Sinus, Sägezahn und Weißes Rauschen

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Als ich 1992 meinen ersten Computer, einen Amiga 500, bekam, gab es noch kein Internet, auch keine CD-ROMs oder USB-Sticks, die Schulhoftauschware hieß Diskette. Damals traf man sich, zockte zusammen und anschließend kopierte man sich gegenseitig seine favorisierten Spiele.

Natürlich war das illegal und weil es sich schon 1992 zum Volkssport entwickelte, versuchte die Softwareindustrie dies mit komplizierten Kopierschutzalgorithmen zu verhindern. Meine Schulhofdisketten waren darum oft „cracked“, d.h. der Kopierschutz wurde entfernt bzw. umgangen. Hinter diesen „geknackten“ Spielen steckte eine kleine, eingeschworene, aber weltweit aktive Gemeinde, die sich selbst nur als „The Scene“ bezeichnete und deren Vertreter sich schon lange, bevor man überhaupt an ein Internet wie wir es heute kennen auch nur denken konnte, über sogenannte Mailboxen vernetzten.

Doch diese Szene war nicht einfach nur ein Haufen krimineller Raubkopierer. Jedes geknackte Spiel wurde mit einer persönlichen Note versehen, indem vor dem eigentlichen Spiel ein sogenanntes „Cracktro“ mit möglichst eindrucksvollen grafischen Effekten und Musik ablief, in dem befreundete „Cracker“ gegrüßt wurden. Jetzt fragt sich der ein oder andere bestimmt, warum ich mit Raubkopien und alten Geschichten aus meiner Jugend anfange, obwohl es doch hier eigentlich um Auditive Medienkulturen gehen soll. Worum es mir mit dieser Vorgeschichte eigentlich geht, ist die Musikkultur, die innerhalb dieser Szene entstanden ist.

Ende der Achtziger löste sich diese Kunstform von ihrem kriminellen Ursprung und die sogenannte „Demoszene“ entstand. Ziel war nicht länger die Kommunikation über die „Cracktros“, sondern das Ausloten der Grenzen eines Computers, was also optisch und akustisch überhaupt möglich war. Viele dieser Musiker und Programmierer arbeiteten später für Spielehersteller oder gründeten ihre eigenen Softwareschmieden. Auch die Musik, die wir von den in den Achtzigern beliebten Spielsystemen der Hersteller Nintendo oder Sega kennen, wurde maßgeblich durch diese Subkultur beeinflusst.

Wie ich zuvor bereits erwähnte, musste ein Spiel auf einer Diskette Platz finden, so dass man gezwungen war, Wege zu finden, Musik auf eine möglichst kleine Datenmenge zu reduzieren. Der Commondore 64 verfügte über einen integrierten Synthesizer, den sogenannten SID-CHIP, mit dem sich Klang direkt erzeugen lässt, so dass nur die Steuerinstruktionen, also reiner Text, gespeichert werden mussten.

Auch das Nintendo Entertainment System und der Gameboy benutzen zur Klangerzeugung Prozessoren. Für die später übliche Samplingtechnik, bei der ein aufgenommenes Stück Klang in verschiedenen Tonhöhen abgespielt wird, hatten die frühen Systeme noch nicht genug Speicherkapazität, ganz zu schweigen von der Möglichkeit der heutigen Methode, vollständig aufgenommene Musikstücke zu verwenden.

Aus dieser Notwendigkeit Speicherplatz zu sparen, entstand so schließlich eine eigene Musikrichtung, die „Chipmusic“ genannt wurde, weil sie ursprünglich tatsächlich aus einem Computerchip kam. Als später auf dem Amiga die Samplingmethode zur Klangerzeugung verwendet wurde, benutze man ähnliche Samples, um den Klang des SID-Chips zu emulieren. Denn auch hier mussten die „Cracktros“ möglichst wenig Platz einnehmen. In der „Demoszene“ ging es eher um Wettbewerbe, in welchen man versuchte, die Dateigröße der „Chiptunes“ möglichst klein zu halten.

In den späten Neunzigern fand diese Subkultur schließlich ihren Weg in die Populärmusik. Der Song „ target=“_blank“>14 Zero Zero“ des deutschen Produzenten „Console“ (1999) ist eine Hommage an die Computermusik der Achtzigerjahre. Im selben Jahr erscheint der Titel „ target=“_blank“>Kernkraft 400“ der Techno-Formation „Zombie Nation“, eine Coverversion der Musik des Commondore 64 Spiels „ target=“_blank“>Lazy Jones“. Künstler der späteren Elektrowelle wie „ target=“_blank“>Justice“, „ target=“_blank“>The Knife“, „ target=“_blank“>Egotronic“, „ target=“_blank“>Welle:Erdball“ und viele andere bedienen Klischees dieser musikalischen Subkultur und machen sie so einem breiten Publikum zugänglich. Selbst Starproduzent „Timbaland“ greift im Refrain seines Songs „ target=“_blank“>Morning after dark“ auf Stilmittel des „Chiptunes“ zurück.

Neben dem Einfluss auf die Populärmusik ist aus dieser Musikkultur auch eine neue(Musikrichtung) entstanden:„Bitpop“ nennen Komponisten dieser Musikrichtung ihre Stücke, die mit Emulatoren, Programmen, die es ermöglichen, einen Computer in ein Nintendo Entertainment System (NES) oder einen Commondore 64 zu verwandeln, mit modifizierten Gameboys für den Live-Einsatz oder Soft- und Hardware-Synthesizern, die den Klang der damaligen Systeme simulieren können, erzeugt werden. Dabei gehen einige Vertreter der Gattung soweit sich zu fragen, wie „Pink Floyds“ Album „ target=“_blank“>Dark side of the Moon“ klingen würde, wenn man es für ein NES geschrieben hätte. Auch der britischen Band „Muse“ widmeten einige Künstler der „Bitpop“-Gemeinde ein Tribut-Album im Sound des Nintendo Entertainment Systems.

Ich kann mich noch erinnern, dass ich in meinem Freundeskreis damals für mein Interesse an dieser Musik immer belächelt wurde.

Dieselben Leute tanzen heute zu ähnlichen Klängen am Wochenende auf Elektroparties.