Hyperakusis – Eine nicht „gerngehörte“ Nebenwirkung von Geräuschen

Sei es das genussvolle Hineinbeißen in einen Apfel oder das Tippen und Spielen mit dem neuen Apple-Gerät deines Sitznachbars, das neue Motorengeräusch von Herrn Ferrari nebenan, oder das Gezwitscher der drei Amseln, die jeden Morgen auf der Fensterbank sitzen und dich wecken. 24 Stunden am Tag sind deine Ohren offen, auch nachts. 15000 Hörzellen helfen dir täglich dabei, Geräusche an dein Gehirn zu senden, damit sie dort bewertet werden. 92 % der deutschen Bevölkerung empfinden mindestens zwei von den oben genannten Geräuschen als schön und angenehm oder verbinden es mit glücklichen Erinnerungen. Die anderen 8 % leiden bei jedem dieser Geräuscherzeugnisse. Warum? – Sie leiden an Hyperakusis. Was geschieht mit den Leuten, für die die schönsten Geräusche des Lebens eine Last sind, sie krank macht und isoliert?


Hyperakusis ist eine Geräuschüberempfindlichkeit und kann viele Ursachen haben. Die meisten Menschen, die es betrifft sind oft unwissend oder werden von Arzt zu Arzt geschickt bis sie die richtige Diagnose bekommen. Störungen der Geräuschverarbeitung im Gehirn ist die Ursache, weshalb schon oft normale Geräusche als unangenehm empfunden werden können. Die Gründe hierfür können sehr vielfältig sein: Beschädigungen am Gesichtsnerv oder im Ohr, Migräne, bestimmte Epilepsieformen oder auch Nebenwirkungen verschiedenster Medikamente. Andere und immer häufigere Ursachen sind auch Depressionen, Stress oder Panikstörungen sein. Oft ist es so, dass der Filtermechanismus des Ohrs bzw. des Gehirns nicht mehr funktioniert. Man fühlt sich also als Betroffener oft nicht nur wegen der Lautstärke von einer Geräuschwelle überflutet und im schlimmsten Fall wird man von der Geräuschwelle aus dem täglichen Leben gespült, wenn die Isolation aus alledem folgt. Natürlich denkt man zunächst, dass vorallem Geräusche als unangenehm oder gar als Gefahr gesehen oder auch gehört werden, die fast jeder nicht mag wie Baustellenlärm, eine befahrene Straße mit vielen LKW’s, Kindergeschrei, Hupen, Zug-und-Fluglärm oder der Rasenmäher des nervigen Nachbars. Aber oft fängt es mit kleinen und mittellauten Geräuschen an.

Als frühes Symptom gilt auch oft die Phonophobie, die Angst vor dem Geräusch. Hier ist allerdings so, dass sich eine Person durch ein Geräusch gestört fühlt mit dem er etwas Negatives verbindet. Das beste Beispiel hierfür ist der Lehrer, der auf der Arbeit immer Kindergeschrei ausgesetzt ist. Da er davon genervt ist und er damit verbindet, dass eine Autorität in Frage gestellt wird, die Kinder sich über ihn lustig machen, hat er auch außerhalb, also im privaten Leben, Probleme mit Kinderstimmen oder Kindergeschrei und wird schnell genervt, aggressiv oder flüchtet aus der Situation. Bei der Hyperakusis ist es schlimmer. Hier sind es nicht nur Geräusche mit denen man Negatives in Verbindung setzt, sondern jedes leise oder laute Geräusch kann zur extremen Lautheitsempfindung führen. Stress und Depressionen können diese Empfindungen noch verstärken. Aus einer Kettenreaktion ( Stress –> Geräusch –> Aufmerksamkeitsfokussierung –> Unangenehme Empfindung / Biologische Reaktion) kann zum Teufelskreis werden wenn Stress aus der Unangenehmen Empfindung/ Biologische Reaktion folgt, da so Geräusche immer und immer wieder zu intensiv wahrgenommen werden.

Experten gehen davon aus, dass es nicht bei den 8 % der deutschen Bevölkerung bleiben wird. Grund dafür war und wird die industrielle und technische Entwicklung sein. Es wird nicht nur alles immer schneller und besser, sondern auch lauter und stressiger. Es gibt Dolby Surround- Anlagen, MP3-Player, die die Musik immer lauter abspielen, laute Maschinen und Menschen, die ungewöhnlich laute Geräusche von sich geben können . Das Ohr ist im Gegenteil zu vor 200 Jahren unendlichen vielen anderen und mehreren Geräuschen ausgesetzt, welche das Gehirn als wichtig oder unwichtig filtern muss.Auch Freud ist dies 1892 schon in seiner Abhandlung zu Angsterkrankungen aufgefallen:

„Einer besonderen Hervorhebung wert finde ich den Ausdruck dieser gesteigerten [allgemeinen] Reizbarkeit [als häufiges nervöses Symptom] durch eine Gehörhyperästhesie, eine Überempfindlichkeit gegen Geräusche, welches Symptom sicherlich durch die mitgeborene innige Beziehung zwischen Gehörseindrücken und Erschrecken zu erklären ist.“

Als er dies schrieb, war Deutschland gerade mitten in den Anfängen der Industralisierung. Den Menschen jener Zeit stießen die vielen und neuen Geräuschen mit Sicherheit noch eher negativ auf als es heute der Fall ist. Heutzutage denkt man oft, dass man dem großen Geräuschpegel stand halten kann, doch unbewusst sind wohl mehr betroffen als einem lieb ist.

Auch Franz Kafka meinte in seiner Erzählung „Großer Lärm“ davon berichten zu müssen, wie ihn der Lärm nervt. Ihr könnt euch gern selbst ausmalen, ob Kafka an Hyperakusis oder Phonophobie leidet oder doch einfach nur von allem und nichts genervt war:

„Ich sitze in meinem Zimmer im Hauptquartier des Lärms der ganzen Wohnung. Alle Türen höre ich schlagen, durch ihren Lärm bleiben mir nur die Schritte der zwischen ihnen Laufenden erspart, noch das Zuklappen der Herdtüre in der Küche höre ich. Der Vater durchbricht die Türen meines Zimmers und zieht im nachschleppenden Schlafrock durch, aus dem Ofen im Nebenzimmer wird die Asche gekratzt, Valli fragt, durch das Vorzimmer Wort für Wort rufend, ob des Vaters Hut schon geputzt ist, ein Zischen, das mir befreundet sein will, erhebt noch das Geschrei einer antwortenden Stimme. Die Wohnungstüre wird aufgeklinkt und lärmt, wie aus katarrhalischem Hals, öffnet sich dann weiterhin mit dem Singen einer Frauenstimme und schließt sich endlich mit einem dumpfen, männlichen Ruck, der sich am rücksichtslosesten anhört. Der Vater ist weg, jetzt beginnt der zartere, zerstreutere, hoffnungslosere Lärm, von den Stimmen der zwei Kanarienvögel angeführt. Schon früher dachte ich daran, bei den Kanarienvögeln fällt es mir von neuem ein, ob ich nicht die Türe bis zu einer kleinen Spalte öffnen, schlangengleich ins Nebenzimmer kriechen und so auf dem Boden meine Schwestern und ihr Fräulein um Ruhe bitten sollte.“

Aber was sind die Symptome von Hyperakusis? Leidet vielleicht eine Freundin oder gar ich selbst daran? Natürlich ist nicht jeder, der ein Geräusch als unangenehm empfindet, „erkrankt“. Nicht weil man ein Schmatzen des Sitznachbars oft als unerträglich empfindet, hat man Hyperakusis. Es sind meist Herzrasen, erhöhter Blutdruck, Schweißausbrüche, ein trockener Mund oder auch Schmerzen im Kopf-oder-Ohrbereich, die einen begleiten. Und auch das soziale Umfeld kann darunter leiden. Die Betroffenen meiden oft Situation mit Geräuschen, also fast alle. Diese meiden es zu kommunizieren, können sich nicht mehr richtig konzentrieren, auch beim zuhören eines Erzählenden. Die, die sich noch unter die Gesellschaft mischen tragen oft Gehörschutz und diese die sich nicht mehr trauen leben irgendwann in kompletter Isolierung, meiden den Arbeitsplatz und entwickeln sogar oft eine Intoleranz gegen die Geräusche in der Familie.

Für jeden Betroffenen kann man nur hoffen, dass, wenn es der Fall ist, erkannt wird, dass man an Hyperakusis leidet, damit man es mit einer Therapie ändern kann und das Leben mit Geräuschen wieder genießen kann. Denn was wär man ohne das Vogelgezwitscher am frühen Morgen, das Meeresrauschen im Urlaub, das Motorengeräusch des neuen Autos oder einem neuen lustigen Film im Kino?

 

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