Die verborgene Kraft des Gesangs (Teil 1): Das Phänomen der Stimme und des gemeinsamen Singens


Singende Kinder

Oftmals hören wir Musik und singen automatisch mit. Aber auch das gemeinsame Singen ist in unserer Gesellschaft vermehrt vorhanden, jedoch merken wir das zumeist nicht, sondern tun es unbewusst. So singen wir automatisch bei Konzerten oder aber beispielsweise bei Fangesängen von Fußballspielen mit anderen Menschen zusammen. Doch was steckt genau hinter dem gemeinsamen Gesang und wo ist dieser vorhanden? Wir sind uns der Bedeutung von Musik überhaupt nicht bewusst. Es stellt sich dabei die Frage, welche Bedeutung der Stimme und dem Gesang zu kommt? Verbirgt sich wohlmöglich eine verborgene Kraft in der Stimme, dessen wir uns nicht im Klaren sind …?

Das Phänomen Stimme

Die menschliche Stimme ist ein natürliches Phänomen, welches vom Menschen selbstgesetzlich verwendet werden kann. Die Stimme stellt sich in ihrem Gebrauch dar und erfüllt unterschiedliche Aufgaben. Zunächst einmal stellt sie ein Kommunikationsinstrument dar. In ihrem Gebrauch wird die Stimme aber auch zu einem Medium, das Empfindungen, Stimmungslagen und Absichten des Menschen transportiert. Sie ist ein Klangphänomen, welches Gefühle zum Ausdruck bringt. Im Gebrauch der Stimme manifestiert sich aber nicht nur das innere Empfinden des eigenen Seins, sondern auch das Bewusstsein von der Welt und vom eigenen Dasein in dieser Welt. Des Weiteren nimmt die Stimme eine zentrale Funktion bei der Entstehung des Selbstbewusstseins und der personalen Identität ein. Diese bilden sich beim Prozess der Interaktion mit anderen in Kommunikationsakten. In dem ästhetischen Gebrauch der Stimme, dem Gesang, fungiert die Stimme als Instrument, welches Töne, Klänge und Melodien erzeugt und diese auch von jedem Sinn- und Affektverstehen wahrgenommen werden können. Meistens werden durch den Gesang Gefühle hervorgerufen, die auch ohne eine verbale Äußerung entstehen, was den Gesang zu einer ästhetischen Eigenschaft bildet, die eine Sphäre eigener Art besitzt. So wird das Singen als die Sprache der Seele bezeichnet, welche heilsame Wirkungen auf Körper und Geist ausstrahlen soll. Demnach stellen der Gesang und zugleich die Musik ein revolutionäres Wesen dar, welches über übernatürliche Kräfte verfügt.  Interessent dabei ist vor allem die Betrachtung des gemeinsamen Gesangs.

Die soziale Bedeutung des Singens

Das Singen nimmt eine bedeutende Stellung für die Entwicklung des Menschen und der Gemeinschaft ein. So hat nach wissenschaftlichen Untersuchungen das Singen eine gesundheitsfördernde Wirkung, die sich auf die psychische und physische Gesundheit ausübt. So fördert Singen nicht nur Lebensfreude und Lernfähigkeit, sondern hilft ebenso beim Abbau von Aggression und bei der Bewältigung von Trauer. Aber auch die Fähigkeit, uns selbst und andere Menschen zu fühlen sowie die Entwicklung von Mitgefühl liegt in der Kraft des Singens. So findet beim gemeinsamen Singen eine tiefe Verbundenheit mit anderen Menschen statt. Das gemeinsame Singen hat eine starke Wirkung auf sozialer und gemeinschaftlicher Ebene. Es stellt nicht nur eine Überbrückung von sprachlichen und religiösen Barrieren dar, sondern bildet eine gemeinsame Basis für Gruppen unterschiedlicher Ethnien. Das Singen ermöglicht mehr Toleranz, lässt die Menschen sich besser ausdrücken und schafft neue Wege, zu einer eigenen Identität zu finden. Es wird deutlich, dass das gemeinsame Singen eine große Rolle spielt. Ob es sich jetzt um Demonstrationen, Fangesang, Kirchengesang oder den Arbeitsliedern handelt, so sieht man bereits an diesen Beispielen, dass das gemeinsame Singen oder Protestieren für etwas eine bedeutende Rolle einnimmt. Denn in der gemeinschaftlichen Verbindung verstärken sich das Durchhaltevermögen und die Kraft für ein Ziel zu kämpfen. Man lässt sich nicht von Rückschlägen entmutigen, sondern hält in der Gruppe zusammen und dies bestätigt das Weiterkämpfen. Selbst wenn sich die Menschen nicht gut kennen, sieht man anhand von Fangesängen, dass durch das gemeinsame Singen ein Verschmelzungsphänomen stattfindet, welches die Menschen miteinander verbindet. So verwundert es nicht, das man heutzutage noch in vielen Kulturen Arbeitslieder und Klagegesänge vorfindet.

Die Funktion von Arbeitsliedern und Klagegesängen

Die gemeinschaftlichen Gesangstraditionen der Arbeitslieder und Klagegesänge haben entscheidende Funktionen. So gibt es bei Naturvölkern und vielen anderen Volksgruppen die Verbreitung der Arbeitsgesänge. Den Arbeitenden wird Kraft zugesungen, um die Arbeitsprozesse musikalisch und gesanglich zu unterstützen. Die Gesänge dienen zum einen der Koordination der Arbeit und erleichtern zum anderen durch die aufkommende positive Stimmung die Arbeit. Durch das gemeinsame Singen  entsteht automatisch ein Gefühl der Zugehörigkeit. Die Verarbeitung von Trauer mit Hilfe von gemeinschaftlichem Gesang gibt es ebenso bei vielen Völkern. Ein Beispiel hierfür findet man beim australischen Volk der Yolngu, sowie viele Rituale in der Türkei, Schottland oder in Afrika. Ebenso gab es die Klagelieder bei den schwarzen Sklaven Nordamerikas oder den Häftlingen in den Konzentrationslagern der Nazis. Mit den Gesängen versuchten die Menschen sich gegenseitig Mut zu machen, erlebten ein Gemeinschaftsgefühl und versuchten so ihre Trauer gemeinschaftlich zu verarbeiten. Hinsichtlich der Klagegesänge der schwarzen Sklaven und den Menschen in den Konzentrationslagern versuchten diese, sich einen Rest an Stolz und Menschenwürde zu bewahren. Die Musik stellte aber auch ein Stück der Erhaltung der eigenen Kultur dar, ebenso stärkte sie die Identität und das Gefühl der Gemeinschaft.

So stellte vor allem in der Vergangenheit die Musik in der afroamerikanischen Kultur eine „Waffe“ dar, die gleichzeitig der Motor für die nachfolgende schwarze Revolution war. Dem zu Folge nehmen der Gesang und die Musik in der afroamerikanischen Kultur einen besonders hohen Stellenwert ein. Dort kann man die stimmliche Präsenz als ein Medium des politischen Widerstandes hinsichtlich der Bürgerrechtsbewegung betrachten. Deshalb wird es im nächsten Blogbeitrag um die Funktion der Stimme in der afroamerikanischen Musikkultur gehen. Somit sollte der erste Teil einen Einblick in das revolutionäre Wesen der Musik geben. So nimmt die Musik nicht nur eine bedeutende Stellung auf sozialer und gemeinschaftlicher Ebene dar, sondern sie dient aufgrund ihrer Überbrückung von sprachlichen und religiösen Barrieren als eine Art „Demarkationslinie“ Das heißt, ihr wird die Fähigkeit nachgesagt, unterschiedliche Kulturen zusammenführen zu können.

 

Quellen:

Bossinger, Wolfgang: Die heilende Kraft des Singens. Von den Ursprüngen bis zu modernen Erkenntnissen über die soziale und gesundheitsfördernde Wirkung von Gesang. 2.überarb. und erw. Auflage. Battweiler: Traumzeit-Verlag 2006.

Institut für Neue Musik und Musikerziehung Darmstadt: Stimme. Stimmen-(Kon)Texte. Stimme-Sprache-Klang. Stimmen der Kulturen. Stimme und Medien. Stimmen in (Inter)Aktion. Bd. 43. Mainz: Schott Verlag 2003.

Kolesch, Doris: Stimm-Welten Philosophische, medientheoretische und ästhetische Perspektiven. Bielefeld: Transcript Verlag 2009.