Ein Hörspiel für die Augen

Man wird sich jetzt mit Sicherheit fragen, wie ein Hörspiel denn den Sehsinn beanspruchen kann. Die Antwort ist relativ einfach, man nehme ein Hörspiel, eine paar Synchronsprecher, bestückt mit Requisiten und Soundeffekten aus dem Computer und platziert alles auf einer mit Mikrofonen ausgestatteten Bühne. Wenn alles glatt läuft, ergibt es zusammen ein sehenswertes Live-Hörspiel. Denn mittlerweile hat sich das alte bewährte Radio-Hörspiel bis zu einer Live-Hörspiel Kultur entwickelt. Aber wo genau liegt denn der Unterschied für den Hörer/Zuschauer wenn er bei einem Hörspiel live dabei ist und wie wirkt sich das Wahrgenommene auf das Publikum aus?

Doch zunächst sollte erst einmal geklärt werden, worum es sich überhaupt bei einem Hörspiel handelt und wie sich die Hörspiel Kultur entwickelt hat:

Hörspiel, für den Rundfunk konzipierte, nur mit akustischen Mitteln arbeitende Kunstform, die im weiteren Sinne auch als Untergattung der Dokumentarliteratur verstanden werden kann. Man unterscheidet heute begrifflich das aus dem Bühnenschauspiel entstanden traditionelle oder literarische Hörspiel, in dem mit den Mitteln der Sprache eine fiktive Welt errichtet wird, vom sogenannten „neuen“ oder experimentellen Hörspiel, in dem Sprache, Musik, Geräusche als Material für Kompositionen dienen, die nicht mehr Figuren- und handlungsbezogen sind, sondern die Sprache und ihre Verwendungsweisen zum Teil das akustische Material insgesamt zum Thema haben.“ [1]

Demnach steht das Hörspiel in enger Verbindung mit Technik. Zugespitz gesagt, ohne Technik, kein Hörspiel. Noch präziser drückt es Reinhard Döhl in der „Theorie und Praxis des Hörspiels“ aus, wobei er dem Mikrofon, als Hauptorgan des Hörspiels, die wichtigste Rolle zuspricht:

Besonders intensiv beschäftigte sich die Hörspieldiskussion mit dem Mikrophon. Hier forderten die Rundfunkpraktiker ein Hörspiel, das aus den Gegebenheiten des Mikrophons und allein für das Mikrophon geschrieben sein sollte.“[2]

Man war also darauf bedacht dem Zuhörer ein besonderes Erlebnis zu übermitteln, welches in anderen literarischen Medien so nicht vorhanden war.

Wie realistisch sich ein Hörspiel für den Zuhörer anhören kann, wurde ziemlich deutlich mit der erst Ausstrahlung von „Krieg der Welten“ am 30 Oktober 1938 in New York. Als Vorlage diente das 1898 erschienene Buch von H. G. Wells, in dem dreibeinige Außerirdische das Vereinigte Königreich angreifen. Für das Hörspiel wurde die Szenerie auf die Umstände in New York angepasst. Medienberichten zufolge sollen in dieser Nacht zu Halloween zahlreiche verängstigte Anrufe bei der Polizei eingegangen sein. Ein Faktor der diese Panik auslöste, war die Art der Produktion. Orson Wells nahm die fiktiven Zwischenmoderationen am Vortag auf und unterlegte diese mit Musik, so dass es sich wie eine echte Radiosendung anhörte. Trotz vorherigen Ankündigungen, dass es sich um ein nachgestelltes Hörspiel handelt, brach eine Welle der Hysterie über New York und New Jersey ein.

Solch eine Massenpanik wird es bei einem live- Hörspiel natürlich nicht geben. Man ist ja im vollen Bilde was genau passiert, und wie es entsteht. Da stellt sich allerdings die Frage, ob bei einem Hörspiel vor Ort die Authentizität nun vollkommen weg fällt, oder ob das Publikum immer noch genügend Möglichkeiten hat, sich in das Geschehen hinein zu versetzten. Beim normalen Hörspiel wird der Zuschauer dazu angeregt, seine Phantasie anzustrengen und sich das gehörte Wort bildlich vor dem inneren Auge vorzustellen. Sitz man nun in einem Raum mit vielen anderen Menschen vor einer Bühne und sieht die Synchronsprecher ihren Text vom Zettel ablesen, gestaltet sich das mit der bildlichen Vorstellung etwas schwieriger. Ob es einem dennoch gelingt, sich in das Geschehen hinein zu versetzten hängt von einigen Faktoren ab. Sind die Sprecher authentisch genug? Wie wird die Klangkulisse gestaltet? Und bin ich als Zuschauer überhaupt bereit mich auf das Gehörte einzulassen?

Als erstes gesendetes Hörspiel wird Richard Hughes „Danger“ von 1924 genannt. Ein Pärchen befindet sich mit einem Mitarbeiter in einem Bergwerk, als plötzlich der Strom ausfällt. Was anfangs noch als eine harmlose Unannehmlichkeit eingestuft wird, entwickelt sich zu einer beklemmenden Zwickmühle, nicht nur für die Charaktere, auch für den Zuhörer. So wird durch akustische Mittel und perfekte Inszenierung der Stimme eine verblüffend realistische Atmosphäre kreiert, die damals nicht nur im Radio funktioniert, sondern auch heute als live- Hörspiel.

So gesehen bei einer live- Hörspiel-Lesung der LauscherLounge Anfang des Jahres in Köln. Die Stimmen wurden von einigen der bekanntesten Synchronsprecher Deutschlands geliefert, u.a. Luise Helm, Sascha Rotermund, Erich Räuker und Oliver Rohrbeck. Das den Stimmen die einem sonst nur aus Blockbuster Filmen bekannt sind, nun ein Gesicht zugeordnet werden konnte, war nicht die einzige Überraschung des Abends. Dass es ihnen dann auch noch gelungen ist, nur mit ihrer Stimme, einem Mikrofon und wenigen Requisiten einem das Gefühl übermittelt zuhaben, dass man sich selbst in dem Bergwerk befindet, war wesentlich überraschender. Die Angst, die Beklemmung, der Wahnsinn und selbst die Dunkelheit waren von der ersten Minute an präsent. In einem Raum der mit weiteren Menschen gefüllt war, in dem es Hell war. Auch diese Umstände brachen der Inszenierung nichts ab. Im Gegenteil. Sie stillen sogar noch ein anderes Bedürfnis. Die Neugierde, wie ein Hörspiel wohl produziert wird.

Ein Hörspielt, das eigentlich für das Medium Radio konzipiert wurde, live auf der Bühne mit zu verfolgen ist auf jeden Fall sehen- und hörenswert. Man bekommt das Gefühl übermittelt, dass man mit anderen Menschen zu Hause im Wohnzimmer vor dem Radio sitzt, befindet sich aber trotzdem mitten im Geschehen. Warum sollte man also nicht mal das gewohnte Umfeld verlassen. Man kann sich auch in einem alten, staubigen Club zu Hause fühlen, dank des live-Hörspiels.

 

Quellen:

[1] Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 1989

[2] Döhl, Reinhard (1996): Theorie und Praxis des Hörspiels. Ers. In Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik. Stationen der Mediengeschichte. 26. Jg., Nr. 103/199, Stuttgart/Weimar, J. B. Metzler Verlag, S. 2.

http://www.handelsblatt.com/panorama/kultur-literatur/krieg-der-welten-hoerspiel-versetzt-amerika-in-panik/2519530.html

http://www.wasistwas.de/sport-kultur/alle-artikel/artikel/link//c8dc0ed38b/article/das-erste-hoerspiel.html?tx_ansearchit_form[sword]=

http://www.hoerspiel.com/geschichte-zeitlauf-hoerspiel/

http://www.lauscherlounge.de/live/einzelansicht/article/krieg-der-welten-danger-koeln/169/

Bild:

http://www.lauscherlounge.de/typo3temp/pics/b6cb7bee33.jpg