will, hat erst wieder am 5. Oktober 2013 die Möglichkeit dazu.

Doch wofür das Ganze? Wer benötigt ein Musikstück, welches 639 Jahre andauert? Kein Mensch wird jemals die Möglichkeit haben das Stück in Gänze zu hören.

In der heutigen schnelllebigen Zeit sollte das Stück als eine Form der versuchten Entschleunigung verstanden werden. Man möchte mit Tönen, die generell sofort wieder verklingen, Jahrhunderte überbrücken. Auch will man mit dem Projekt ein Bewusstsein für Klang schaffen, ganz im Sinne Cage. Es handelt sich bei dem Klang nicht um einen elektronischen Dauerklang, sondern um einen Klang, der sich im Raum bewegt. Je nachdem wo man sich in der Kirche befindet, hört sich der Klang anders an. Auch wirken sich Luftdruck, Temperatur und sogar aufgewirbelter Staub auf ihn aus. Und schlussendlich darf nicht vergessen werden, dass ein jeder Zuhörer den Klang auf seine eigene individuelle Weise hört.

Letztendlich bleibt die Frage wie das Stück über die nächsten 628 fortgeführt werden soll?

Schon heute ist das Geld zur Finanzierung dieses Projektes knapp. Es finanziert sich ausschließlich über private Spenden. Interessenten können für mindestens 1000 Euro ein Klangjahr kaufen und bekommen dazu sogar eine Namensplakette, die in der Sankt-Burchardi-Kirche aufgehängt wird.

Doch auch wenn die Finanzierung gesichert sein sollte, was sie laut dem stellvertretenden Vorsitzenden des Kuratoriums der John-Cage-Orgelstiftung Halberstadt auch ist, da das Projekt immer mehr Besucher anlockt und vor allem das Interesse bei jungen Menschen geweckt hat, wer garantiert dann, dass die Orgel die nächsten 628 Jahre nicht kaputt geht?

Zwar wird das Instrument mit einem Acrylglaskasten abgedeckt, um Schallemissionen zu verringern und zudem wird es mittels eines Notstromaggregats und sechs Blasebälgen, die manuell betrieben werden können, gegen Stromausfälle gesichert, aber wie kann man die Orgel vor dem natürlichen Verfall, Naturkatastrophen oder gar Kriegen schützen?

Und auch gab es schon zu Beginn ein Rechenfehler. Man hatte vergessen die einjährige Verzögerung des Starts des Werkes miteinzuberechnen. So erklangen die ersten Töne im Februar 2003 ein Jahr zu früh. Man stellte daraufhin neue Berechnung an und fand heraus, dass das Stück doch nur 11 Monate voraus ist. Da es zwischen dem Jahr 2013 und 2020 keinen Klangwechsel geben wird, verlangsamt man in diesem Zeitraum das Stück wieder um 11 Monate, so dass der Zeitplan ab 2020 wieder stimmt. Doch wenn man sich schon zu Beginn so verrechnet hat, wer garantiert dann überhaupt noch, dass die Rechnung in zum Beispiel 100, 200 oder gar 600 Jahren noch stimmt?

Man darf gespannt sein, wie es mit Oran2/ASLSP weitergeht – leider wird vermutlich keiner von uns den Ausgang dieses Projektes erfahren.

Wer sich den aktuellen Klang gerne einmal anhören möchte, dazu aber nicht extra nach Halberstadt fahren will, kann dies hier tun.

 

Quellen:

http://www.aslsp.org/de/, aufgerufen am 24.05.2012

http://www.tagesspiegel.de/kultur/pop/john-cage-laengstes-musikstueck-der-welt-erlebt-klangwechsel/1273972.html, aufgerufen am 29.05.2012

http://geschichtspuls.de/art1366-orgelkonzert-ueber-639-jahre-in-halberstadt, aufgerufen am 29.05.2012

http://www.nmz.de/kiz/nachrichten/john-cage-musikstueck-as-slow-as-possible-feiert-zehnjaehriges, aufgerufen am 29.05.2012

http://www.zeit.de/2005/14/Orgel_14, aufgerufen am 29.05.2012

http://www.zeit.de/online/2006/02/cage, aufgerufen am 29.05.2012