Vision? Sound!

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Vision? Sound!

Die Geisteswissenschaften entdecken neben den visuellen Untersuchungsgegenständen verstärkt auch auditive Reize, Einflüsse und Veränderungen in den Klangkulturen. Verstärkt wird nach Methoden gesucht, um die Klanglandschaften von früher und heute miteinander zu vergleichen und Auswirkungen aufzuzeigen.

Wir werden täglich mit Geräuschen konfrontiert. Manche warnen uns vor Gefahren, manche erfreuen uns, aber manche nehmen wir auch gar nicht (mehr) wahr. Wie hört sich die Großstadt an, wenn alle Geräusche ungefiltert aufgenommen werden (Beispiel: London)? Um diese Frage zu klären, bietet es sich an mit einem Mikrofon bewaffnet durch die Straßen zu ziehen.

Ein Mikrofon macht keinen Unterschied zwischen Geräuschen, im Gegensatz zum menschlichen Hörapparat, inklusive der Verarbeitung im Gehirn. Mit der Auswertung dieser aufgenommenen Geräusche beschäftigt sich seit Mitte der 1960er Jahre das Soundscaping. Es geht dabei nicht um die Einteilung zwischen „guten“ und „schlechten“ Geräuschen, sondern um die Beschäftigung mit der gesamten Klangumwelt.

Der kanadische Forscher Murray Schafer, Gründer des World Soundscape Project , stellt in seinem Buch „The Tuning of the World“ (1977) die Theorie auf, dass der Mensch ständiger Gestalter, Komponist und Konsument seiner Klangumwelt ist. Wie sich diese Klangumwelt verändert, wurde in zwei Projekten – 1975 und 1998 – untersucht. Dabei besuchten Forscher fünf Dörfer in Europa und untersuchten die jeweilige Soundscape. Neben der Untersuchung der Klanglandschaften ging es gerade in den Anfangsjahren des Soundscapeprojekts auch um Klangökologie.

Mittlerweile untersuchen nicht nur die Musikwissenschaft oder einzelne Projekte Klänge, sondern auch andere Geisteswissenschaften. Als Beispiele sind hier die Kulturwissenschaft, als auch die Geschichtswissenschaft zu nennen. Sind Wissenschaftler dieser Disziplinen bislang eher auf die Musik eingegangen, beschäftigt man sich jetzt mit der Frage, wie sich Klänge und Geräuschkulissen früher und heute verändert haben und wie sich dies auf die Gesellschaft ausgewirkt hat. Zusammengefasst nennt sich diese relativ junge Richtung Soundstudies (in Anklang an die Visual Studies). Spannend ist hierbei die Frage nach der Methodik der Untersuchung, denn Aufnahmemöglichkeiten gibt es erst seit 1878.

Der französische Geschichtswissenschaftler Alain Corbin hat sich beispielsweise mit der Nutzung von Glocken und deren Bedeutung im Alltag der französischen Gesellschaft befasst. In seinem Buch „Die Sprache der Glocken“ (1995) beschreibt er, wie die Klänge der Glocken politisiert wurden und welche Auswirkungen dies auf die Menschen im Zuge der Französischen Revolution hatte. Er stellte dabei heraus, dass die Glocken in französischen Dörfern bewusst von der Nutzung in Kirchen abgekoppelt wurden, um so die Säkularisierung der Gesellschaft voranzutreiben.

Dies war nur ein Beispiel, das der Historiker Dr. Daniel Morat von der Freien Universität Berlin auf der Tagung „Auditive Medienkulturen“ der Universität Siegen aufzeigte. Seine aktuelle Forschung beschäftigt sich mit klangumweltlichen Veränderung in Berlin und New York zu Beginn des letzten Jahrhunderts.

Beim 9. Blankensee-Colloquium Hearing Modern History in Berlin, das Morat organisierte, wurden weitere Themen zur geschichtswissenschaftlichen Befassung mit dem Thema Klang und Gesellschaft besprochen. Am Samstag, den 19. Juni 2010 trugen Dr. Uta Kornmeier und Gaby Hartel zum Thema “SFX and the City. The Perception of Urban Ambient Sound in London” vor. Der gesamte Nachmittag beschäftigte sich mit Großstadtgeräuschen “now and then”.