Melodisches Geschrei – Und was hat ein Schwein mit Musik zu tun?

Schreien – „Eine Funktion der Stimme, die sich durch eine hohe Lautstärke und meist durch starke Emotionalität auszeichnet.“ Schon von Geburt an äußern wir verschiedene Bedürfnisse wie Hunger oder Schmerz durch das Erheben unserer Stimme. Der Schrei nach Aufmerksamkeit. Im zunehmenden Alter verändert sich die Intensität und Herkunft des Schreins. Wir drücken aus das wir Angst haben, Schmerzen erleiden, uns zu Tode erschrocken haben oder schreien sogar vor Freude. In manchen Situationen wird die Stimme zum Ausdruck von Macht oder Dominanz erhoben, ob bei einem Streit mit dem Partner oder um andere Menschen einzuschüchtern.

Es liegt also in der Natur des Menschen sich durch Schreien zu äußern. Trotzdem. Niemand wird gerne angeschrien. Sollte man meinen. Dennoch erfreut sich der Metal an wachsender Beliebtheit. Kein Wunder also, dass das größte Heavy-Metal-Festival der Welt das „Wacken Open Air“ (W:O:A) nach nur wenigen Tagen ausverkauft ist und es mittlerweile sogar schon ein eigenes Metal-Festival auf einem Kreuzfahrtschiff gibt, das den schlichten Namen „70000 Tons of Metal“ trägt. Jetzt könnte man sich natürlich fragen, was Heavy Metal denn jetzt mit dem Schreien zu tun hat.

Hört man sich die verschiedenen Bands genauer an, merkt man schnell, man versteht die Texte oft nur halbwegs, wenn überhaupt. Das liegt dann meistens daran, dass viele Bands sich durch eine Art „Schreigesang“ äußern. Gibt man nun „how to scream“ in eine Suchmaschine ein, wird man auf hunderte von online Videos verwiesen. Tatsächlich wurde dem Geschrei sogar ein eigenes Sub Genre zugeschrieben, „Screamo“ genannt. So leicht wie man jetzt denken könnte, ist das Ausüben des richtigen Geschreis allerdings nicht. Es verlangt einem eine menge Training ab.

Bevor es jedoch zum praktischen Teil geht, sollten wir erst mal einen Blick auf den geschichtlichen Hintergrund werfen. Man kann ganz klar sagen, der heutige Screamo ist nicht mehr das was er einmal war. Die ersten Anfänge wurden in den frühen 90er Jahren in den USA gestartet. Damals noch sehr stark von der post-hardcore/post-punk Welle beeinflusst und durch Bands wie Joy Devision. Als eine der Entstehungsbands des Screamos wird unter anderem die Band Portraits of Past genannt. Mitte der 90er Jahre hat sich der Name „Screamo“ dann auch als eigenständiger Begriff in der Musikszene etabliert. Die meisten Bands die sich derzeitig als „Screamo-Bands“ bezeichnen sind klar von den ehemaligen Wurzeln abzugrenzen. Neben den Screams kommen immer häufiger clear vocals zum Einsatz, so dass das Schreien nur noch eine Art weiteres Stilmittel ist, wie zum Beispiel bei der Band Silverstein.


Silverstein


Portaits of the Past

Nach dem theoretischen Teil kommen wir doch mal zum spannenderen Teil,der Praxis. Okay, ich muss zugeben, ich habe es nicht ausprobiert. Ich bin aber auch total ungeübt im Singen. Die paar Gesangsversuche auf der Karaokebühne haben sich leider nicht ausbezahlt. Denn eine geübte Stimme ist eine Grundvoraussetzung. Vor den ersten Schreiversuchen sollte man also ein paar Stunden Gesangunterricht nehmen. Screams sind sehr anstrengend für die Stimmbänder und um sie zu schonen, sollte man richtige Atemtechniken anwenden können. Zudem werden bei einigen Techniken des Screams die so genannten false Chords benutzt, die sich über den Stimmbändern befinden. So werden die „richtigen Stimmbänder“ nicht zu sehr strapaziert.

Jetzt könnte man natürlich davon ausgehen, dass man einfach nur ins Mikro reinschreien muss, und das kann man dann als „Screamo“ bezeichen. Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht. Die Stilmittel des Screamos sind weit gefächert. Hauptsächlich wird zwischen Growling/Grunting, Shouting und Screaming unterschieden.

Das Growling/Grunting wird eher im Death Metal/ Black Metal ausgeübt, da der harsche Klang die meist düsteren Emotionen des Songs sehr gut wiederspiegeln. Zudem sind die Growls/Grunts sehr tief. Man kann diese Art des Gesangs schon als Knurren oder Grunzen beschreiben, da sich das, was der Sänger von sich gibt, wirklich als so etwas bezeichnen lässt. Meist dient das Growling/Grunting zwar nur als zusätzliches Stilmittel, von einigen Bands wird es allerdings durchweg praktiziert, wie zum Beispiel von Six Feet Under.

Wird das „Grunzen“ nun noch ein bisschen höher, nennt man das Pig Squeals, wörtlich übersetzt Schweine Quieken. Und es hört sich wirklich so an.

„Pig Squeals können, im Gegensatz zu anderen gutturalen Gesangstechniken, durch Ein- und Ausatmen gebildet werden. Während der Squeal durch Inhales (Einatmen) leiser, dafür aber tiefer oder höher gebildet werden kann, ist der Exhale Pig Squeal (Ausatmen) lauter und sticht meistens durch besonders starkes „Blubbern“ hervor, wie es mit Inhales kaum möglich ist.“

Als Beispiel für Pig Squeals dient hier die Band The Sickening:


The Sickening

Beim Shouting werden in normaler Stimmlage die Lyrics von dem Sänger hinaus gerufen. Diese sind meistens sehr klar verständlich für die Zuhörer. Eine Anleitung zum Shouten wird von diesem jungen Herren geliefert:

Eins des am häufigsten verwendeten Stilmittels ist wohl das Screaming. An sich ist der Name Programm. Die Lyrics werden einfach ins Mikro geschrien, manchmal auch einfach nur ein simples AHHHHH. Man sollte darauf achten, dass man beim Schreien nicht zu sehr presst, das kann ziemlich böse Auswirkungen auf die Stimmbänder haben. Auch hier werden wieder die „falschen Stimmbänder“ benutzt. Es gibt jede Menge unterschiedliche Screams. Doch generell kann man sagen, dass sie höher sind als das Growling und Shouting. Die zwei am meist genutzten Arten des Screamings ist der Fry Scream und der Death Scream. Letzteres kommt einem normalen Schrei schon sehr nah.

Ein unglücklicher Nebeneffekt, besonders beim Growling/Grunting, ist wohl das die eigentlich Message die man durch die Lyrics ausdrücken will, manchmal komplett verloren geht. Man versteht den Text schlicht und einfach nicht. Was auf Grund der Tatsache, dass die Lyrics meist sehr schön und emotional sind, sehr zu bedauern ist. Manchmal hilft es sich einfach den Songtext parallel zur Musik mitzulesen.

Was für körperliche Auswirkungen der falsche Gebrauch der Stimmbänder auslösen kann und wie man es richtig macht, erzählt Melissa Cross, Vocalcoach, in einem Interview im Dezember 2005 mit NPR.

Natürlich lässt sich darüber streiten, ob man dieses Sub Genre nun mag oder nicht. Vermutlich würden einige es noch nicht einmal als Musik bezeichnen, geschweige denn als melodisch. Trotzdem muss man zugeben, dass hinter Growling, Shouting und Screaming viel mehr Arbeit steckt als vermutet. Nicht nur sinnloses Geschrei oder Gequiecke.

Weitere Typen von Screams:

 

Quellen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Schreien
http://de.wikipedia.org/wiki/Pig_Squeals
http://de.wikipedia.org/wiki/Gutturaler_Gesang
http://en.wikipedia.org/wiki/Screaming_%28music%29
http://www.medizinfo.de/lungeundatmung/anatomie/kehlkopf.shtml
http://www.melissacross.com/voice_lesson_testimonials.php?