Vom Singvogel zum Schreihals – Ein Wettbewerb zwischen Stadtlärm und Vogel

Auch die Vögel passen sich den immer größer werdenden Metropolen dieser Welt an. Was bleibt ihnen auch anderes übrig, wenn immer weniger Lebensraum für sie zu Verfügung steht? Die einen werden zu Nachtschwärmern, die anderen zu Schreihälsen, um den Hintergrundgeräuschen der Städte gerecht zu werden.

Von Nachtigallen und Kohlmeisen

Das Verändern des Singverhaltens mag auf der einen Seite kreativ klingen, auf der anderen Seite ist es das Resultat von purem Stress der Tiere. Henrick Brumm vom Max-Planck-Institut Seewiesen fand heraus, dass Vögel in urbanen Umgebungen bis zu 14 Dezibel lauter singen als ihre Artgenossen auf dem Land. Es wurden sogar Rekordwerte von 95 Dezibel aufgezeichnet, was lautstärketechnisch einer laufenden Kreissäge in einem Abstand von etwa einem Meter gleichkommt.
Ein gutes Beispiel sind Nachtigallen. Sie passen die Lautstärke ihres Gezwitschers proportional dem Pegel des Umgebungslärms an, was ihnen an frühen Morgenstunden von Werktagen Höchstleistungen abverlangt, wie auch Will Knight in einem Artikel des ‚New Scientist‘ schrieb.

Auch Kohlmeisen verändern ihr Verhalten, indem sie nicht nur in höheren Tonlagen singen, sondern auch die Pausen zwischen den Gesangseinlangen verkürzen, um sich vom tieffrequenten Grollen des Stadtlärms abzuheben, wie Hans Slabbekoorn und Aride den Boer-Visser feststellten. Dies ist jedoch nicht nur hierzulande der Fall. Auch in 10 weiteren Städten, unter anderem London, Prag und Paris, wurden solche Verhaltensweisen bemerkt.

Wie das Rotkehlchen zum Nachtschwärmer wurde

Vogelarten wie das Rotkehlchen haben von Natur aus eine relativ leise Stimme, somit besteht keine Chance gegen den täglichen Verkehrs- und anderen Stadtlärm anzukommen. Sie haben also keine andere Wahl als Nachts zu singen, wenn die Geräuschkulisse dementsprechend ruhiger ist, um sich mit ihren Artgenossen in Verbindung zu setzen oder Weibchen anzulocken.
Durch diesen Umstand bekommen die Tiere jedoch weniger Schlaf und haben einen gesteigerten Stoffwechsel.

Evolution

Das laute Singen kostet die Vögel zwar auf Dauer viel Kraft, da die meisten ihr Maximum sonst nur zur Balzzeit auskosten, aber sie sind durchaus veranlagt auch über einen langen Zeitraum hinweg laut singen zu können.
Dennoch erschwert der Stadtlärm den Vögeln sich gegenseitig vor nahenden Feinden zu warnen und ebenso das Brutverhalten und die Aufzucht der Jungen, was die Population in urbanen Arealen in langer Hinsicht stark verringern kann. Vögel können nicht rechtzeitig fliehen und Nestlinge sperren nicht früh genug ihre Schnäbel auf, wenn die Eltern mit Nahrung herbeieilen. Die Jungen sind besonders wenige Tage nach dem Schlüpfen ausschließlich auf akustische Signale angewiesen und können diese bei zu lauten Hintergrundgeräuschen nicht wahrnehmen.

Vögel singen nicht nur aus Spaß an der Freude, sondern zur Kommunikation, um Rivalen aus ihrem Territorium zu vertreiben oder um Weibchen zu beeindrucken. Vogeldamen lassen sich von lautstarkem Gesang betören und bevorzugen diesen gegenüber leisem. Damit eine Schallübertragung aber überhaupt erst einmal stattfinden und die Klänge zu ihnen durchdringen können, müssen die Männchen sich entsprechend den akustischen Eigenschaften ihres Lebensraumes anpassen. Es besteht jedoch die Gefahr, dass der Gesang sich so sehr verändert, dass potentielle Partnerinnen ihn nicht mehr erkennen. Somit können die sogenannten sexuell selektierten Signale, die dem Habitat angepasst werden, auch zum Problem werden. Es kann sogar passieren, dass völlig neue Arten entstehen, die sich unter einander nicht mehr verständigen können.

Wundern sollte man sich also nicht, wenn plötzlich viel zu früh morgens, viel zu hoher Vogelgesang vor dem Fenster ertönt, wo sich gerade eine Kohlmeisendame mit einem Nachtigallmännchen anfreundet.

 

Quellen:

Urban Nightingales‘ Songs Are Illegally Loud. 05.05.04. Will Knight http://www.newscientist.com/article/dn4964-urban-nightingales-songs-are-illegally-loud.html

Evolution im Zeitraffer – Stadtvögel singen lauter. 0 5.05.08. Christian Schulz
http://www.n-tv.de/wissen/Stadtvoegel-singen-lauter-article45164.html

Umweltlärm macht Jungvögel taub. 22.02.12.
http://www.derwesten.de/agenturmeldungen/umweltlaerm-macht-jungvoegel-taub-fuer-die-ankunft-ihrer-eltern-id6388934.html

Biologie des Vogelgesangs: Anpassung und Plastizität von Verhalten. Henrik Brumm
http://www.mpg.de/1238715/Biologie_Vogelgesang