Fangesänge: Das FANomen

Der Fangesang – jeder kennt ihn. Und wen hat er im Stadion noch nicht dazu verleitet mit zu klatschen, wippen oder sogar zu singen. Hat sich schon einmal jemand Gedanken darüber gemacht, woher der Fangesang ursprünglich kommt und wie er sich zusammen setzt?

Immerhin werden die Gesänge Woche für Woche von vielen tausenden Menschen lauthals mitgesungen. Viele Musik- und Gesangspädagogen klagen darüber, dass zu wenig in der deutschen Gesellschaft gesungen wird. Das scheint im Stadion nicht der Fall zu sein und im Hinblick auf den traditionellen Gesang von Volksliedern mag das wahrscheinlich zutreffen. Obwohl eine Studie ergeben hat, dass das Singverhalten der Jugendlichen nicht so stark abgenommen hat, wie man vermutet. Allerdings hat sich das allgemeine Liedgut zu aktuellen Liedern geändert und umfasst verschiedene Genres. Gehört somit der Fangesang auch in das Repertoire des allgemeinen Liedguts? Immerhin wird er wie ein Volkslied spontan in der Gemeinschaft gesungen. Könnte es sich daher bei den Fangesängen um das moderne Volkslied handeln?

Die Anfänge der Fangesänge sind in England, dem Mutterland des Fußballs, in den 1960er Jahren zu finden. Laut Desmond Morris gibt es drei Quellen, aus denen sich Fangesänge zusammen gefügt haben. Die erste Quelle ist die englische Tradition des Hymnensingens beim Finalspiel in Wembley. Hier wurde vor jedem Finalspiel das religiöse Lied „Abide with me“ gemeinsam gesungen. Auf Grund der erhöhten Anzahl an internationalen Fußballspielen entstand ein wechselseitiger Austausch des Fanverhaltens, welcher Anlass für die zweite Quelle überliefert: die südamerikanischen Einflüsse. Denn wie Morris schildert, haben die südamerikanischen Fans schon in den 20er Jahren ihre Begeisterung durch Gesänge, Platzpatronen aus Revolvern oder später mit dem Toilettenpapierregen gezeigt. Nach der Weltmeisterschaft 1962 in Chile haben laut Morris die englischen Fans, vor allem die Fans des FC Liverpool, die rhythmischen Gesänge als Souvenir mitgebracht und direkt in ihrem Stadion dem „Spion Kop“ aufgeführt. Somit gilt der Kop, eine Stehtribüne am Ende des Liverpooler Stadions, als Geburtsstätte der europäischen Fangesänge. Auch in Mexiko wurde ausgiebig gesunden, besonders in den Jahren 1968 und 1970 sorgte das von mehr als 100.000 Fans gesungene mexikanische Volkslied „La Golondrina“ für reichlich Gänsehaut. Die letzte Quelle der Fangesänge und wahrscheinlich bekannteste, ist die englische Popmusik in den 1960er Jahren. Als 1963 die Liverpooler Fans im Spion Kop das Lied „You’ll never walk alone“ von Gerry and the Pacemakers gesungen haben, war die Urhymne des Fußballs geboren und ist heute in jedem Stadion und bei zahlreichen Sportarten zu finden. Der als sentimentales Schunkellied geltende Popsong gibt den Fans die Möglichkeit mit der Mannschaft auf dem Platz zu kommunizieren, in dem sie ihr mitteilen, dass sie „bei der Mannschaft“ sind. Diese schlichten Worte vertreten einen klaren Standpunkt und lassen keinen Zweifel zu, dass man als 12. Mann zur Mannschaft gehört.

YouTube Video: „You’ll never walk alone”
FC Liverpool – FC Barcelona, UEFA Champions League 200

Einige Studien haben sich in den letzten Jahren mit dem Fangesang auseinander gesetzt und ein Kategoriensystem in Form eines Dreiecks erstellt, in dem die unterschiedlichen musikalischen Aktivitäten qualitativ in Kategorien eingeordnet werden. Reinhard Kopiez und Guido Brink, zwei deutsche Musikwissenschaftler, nennen es sogar das „Fan-Abitur“, welches man erreicht, wenn man herausragende gesangliche Leistungen und Rhythmusgefühl aufweist.

 

Quelle: Kopiez, Reinhard/Brink, Guido

Die erste Stufe beschreibt die „Primärreaktionen“, welche sich aus Rufen, Pfeifen, Schreien und Lärminstrumenten zusammensetzt. Die Vuvuzela, wie man sie bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika erlebt hat, gilt zum Beispiel als eine Primärreaktion. Das „rhythmische Klatschen“ ist häufig mit „gesprochenen Rufen“ verbunden, wie z. B. „Olé, Olé, Olé, Olé, Super Deutschland, Olé“. Die nächste Stufe beinhaltet die „Kurzgesänge“ oder auch „gesungenen Rufe“, die nur aus wenigen Takten und Melodien bestehen. Die letzte und höchste Stufe erreicht man mit den eigentlichen „Gesängen“, die die Singfähigkeit und das Erinnerungsvermögen der Fans beansprucht. Die berühmtesten Beispiele für Gesänge sind „Zieht den Bayern die Lederhosen aus“ oder „Ihr seid nur ein Karnevalsverein“ zur Melodie von „Yellow Submarine“ der Beatles. Demnach stellt man fest, dass die Melodien des Fangesangs meist aus dem Alltag der Fans und aus vielen verschiedenen Musikgenres entstammen wie z.B. Weihnachtslieder, Schlager, St. Martinslieder, Karnevalslieder, Volksmusik, Kinderlieder sowie Pop und Rock.

Doch damit der Fangesang wirklich zustande kommt, gibt es unterschiedliche Voraussetzungen. Besonders wichtig ist das Zusammenspiel zwischen Sportart, Mensch und Musik. Somit muss die Sportart eine bestimmte Struktur aufweisen, um einen Fangesang zu zulassen, die Musik eine Art bieten, die als Fangesang geeignet ist und der Mensch gewillt ist diese Musikstücke während einer Spotveranstaltung zu singen.

Fangesänge sind besonders bei den Sportarten Fußball und Eishockey zu hören, da bei Einzelsportarten wie Tennis, Eiskunstlaufen, Schwimmen oder Autorennen die Entwicklung einer solchen Fankultur nicht stattfindet. Hier hört man häufig Primärreaktionen oder das rhythmische Klatschen. Allerdings findet man Fangesänge auch nicht bei allen Mannschaftssportarten. Hierunter fallen z.B. Hockey, Basketball oder Handball. Der Grund hierfür liegt darin, dass zum einen die Fangruppen kleiner sind als beim Eishockey und Fußball, aber der viel interessantere Grund liegt darin, dass die Struktur der Sportart nur wenige bis gar keine Fangesänge zulassen. Wenn man sich ein Basketballspiel vor Augen hält, stellt man fest, dass die Spielzüge und der Spielaufbau der Mannschaften viel kürzer sind, als bei einem Fußballspiel. Insgesamt fallen auch viel mehr Körbe, als beim Fußball Tore geschossen werden, wodurch es zu viele Höhepunkte gibt, die nur eine Primärreaktion erlauben. Der Spielverlauf bei einem Fußballspiel bietet gerade durch seinen langsamen Spielaufbau und seiner wenigen Tore ein ausgewogenes Verhältnis von Spannung und Entspannung, sodass die Fans auf die wechselnden Spannungszustände reagieren können. Auch ein Eishockeyspiel bietet eine ideale Plattform für Fangesänge durch seine zahlreichen Unterbrechungen, wodurch Platz für Emotionen geschaffen wird.

Eine weitere Voraussetzung für den Fangesang bietet die Menschenmasse bei einer Sportveranstaltung, die einen Sportler oder eine Mannschaft unterstützen und sich mit dieser identifizieren möchte, was durch das Tragen von Trikots und das Auftragen der Vereinsfarben sichtbar wird. Diese Menschenmasse ist meist stehend in Stadien oder Arenen zu finden und bildet eine „Subkultur“ mit einem eigenen „Image“, welches durch männlich-dominantes Auftreten, der Hingabe zur Unterstützung der eigenen Mannschaft, dem Bedürfnis zu Feiern nach einem Sieg und der Diffamierung der gegnerischen Mannschaft verdeutlicht wird. Diese kennen zudem den Verlauf des Spiels, die Regeln, aktuelle Informationen und die gegnerischen Fan-Gruppen genau. Des Weiteren muss jeder Fan ein großes Repertoire an Musikstücken auswendig  können, damit es in der Sportstätte gesungen werden kann. Allerdings sollte das Musikstück eine bestimmte Struktur haben, damit sie einheitlich gesungen werden kann. Meist ist diese Musikstruktur homophon angelegt. Dies bedeutet, dass sie eine Melodie hat, die einstimmig reproduzierbar ist und einfach ist – nicht zu lang, nicht zu viel Text und nicht kompliziert aufgebaut. Sobald ein Musikstück diese Voraussetzungen erfüllt, die Fans das Lied kennen und akzeptieren, ist es stadiontauglich und in der Fankurve willkommen. Doch leider gibt es heutzutage viel zu viele Lieder, die rhythmisch und einfach sind. Daher ist die Akzeptanz des Musikstückes ebenfalls von großer Bedeutung. Denn dieses Musikstück muss zur eigenen „Fan-Kultur“ und zum „Image“ der Fangruppe passen. Danach kann es umfunktioniert und umgetextet werden.

Wenn der Fangesang von so vielen Menschen reproduziert wird und von Fan zu Fan weitergegeben wird, erfüllt er auch die Kriterien für ein modernes Volkslied? Immerhin sind sie allgemein bekannt und weitverbreitete Melodien. Kopiez und Brink sind der Meinung, dass es eine neue Art des Volksliedes sein kann, auf Grund der Art wie mit dem Lied umgegangen wird und nicht im Zusammenhang mit dem Melodiegut. Denn, so sieht es auch Georg Brunner, wird der Fangesang wie das Volkslied Mund-zu-Mund weitergegeben, in der Gemeinschaft spontan gesungen und nicht durch Musik aus dem Stadionlautsprecher hervorgebracht. Doch, so muss man zugeben, sind Fangesänge im Vergleich zum Volksliedideal weder schön gesungen noch alt. Daher sind sich Kopiez und Brink am Ende ihrer Studie sicher, dass die Lieder des „(Fußball-) Volkes“ keine Volkslieder sind, obwohl sie der Volksliedtradition näher sind als jeder anderen Tradition und sogar eine Geschichte besitzen. Volkslied hin oder her – letztendlich ist zu sagen, dass der Fangesang heutzutage eine enorme Bedeutung hat, ob für Vereine und Clubs oder den einzelnen Fan, was eine Aktion von Werder Bremen in diesem Jahr verdeutlich: Der Club rief seine Fans auf, die Hymne neu einzusingen und somit Teil der Vereinshymne zu sein. Aber auch für Musikwissenschaftler nimmt der Fangesang eine besondere Stellung ein, indem sie u.a. Teil von Klanginstallationen wie bei den Berliner Festspielen 2006 werden und weiterhin das Phänomen der Fangesänge untersucht wird. Diese und viele andere Beispiele zeigen auf, wie verbreitet die Fangesangskultur ist und zum modernen Volk gehört.

 

Quellen:

Brunner, Georg: Fangesänge im Fußballstadion. URL: http://www.imspiel-magazin.de/pdf/Thema_Deutsch_Flickflack_Foul_Tsukahara_Leseprobe_Fangesaenge.pdf, aufgerufen am 15.12.2011.

Kopiez, Reinhard/Brink, Guido: Fußball-Fangesänge Eine FANomenologie. 5. Auflage. Würzburg 2010.

Meuren, Daniel: Vuvuzela „Trompeter aller Vereine vereinigt Euch!“. URL: http://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/vuvuzela-trompeter-aller-vereine-vereinigt-euch-1998823.html. aufgerufen am 15.12.2011.

Obert, Mark: Fangesänge, Schlachtrufe und Vuvuzelas. URL: http://www.fr-online.de/fr-videos/fussball-ist-musik-fangesaenge–schlachtrufe-und-vuvuzelas,1473512,4437966.html, aufgerufen am 15.12.2011.

Vec, Milos: Auf gehts Jungs, singt ein Lied für uns!. URL: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/geisteswissenschaften/fangesaenge-im-fussballstadion-auf-gehts-jungs-singt-ein-lied-fuer-uns-1980341.html, aufgerufen am 15.12.2011.

Bildquellen:

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http://www.schulbilder.org/malvorlage-noten-i10471.html

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