Die verborgene Kraft des Gesangs (Teil 2): Die Funktion der Stimme in der afroamerikanischen Kultur

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In dem ersten Beitrag „Die verborgene Kraft des Gesangs“ haben wir uns mit dem Phänomen der Stimme und der damit verbundenen sozialen Bedeutung des gemeinsamen Singens auch anhand der Arbeitslieder und Klagegesänge beschäftigt.

In dem zweiten Teil möchten wir uns nun speziell auf die Funktion der Stimme in der afroamerikanischen Kultur befassen. Denn der wesentliche Teil ihrer Kultur war die Musikalität. Die Stimme war das einzige was sie besaßen und ihre Bedeutung und Macht für die schwarze Bevölkerung soll in diesem Beitrag näher untersucht werden. Augenmerk soll ebenfalls auf die Musikstilrichtung Soul gelegt werden. Sie wird eng in Verbindung gebracht mit dem Kampf der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und soll dies bezüglich näher beleuchtet werden.

Bedeutung der Musik in der afroamerikanischen Kultur

Einen besonders hohen Stellenwert nimmt die Musik in der afroamerikanischen Kultur ein. Die afrikanischen Sklaven wurden in Amerika als Mobiliar abklassifiziert. Sie hatten keine Rechte und ihre einzige Pflicht bestand in der Arbeit. So gab es nichts, was sie aus ihrer Kultur mitnehmen könnten beziehungsweise diese wurde rigoros unterdrückt. Das einzige, was sie sich erhalten konnten, war die Musikalität, die ein wesentlicher Teil ihrer Kultur war.

Das emotionale Singen und das Tanzen der Sklaven bei der Arbeit und bei Versammlungen war wie in afrikanischen Riten ein lebensnotwendiger Ausdruck ihrer Identität. Die geteilten Emotionen in den Songs stärkten jeden einzelnen und stellten gleichzeitig eine Art der teilweisen Freiheit dar. Denn die Stimme stellte die einzige noch vorhandene Selbstgesetzlichkeit dar.

Keimzelle der Black Music

Den Ursprung der afroamerikanischen Musik findet man in den Arbeitsliedern, den Worksongs. Im siebzehnten Jahrhundert wurden unzählige Afrikaner nach Nordamerika verschleppt und zum Sklavendienst gezwungen. Die aus Afrika stammenden Sklaven sangen während ihrer harten Feldarbeit Lieder, um sich die Arbeit zu erleichtern, ihre Hoffnung auf ein besseres Leben zu bekräftigten, sowie das Gemeinschaftsgefühl zu stärken. Die während der Sklavenarbeit auf den Baumwollfeldern geborenen Worksongs sind die Keimzelle der afroamerikanischen Musikkultur. Bei dem improvisierten Wechselgesang gab ein Vorsänger das Thema, den Rhythmus und die Melodie an und diese wurden dann von der Gruppe aufgenommen.

Zeitgleich mit den Worksongs entstanden die Spirituals, die vor allem religiöse Texte beinhalteten. In ihrer Sehnsucht nach Befreiung und Erlösung von der Sklaverei sangen sie Lieder zum Ausdruck der Hoffnung auf eine Befreiung durch den Glauben an Gott. Mit der Zeit wurden die Spirituals in den Kirchengemeinden gesungen und entwickelten sich zu den Gospel.

Gegen Ende der 90er Jahre entstand der Blues, in dem sich Element der afrikanischen,  europäischen und karibischen Musik verbinden und als Unterhaltungsmusik dient. Die Stilrichtung Jazz formte sich um 1900 und wird oftmals mit der europäischen klassischen Musik gleichgesetzt. Sie geht überwiegend auf europäische Tonsysteme und Instrumente zurück. Im Anschluss in den 1940er Jahren formte sich der Rhythm&Blues. Er umfasst den Stil der afroamerikanischen  Popmusik. In den 50er Jahren bildet sich der Rock ’n’ Roll. Er vereinbart viele Musikstile darunter R&B, Gospelelemente als auch weißen Country. Ende 1950 entwickelte sich der Soul. Der Musikstil Soul ist ein Nachkommen des R&B, also des Rhythm and Blues und dem Gospel. Der Funk entstand Ende der 1960er Jahre und verknüpfte die Musikstile des Souls, des R&B und dem Jazz und hatte später Einflüsse auf die Musikstile des Hip Hops, der Discomusik und dem Rock. Anfang der 70er bildet sich der Hip Hop, der seine Wurzeln in der schwarzen Funk- und Soulmusik hat.

Politische Bedeutung der Soulmusik   

Die Soulmusik nimmt einen besonderen Stellenwert für politische Manifeste ein.Die Bezeichnung Soul Musik leitet sich vom englischen Wort „soul“ ab, das zu Deutsch Seele bedeutet. Die Musikstilrichtung beinhaltet sehr vielfältige Definitionen und Bedeutungen. Einerseits handelt es sich um eine sehr leidenschaftliche, emotionale und aus der Seele kommenden Musik. Andererseits beschreibt sie ein charakteristisches Lebensgefühl und eine Lebenshaltung, die mit Stärke und Stolz assoziiert ist.

Die Stilrichtung erhob sich zu einem mächtigen Werkzeug der Bürgerrechtler, die die Rassentrennung endlich abschaffen wollten und die Gleichberechtigung herbeiführen wollten. Die Vertreter, wie Aretha Franklin mit ihrem Titel „Respect“ aus dem Jahre 1967, sowie James Brown mit dem 1968 veröffentlichen Song „Say it loud, I’m black and I’m proud” sprechen für sich. Die Texte, unabhängig davon, ob sie von spirituellen Dingen, Liebe oder Probleme in der Gemeinschaft handeln, werden alle mit großem emotionalen Einsatz und Identifikation der Interpreten mit den Inhalten vorgetragen, was den besonderen Reiz des Soul mit ausmacht. Im Mittelpunkt stand vor allem das Identitätsgefühl, die „black identity“, einer politisch unterdrückten und benachteiligten Bevölkerungsschicht.

Die Musikszene spiegelt in ihrer Entwicklung sämtliche Stationen der schwarzen Bevölkerung auf ihrem Weg in die politische, soziale und wirtschaftliche Freiheit. Dabei steht vor alle die Soulmusik für ein emotionales Zentrum schwarzer Erfahrung und demnach ist der Soul „schwarzer Nationalismus“ im Gebiet der Popmusik. Er brachte den Schwarzen ein neues Selbstbewusstsein bei, welches im Einklang mit ihrer kulturellen Identität stand.

Musik als Waffe

Somit nimmt die schwarze Musik nicht nur einen zentralen Stellenwert innerhalb der schwarzen Kultur ein, sondern ist für diese Kultur und ihre Entwicklung von entscheidender und unabdingbarer Bedeutung. Sie reflektiert nicht nur Wertvorstellungen schwarzer Kultur, sondern stellt bis zu einem gewissen Grade die Grundlage einer Gesellschaftsstruktur dar. So wird die Revolution der Schwarzen oftmals mit der Entwicklung ihrer eigenen Kunstform, vor allem ihrer Musik, in Verbindung gebracht. Die Musik der Schwarzen wird als eine Art „verborgene Kraft“ beschrieben. So verband sich diese „verborgene Kraft“  in der Musik mit dem Individuum und machte es möglich, Verhaltensmuster, die das Handeln der Masse bestimmten, zu durchbrechen. Was Malcolm und die Panthers verbalisierten, hatten die schwarzen Musiker durch ihre Musik und ihre Interaktion mit ihrem Publikum verwirklicht.

Die Musik war das Mittel, um Denkanstöße auf eine andere Art und Weise zu geben und so das Bewusstsein der Leute zu verändern. So sehen wir am Beispiel der afroamerikanischen Musik wie diese eine Kulturrevolution bewirkt hat und politische Geschichte geschrieben hat.

So erzählt die Geschichte der afroamerikanischen Musik, wie die machtlose schwarze Bevölkerung und ihre menschenunwürdige Behandlung und fehlende Gleichheit in allen Rechten in ihrer Gemeinschaft des schwarzen Amerikas sich dank ihrer Musik weltweit Gehör verschaffen. Die Musik verkündete, begleitete und feierte die Befreiung von den menschenunwürdigen Lebensbedingungen. Demnach bot sie eine Zuflucht, die Hoffnung gab, dennoch war sie aber auch gleichzeitig eine Waffe.

Afroamerikanische Musik heute

Heutzutage verbinden nur noch wenige Menschen die afroamerikanische Musik mit einem Mittel des politischen Widerstandes. Es fragt sich, ob die Verbindung mit den ursprünglichen Botschaften und Absichten sowie der damit verbundene geschichtliche Kampf verloren gegangen sind. In den heutigen Liedern geht es kaum mehr um eine Befreiungsbewegung für die schwarze Bevölkerung. Das hat natürlich zum einen auch damit zu tun, dass diese nicht mehr für ihre Rechte kämpfen müssen. Daher lässt sich erkennen, dass die ursprünglichen Botschaften heutzutage in der afroamerikanischen Musik untergegangen sind und sich in diesem Sinne zu einer eigenen neuen Musikkultur entwickelt hat, die nicht mehr die Verbindung zu der Entstehung der Musikkultur und dem verbundenen Kampf um Gleichberechtigung mittels Musik erkennen lässt.

Desto trotz bewirkte die Musik in den früheren Zeiten eine Kulturrevolution und es wird deutlich, was für eine Macht sich hinter der Stimme und der Musik verbirgt. So besitzt das revolutionäre Wesen der Musik ein gewaltiges, über alle Grenzen verbindendes Potential. Die Musik als Ideologie ermöglichte es Schwarzen und Weißen gleichermaßen, aus herausgebrachten Denkschemata auszubrechen und sich der Beschränkung ihrer persönlichen Freiheit als kultureller Unterdrückung bewusst zu werden. Demzufolge stellte die schwarze Musik nicht allein in Krisenzeiten die produktive Kraft für eine lebensfähige Sozialstruktur innerhalb der schwarzen Gemeinschaft dar, sondern war  in gleichem Maße der Motor der nachfolgenden Revolution.

  

Quellen:

Institut für Neue Musik und Musikerziehung Darmstadt: Stimme. Stimmen-(Kon)Texte. Stimme-Sprache-Klang. Stimmen der Kulturen. Stimme und Medien. Stimmen in (Inter)Aktion. Bd. 43. Mainz: Schott Verlag 2003.

Oliver, Paul: Die Story des Blues. Worksongs, Ragtime, Rhythm and Blues. Reinbek: Rowohlt Verlag 1978.

Schläbitz, Norbert: Populäre Musik analysieren und interpretieren am Beispiel des Soul. Braunschweig: Schöningh Verlag 2009.

Shaw, Arnold: Soul. Von den Anfängen des Blues zu den Hits aus Memphis und Philadelphia. Reinbek: Rowohlt Verlag 1980.

Sidran, Ben: Black Talk. Schwarze Musik- die andere Kultur im weißen Amerika. Hofheim: Wolke Verlag 1985.

Weiterführender Link: Arte Dokumentation: Schwarz und stolz: Die Geschichte der Black Music: