Sound Sampling – Kunst und Wissenschaft im Zeitalter der digitalen Kopie

Sound Sampling – Kunst und Wissenschaft im Zeitalter der digitalen Kopie

Sound Sampling – Kunst und Wissenschaft im Zeitalter der digitalen Kopie

Diebstahl oder Kunst? Die Verwendung fremder geistiger Inhalte zum eigenen Profit hat eine lange Geschichte – sie reicht vom Abkupfern bestimmter manueller Fertigkeiten bei unseren Vorfahren um das eigene Überleben zu sichern bis hin zu den Kopierstuben des Mittelalters in denen das Abschreiben die einzige Möglichkeit war Informationen zu verbreiten. Das direkte Kopieren fremder geistiger Inhalte ist zumindest in unserer heutigen Gesellschaft weitgehend verpöhnt – wer schummelt oder abschreibt wird bestraft, wer illegal kopiert dem droht Gefängnis.

Allein die Verwendung von urheberrechtlich geschütztem Material im universitären Kontext bereitet manchen Dozenten und Studenten rechtliche Schwierigkeiten. Und auch die Angabe der Quelle kann einer Klage nicht immer zuvor kommen. Auch für diesen Blog wurde bei verschiedenen Firmen angefragt ob Inhalte für die Beiträge verwendet werden dürfen – der allgemeine Tenor: Nein. Doch wie ist das im künstlerischen Bereich?

Die Verwendung kommerzieller Musiktitel um seine Urlaubspräsentation aufzupeppen kann man schlecht unter Strafe stellen. Doch was, wenn ich dieses Video im Internet frei zugänglich mache? Zumindest für das deutsche Youtube wurde hier eine Kooperation mit den wichtigsten Musikstudios eingegangen, die das Benutzen der Musikstücke erlaubt. Jedoch nicht zur kommerziellen Nutzung. Ebenso sind mittlerweile viele Inhalte mit kommerzieller Musik aus Deutschland nicht mehr abrufbar sondern nur noch aus den USA. Über technische Maßnahmen diese Sperren zu umgehen soll hier nicht diskutiert werden.

Doch Die Verarbeitung von Musikstücken oder Stücken aus Musik hin zu neuen Werken hat eine lange Tradition. Spätestens seit den 80ern und 90ern kann man jeden Musiktitel mit einem einfachen Kassettenrecorder aufnehmen und weiter verarbeiten. Die digitale Technik hat diesem sogenannten Sampling noch viel mehr Möglichkeiten verschafft. Editieren, Arrangieren, Verzerren, Hall hinzufügen, etc. – all diese Möglichkeiten machen aus vielen kurzen Clips einen Neuen.

Das Beispiel „Smack My Bitch Up“ von The Prodigy zeigt, wie aus vielen verschiedenen kleinen Soundschnipseln ein neues Lied komponiert wird. In diesen beiden Videos kann man sehen aus welchten Stücken das Lied zusammengesetzt wurde. Dieser künstlerische Anspruch und auch die Reputation der Band The Prodigy haben natürlich dazu beigetragen, das Stück kommerziell nutzen zu können. Außerdem hat das Sampling allgemein in der HipHop-Kultur eine weite Verbreitung und führte vor allem in ihrer Anfangszeit überhaupt erst zu ihrem Erfolg.

Doch nicht nur aus kommerziellen und erfolgreichen Songs werden neue. Auch aus Sounds, die jeder aus dem Alltag kennt, kann man Musik machen. So zum Beispiel aus den altbekannten und allseits beliebten Standardsounds von Windows – noch nie waren Fehlermeldungen so schön anzuhören. Die auf jedem PC vorinstallierten Geräusche können also im künstlerischen Zusammenhang von jedem verwendet und neu zusammengefügt, also zitiert werden.

Es scheint so, als ob die wissenschaftliche oder die künstlerische Verwendung geistigen Eigentums einen Ausweg aus der Kopiermisere darstellt – oder einfach aufzeigt, wie schwierig es ist, die neuen Distributionsmedien unter alten Sach- und Wertbegriffen zu definieren, die für sie einfach nicht mehr passen. Egal ob in Kunst oder Wissenschaft – Zitationen sind allgegenwärtig, der Rückgriff auf Altbekanntes zur Untermauerung der eigenen Argumentation oder Anlehnung an eine bestimmte Strömung schaffen erst Zusammenhänge und sind unerlässlich. Vor allem in diesen beiden Bereichen zeigt sich, wie absurd es ist, die Verwendung urheberrechtlich geschützten Materials generell unter Strafe zu stellen. Doch für die neuen Formen digitaler Medien die bei jedem Aufrufen automatisch kopiert werden passen die alten Definitionen einfach nicht – bis hier Regelungen gefunden werden, muss eben ein künstlerischer Anspruch oder ein gewisser Grad an Wissenschaftlichkeit nachgewiesen werden.