Die Entwicklung mobiler Klangkunst

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Das Kofferradio

Mp 3- Player, Handys und Netbooks sind stete Begleiter in der heutigen Zeit. Ein Leben ohne sie ist kaum vorstellbar. Doch vor nicht einmal 100 Jahren waren die Menschen beim Empfang von Nachrichten und Unterhaltung aus weiten Distanzen ortsgebunden. Durch die Entdeckung der drahtlosen Telegrafie durch Heinrich Hertz konnten röhrenbetriebene Sendeanalgen erstmals eine Übertragung von Musik und Sprache verwirklichen. Am 28.10.1923 begann der Rundfunk auch in Deutschland, mit den Worten: „Achtung! Achtung! Hier Sendestelle Berlin – Vox-Haus – Welle 400.“ In der Zeit des Dritten Reiches entwickelte sich der Rundfunk und das Radio zum Massenmedium. Bis zum Beginn der 1950er Jahre war das Radio bereits in vielen Haushalten anzutreffen (Kursawe 2004: 319). Doch Radio hören war immer noch ortsgebunden. Wie kam es also zur Mobilität der Medien und welche Folgen brachte diese Mobilität mit sich?

Inmitten einer bereits hoch entwickelten Hörkultur der akustischen Medien, hier des Radios, eroberte ab den 1950er und 1960er Jahren das Kofferradio die Gesellschaft. Anfänglich gab es für den Transport eine zusätzliche Tasche, dann setzte sich aber ein kofferförmiges Design mit Henkel durch (Weber 2007:130f.). Die Menschen waren von Musik umgeben, sei es nun zu Hause, bei der Arbeit oder im Auto. Das Kofferradio entwickelte sich zu einem persönlichen und steten Begleiter in der Lebenskultur. Besonders für eine Gesellschaftsgruppe war das Kofferradio ein Medium, welches für Mobilität und Freiheit stand. Die Jugendlichen der damaligen Zeit gelten als die eigentlichen Mobilitätspioniere, denn sie übertrugen das Kofferradio aus den privaten Raum in die Öffentlichkeit. Kofferradios erfreuten sich in der jüngeren Generation vor allem besonderer Beliebtheit, weil sie mit ihnen ihre Unabhängigkeit und Beweglichkeit demonstrieren konnten (Andersen 1999: 113). Die Nutzung und das Radioverhalten sind dabei völlig von der Erwachsenenwelt zu unterscheiden:

„Ein tragbares Radio war für Teenager zum einen eine preiswerte Möglichkeit, von der elterlichen Radioausstattung unabhängig zu werden; zum anderen kam das Gerät dem jugendlichen Lebensstil entgegen, zu dem das Mobilsein ebenso wie das expressive öffentliche Radiohören als ein ‚Stück Eroberung von Öffentlichkeit‘ gehörten.“ (Weber 2007:136)

Das Kofferradio war für die Jugendlichen deutlich erschwinglicher, als die alte stationäre Variante. Weiterhin konnten sie sich mit ihrer mobilen Variante aus dem elterlichen Hörradius entfernen und in ihrem eigenen Zimmer eigene Musik hören oder es zum allabendlichen Treffen mit Freunden mitnehmen, um dort gemeinsam ihre Musik zu hören und damit ihrer Leidenschaft nachzugehen. Die Allgegenwart des Mediums führte in der Gesellschaft zu mehreren Konflikten, weshalb die Nutzung mit mehreren Einschränkungen versehen wurde. So haben beispielsweise ungeschriebene Verhaltensnormen die Radionutzung gänzlich aus einigen Räumen verbannt. Teilweise wurde sie auch direkt verboten. So vor allem in Bussen und Bahnen, wo der Betrieb von Radios gänzlich untersagt wurde (Weber 2007:135). Diese Einschränkung, welche mit dem Zeitalter des Kofferradios und der dadurch resultierenden Lautkulisse entstanden, sind teileweise auch mit in die Gegenwart übernommen worden. Denn auch das Handy, welches mehr denn je mit dem menschlichen Körper verwachsen scheint, ist in einigen öffentlichen Räumen kein gern gesehener Gast.

Die Mobilität der Medien entwickelt sich aus dem immer größer werdenden Bedarf der Unabhängigkeit und Flexibilität. Das Kofferradio und seine außerhäusliche Verwendung, führte zu einer Allgegenwart des Mediums, die durch seine Nachfolger auch heute noch spürbar ist. Das Kofferradio wurde ab den 1980er Jahren teilweise durch den Walkman abgelöst. Im Zeitalter der Digitalisierung übernahm der Mp 3- Player diese Funktion. Ein Medium, das auch heute noch die Unabhängigkeit und Mobilität des damaligen Kofferradios widerspiegelt ist das Handy. Als Kombination aus verschiedenen Medien, entwickelt sich das Handy zum mobilen Klangkünstler. Vor allem die jüngere Generation benutzt es, um eigene Musik aus dem häuslichen Radius hinaus in die Öffentlichkeit zu transportieren. Dies geschieht im Gegensatz zum Walkman und Mp 3-Player wieder in gewohnter Kofferradiomanier, das heißt die Musik wird nicht durch Kopfhörer von öffentlichen Räumen abgeschottet, sondern wird der Öffentlichkeit aufgezwungen. Die Weiterentwicklungen des Kofferradios sind heute bereist ein selbstverständlicher Teil in unserem Alltag geworden und sind somit aus der Mediennutzung kaum noch wegzudenken. Große Folgen dieser Mobilität ist die Erwartung der steten Informationsbereitschaft und auch der Erreichbarkeit. Ob dies aber nun ein Fluch oder ein Segen für die Menschheit darstellt, entscheidet selbst!

Quellen:

Andersen, Arne: Der Traum vom guten Leben. Alltags- und Konsumgeschichten vom Wirtschaftswunder bis heute, Frankfurt: Campus Verlag 1999.

Gorse, Christiane: Die Geschichte des Radios (01.06.2009) unter: http://www.planet-wissen.de/kultur_medien/radio_und_fernsehen/geschichte_des_radios/index.jsp [Stand 18.08.2010]

Kursawe, Stefan: Vom Leitmedium zum Begleitmedium. Die Radioprogramme des Hessischen Rundfunkes 1960-1980, (= Geschichte und Gegenwart, Bd. 21) Köln: Böhlau Verlag 2004.

Weber, Heike: Das Versprechen mobiler Freiheit. Zur Kultur- und Technikgeschichte von Kofferradio, Walkman und Handy, Bielefeld: Transcript 2008.

Weber, Heike: Vom Ausflugs- zum Alltagsbegleiter: Tragbare Radios und mobiles Radiohören 1950-1970, in: Jutta Röser [Hrsg.]: MedienAlltag. Domestizierungsprozesse alter und neuer Medien. Wiesbaden 2007, S. 129-138.

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