Gesundes Singen – „Singen macht nicht nur Spaß, sondern ist auch gesund!“

Heutzutage rückt Singen immer mehr in das öffentliche Interesse. Jeder kann sein Glück in Casting-Shows versuchen und möglicherweise als Sieger mit der besten und einzigartigsten Stimme von der Bühne gehen. Auch die gesanglichen Erfolge der Stars erleben wir tagtäglich mit. So groß ihr Erfolg auch zu sein scheint, werden wir des Öfteren Zeugen von Niederlagen. Es müssen Konzerte, ganze Tourneen verschoben und abgesagt werden, weil Sänger an ihren Stimmbändern erkranken und sie nicht mehr singen können.

 

Woran kann das liegen? Ist Singen vielleicht gar nicht so gesund?

Dazu betrachten wir erst einmal, wie ein Klang physisch gebildet wird. Um einen Ton zu erzeugen spielen viele wichtige Teile unseres Körpers eine Rolle. Die Atmung, genauer gesagt der Luftstrom der Ausatmung schließt die Stimmlippen, die im Kehlkopf liegen, und bringt sie zum Schwingen. Die Erzeugung der Singstimme scheint auf den ersten Blick sehr einfach zu sein. Aber wie kommt es, dass Sänger an der eigenen Stimme durch Gesangstechniken erkranken? Ist die Bildung einer gesunden Singstimme ein viel komplexerer Vorgang? Gibt es doch mehr Dinge, auf die man achten muss? Um diese und weitere Fragen zu klären, habe mich mit der funktionalen Stimmpädagogin Cordelia Carola Rülander zu einem Interview getroffen.

Rülander unterrichtet seit mehr als 25 Jahren in ihrem Atelier Ars Musica Kinder, Jugendliche und Erwachsene in den Fächern Klavier und Blockflöte und seit 10 Jahren auch Gesang und Funktionale Stimmentwicklung. 1964 in Mainz geboren, erhielt sie im Alter von 5 Jahren Klavierunterricht bei ihrer Mutter, der Pianistin Elisabeth Schulz. Mit 18 begann sie eine Gesangsausbildung bei dem Wagner-Tenor Karl Liebl in Wiesbaden und nach ihrem Musikstudium am Konservatorium in Mainz zog sie 1986 nach Köln. Mit 32 Jahren erlitt sie einen Hörsturz mit Beeinträchtigung des Gleichgewichtsorgans aufgrund einer ungünstigen Gesangstechnik, hatte aber das Glück, eine funktionale Gesangslehrerin zu finden, die mit ihr die Hintergründe beleuchtete. Mit speziellen Übungen aus der Gesangsmethode nach Prof. Eugen Rabine wurde nicht nur die Singfähigkeit wieder hergestellt, sondern sogar auf lange Sicht die Ohrgeräusche beseitigt. Cordelia Rülander war so begeistert, dass sie beschloss, selbst eine Ausbildung zum „Certified Rabine Teacher“ (CRT) am Rabine-Institut in Walheim bei Stuttgart zu absolvieren. Heute unterrichtet sie mit Erfolg Laien- und Profisänger mit dem Ziel einer nachhaltig gesunden Stimmfunktion.

 

Sie unterrichten Gesang als funktionale Stimmpädagogin. Können Sie uns das Prinzip näher erklären?

Ja, sehr gerne (lacht). Die Grundlage dieser Gesangsmethode beruht auf der Wahrnehmung der Zusammenhänge zwischen Körperhaltung, Körperbewegung, Atmung und Stimme. Im Unterricht geht es darum, diese Zusammenhänge zu erleben und den eigenen Körper als lebendiges Instrument zu erfahren. Eine wichtige Voraussetzung ist die Entscheidung jedes Sänger oder jeder Sängerin, ob er/sie bereit ist, seinem/ihrem Körpersystem die notwendige Achtung und den Respekt entgegen zu bringen. Mit dem Körper hängt auch das Psychische sehr eng zusammen, und das soll gewürdigt werden. Bevor diese Entscheidung nicht wirklich getroffen ist, manchmal auch erst nach einer leidvollen Erfahrung, kann die Rabine-Methode nicht greifen. Zum Glück gibt es aber immer mehr Menschen, die bewusst mit ihrem Körper umgehen wollen und ein natürliches Empfinden für das haben, was ihnen gut tut.

Das Stimmorgan ist nämlich ein sehr sensibles System. Es wird von vielen Faktoren beeinflusst. Beim Singen spielen z.B. Wechselwirkungen zwischen Körper und Nervensystem eine große Rolle. Die Stimmlippen sind mit das feinste Organ im Körper und im Idealfall ordnet sich ihnen das gesamte System unter, d.h. es dient ihnen und dann sprechen wir von Gesundheit. Oft finden wir aber in den Bereichen der Klassik, des Pops und des Rocks viele Gesangstechniken, die einen achtsamen Respekt vernachlässigen. Das Singen in diesen Bereichen erinnert manchmal z.B. mehr an ein Schreien (hier werden die Stimmlippen mit Muskelkraft stark aneinander gepresst) oder ein Hauchen (hier fließt soviel Luft durch die Stimmlippen, dass sie nicht richtig geschlossen werden können, d.h. die Stimmbandmuskulatur erschlafft über kurz oder lang). Oft wird die Stimme quasi wie vergewaltigt, damit ein bestimmter Klang entsteht – z.B. durch Belten, Twäng, oder ähnliches. Die Früchte dieses Verhaltens sind oft Erkrankungen – wie z.B. Knötchen oder Ödeme im Stimmbandbereich und in manchen Fällen auch Erkrankungen des Innenohrs aufgrund hoher Lautstärke und Schrillheit des Stimmklangs – z.B. ein Tinnitus oder Gleichgewichtsstörungen.

 

Worin liegen die Unterschiede zu herkömmlichem Gesangsunterricht?

Beim herkömmlichen Gesangsunterricht laufen viele Erklärungen über Bilder und Vorstellungen. Der Körper ist ein intelligentes System und er tut genau das, was wir ihm als gedankliches Konzept vorgeben. Z.B. bei der Vorstellung, in eine „Maske“ oder „in die Nase“ zu singen, konzentriert sich alles auf die Gesichtspartie, die gesamte Muskulatur stellt sich auf „nach oben“ ein und auch die Zunge reagiert mit einer stärkeren Hebung, was durch die engeren Mund – und Rachenraumverhältnisse oft einen „schrilleren“ Klang provoziert.
Das wird dann fälschlicherweise mit „Brillanz“ verwechselt.

Im funktionalen Unterricht arbeite ich nicht mit solchen Vorstellungen, denn sie bieten nur eine vermeintliche Sicherheit. Es geht vielmehr darum zu beobachten, was bei der Atmung passiert, wie diese auf unterschiedliche Körperbewegungen reagiert und wie sich dadurch auch der Stimmklang verändern kann. Es ist spannend, sich überraschen zu lassen, was der Körper von sich aus tut, anstatt ihm eine Erwartungshaltung vorzusetzen. Es ist vergleichbar mit der Quantenphysik. Dort reagieren die Teilchen auf die Erwartungshaltung des Beobachters. Wir bekommen einen viel größeren Freiraum, wenn wir unvoreingenommen uns selbst und unserem Körper begegnen. Das erfordert natürlich Mut, den Mut sich auf alles einzulassen, was passieren kann – aber es lohnt sich, das kann ich versprechen.

 

Die Atmung spielt beim Gesang und der Stimmbildung eine wichtige Rolle. Werden beim funktionalen Stimmtraining auch Übungen durchgeführt, um die Atmung zu verbessern?

Die Atmung ist ebenfalls ein intelligentes System. Wir brauchen sie für die unterschiedlichsten Bereiche in unserem Leben. Beim Lachen, Husten, Gebären, Tauchen, Klettern, etc. Jede Atmung ist immer mit dem Ziel verbunden, dem sie dient. Beim Boxen brauchen wir eine andere Atmung als beim Klettern, beim Tauchen eine andere als beim Singen. Die Atmung stellt sich immer flexibel auf das Ziel ein – daran können wir die tiefen Zusammenhänge im neurologischen System erkennen. Der Körper weiß und kann viel mehr als wir wissen und können mit unserem oft so schlauen Denkapparat. Im funktionalen Gesangsunterricht werden daher auch keine isolierten Atemübungen gemacht, sondern immer in Verbindung mit dem Ziel: nämlich dem Singen. So erleben wir genau diese Intelligenz der Zusammenhänge – es ist alles da, was wir zum Singen benötigen, wir müssen uns nicht anstrengen und dadurch entsteht Entspannung, Freude und Dankbarkeit für das Geschenk „Körper und Stimme“.

 

Können Sie uns zum Abschluss noch die Ursachen der Erkrankungen der Stars und Sternchen erklären?

Mit der Frage: „Stimmt etwas nicht mit Dir?“ wird ganz deutlich, dass Stimme und Stimmung miteinander in Verbindung stehen. Wir hören an der Stimme sofort wie es jemandem geht, ob jemand ehrlich ist oder einfach krank. Unsere Psyche spielt auch eine große Rolle und die benötigt genauso soviel Zuwendung wie unser Körper. Im Rausch des Erfolges kann das oft untergehen und durch diese Vernachlässigung entstehen viele Probleme, die dann evtl. irgendwann mithilfe von Drogen, Alkohol und Medikamenten verdrängt werden sollen. Diese Stoffe haben natürlich wiederum Einflüsse auf unseren Körper und damit auch auf unser Stimmorgan. Der Erfolg auf Kosten des Menschen selbst ist eben ein sehr bedenkliches Ziel. Jeder muss entscheiden, welchen Weg er wie wählt. Wer hier bewusst Entscheidungen trifft und seine Grenzen achtet, wird sicherlich keinen Schaden nehmen. Wer seine Stimme schonend und bewusst gesund einsetzt, kann mehrere Stunden täglich ohne negative Auswirkungen singen. Und bei allem sollte nie vergessen werden, Singen soll Spaß machen und das ein Leben lang.

 

Weitere Informationen unter:

http://atelier-arsmusica.de/

http://rabine-institut.de/