Anpassung um jeden Preis – Synchronisationspraxis in Deutschland

Anpassung um jeden Preis

Anpassung um jeden Preis

Deutschland ist Synchronisationsland. In keinem anderen Land der Welt werden so konsequent ausländische Produktionen an den heimischen Markt angepasst wie in der Bundesrepublik. Das ist einerseits erfreulich für all diejenigen, die des Englischen nicht mächtig sind und keine Lust haben, den ganzen Film bzw. die ganze Episode über Untertitel zu lesen. Andererseits bringt die rigide Eindeutschung auch einige Probleme mit sich, die den gesendeten Inhalt gegenüber der Originalfassung abwerten. Ein Plädoyer für die Originalfassung im deutschen Fernsehen.

Traditionell kommen fast alle Filme und Serien in Deutschland in der synchronisierten Fassung in die Kinos bzw. ins Fernsehen. Aufgrund der gleichen Sprache, werden diese Fassungen auch in Österreich verwendet. Ausnahmen bilden nur wenige Filme, die meist mit einem künstlerischen Anspruch bewusst auf eine deutsche Tonspur verzichten. Hinter dieser Praxis steht eine ganze Branche, die von eben diesen Synchronisationen lebt. Im Schnitt werden etwa 300 Filme pro Jahr eingedeutscht. Das Gesamtvolumen der Branche beläuft sich auf 90 bis 100 Millionen Euro pro Jahr. Die Kosten für die Synchronisation eines einzelnen Kinofilms liegen zwischen 40.000 und 50.000 Euro; eine Minute einer TV-Serien schlägt mit etwa 250 Euro zu Buche.

Problematisch wird diese Praxis, wenn Inhalte oder auch Wortspiele nur unzureichend übersetzt werden bzw. nur unzureichend übersetzt werden können. Ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ (2009). In der Originalfassung sprechen die Franzosen hier Französisch, die Deutschen Deutsch und die Amerikaner und Briten eben Englisch. Für die deutsche Kinofassung wurden hingegen die englischen Passagen ins Deutsche übersetzt, was dem Film viel von seiner Atmosphäre nimmt. Kurios wird es dann, wenn sich ein englischer Agent durch seinen Akzent verrät, dieser aber in der hiesigen Fassung perfektes Deutsch spricht.

Noch gravierender werden die Einschnitte durch die Synchronisation, wenn elementare Inhalte dem deutschen Markt angepasst werden. In der ursprünglichen Fassung des 80er Jahre Action-Klassikers „Die Hard“ („Stirb Langsam“) (1988) besteht die Terroristengruppe, die das Nakatomi-Plaza-Gebäude besetzt, zum Großteil aus deutschen Kriminellen. Dies wollte man aber wohl dem deutschen Publikum nicht zumuten und entfernte in der deutschen Fassung die Hinweise auf die Herkunft der Terroristen. Selbst der Name des Anführers wurde vom ursprünglichen „Hans Gruber“ zum unverfänglichen „Jack Gruber“ geändert.

Unfreiwillig komisch wird es auch, wenn Bezüge zur amerikanischen Pop-Kultur durch deutsche Bezüge ersetzt werden. So läuft in der US-Sitcom „Married…with Children“ („Eine schrecklich nette Familie“) plötzlich die „Schwarzwaldklinik“ im US-Fernsehen und Protagonist Al Bundy ärgert sich über die Omnipräsenz von Hans-Jürgen Wussow. Wird dann auch noch in derselben Serie die Ankündigung des Western-Klassikers „The Good, the Bad and the Ugly“ („Zwei glorreiche Halunken“) (1966) mit „Das Gute, das Böse und das Hässliche“ übersetzt, bleibt bei den meisten deutschen Zuschauern ein großes Fragezeichen zurück.

Zwar hat die die Qualität der Synchronisationen seit den 80ern, vor allem was TV-Serien betrifft, deutlich verbessert, dennoch geht häufig viel vom ursprünglichen Wortwitz verloren.

Das ist gerade bei Sitcoms, die meist von Wortspielen leben, der Fall. So verliert Barney Stinsons catchphrase „Suit up!“ in der deutschen Fassung von „How I Met Your Mother“ doch einiges. Für Freunde des Originals will sich beim Ausruf „Im Anzug!“ keine wirkliche Freude einstellen.

Die technischen Möglichkeiten, dieses Dilemma zu umgehen, sind längst gegeben: es stellt kein Problem dar, Filme und Serien im Zweitonkanal auszustrahlen. In der Schweiz ist dieses Verfahren längst gang und gäbe. Und auch in Deutschland bietet der Pay-TV-Sender Premiere/Sky diesen Service an. Der Zuschauer kann selber entscheiden, welche Fassung er sehen möchte.

Aber solange sich die öffentlich-rechtlichen und privaten Sender in der Bundesrepublik diesem Verfahren verweigern, greifen viele Puristen lieber auf die (Streaming-) Möglichkeiten des Internets zurück und sehen sich ihre Lieblingsserien im Original an.

Und Deutschland bleibt Synchronisationsland.

Quellen:

http://www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24868A8A5276D4FB916D7/Doc~EAD4BE09536FE4FB8BF89BBC958E04801~ATpl~Ecommon~Scontent.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Synchronisation_%28Film%29

http://www.goethe.de/kue/flm/dos/sid/de218244.htm