Der Lautheitskrieg: Wettrüsten in der Musikindustrie

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Das Rad, das am lautesten quietscht, bekommt das meiste Fett – so heißt es. Das Sprichwort spielt darauf an, dass es Vorteile mit sich bringt, wenn man lauter ist als die anderen. Die Vorstellung vom Marktschreier, der mehr verkauft, weil er seine Waren lauter anpreist als seine Konkurrenten, ist nur ein Beispiel, das zu zeigen scheint: Lauter ist besser!

 

Lauter..! LAUTER!

Demselben Prinzip scheint die Musikindustrie zu folgen. Über die Jahre ist die gefühlte Lautstärke von Musik-CDs immer weiter angestiegen. Vergleicht der durchschnittliche Hörer ein Lied mit normaler Aussteuerung mit demselben Lied, das aber 3dB leiser gestellt wurde, lautet das Urteil: Die lautere Version klingt besser. Musikproduzenten nutzen diesen Eindruck, indem sie versuchen, die gefühlte Lautstärke eines Stücks so weit wie möglich anzuheben. Hört man das Stück neben anderen, scheint es daher direkt besser als die anderen zu klingen – ein Eindruck, der womöglich die Kaufentscheidung beeinflusst.
Ähnlich funktioniert TV-Werbung, die daher zu unserem Vergleich mit dem Marktschreier passt. Werbeblöcke klingen stets lauter als das eigentliche Programm, weil sie genau daraufhin produziert sind, nämlich lauter zu sein als der Rest und sich somit durchzusetzen. Um dem entgegenzuwirken, beschlossen die öffentlich-rechtlichen Anstalten und private Sender zur IFA 2012, die Lautstärke ihres Programms zu vereinheitlichen. Tendenziell kann man trotzdem immer noch einen Lautstärkeunterschied wahrnehmen.

Aussteuerung und Dynamik

Wie kommt es aber zu derartigen Lautstärkeunterschieden? Zwei gleiche Tonaufnahmen können beide voll ausgesteuert sein (d.h. das Signal wird so weit verstärkt bis es an eine Grenze stößt, nach der das Signal „kaputt geht“, also übersteuert/verzerrt). Trotzdem klingt die eine Aufnahme lauter als die andere, weil bei der einen der Dynamikumfang (d.h. der Unterschied zwischen der leisesten und der lautesten Stelle) reduziert wurde. Dieser Vorgang nennt sich Lautstärkekompression.

Abb. 1: Lautstärkekompression

Die obere Wellenform zeigt das unbearbeitete Signal. Die rote Linie markiert eine Grenze, oberhalb von der das Signal herabgepegelt wird. Das heißt: Die lauten Ausschläge werden leiser gedreht. Daraus ergibt sich – und das wurde in der zweiten Wellenform vorgenommen -, dass man durch die fehlenden Spitzen das Gesamtstück weiter verstärken kann, ohne dass das Signal übersteuert. Während in der oberen Darstellungen Lautstärkeunterschiede noch erkennbar sind (das Schlagzeug sticht heraus), ist die untere Darstellung gleichförmig, was ihre Lautstärke betrifft.

 

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Abb. 2: Historischer Vergleich „The Beatles – „Something“ (Bitte klicken für vollständige Anzeige)

Im historischen Vergleich wurde in der Musikproduktion die Lautstärkekompression immer stärker eingesetzt, wie diese Grafik zeigt. Dargestellt sind zu verschiedenen Zeitpunkten angefertigte Abmischungen des Stückes „Something“ der Beatles.

 

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Abb. 3: Metallica – Hit The Lights

Metallica: „Hit The Lights“ (1984): Spitzen und Lautstärkeunterschiede sind noch klar zu erkennen.

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Abb. 4: Metallica – That Was Just Your Life

Metallica: „That Was Just Your Life” (2008): Das Stück ist hier so sehr verstärkt, dass sogar eine durchgehende Übersteuerung der Spitzen in Kauf genommen wird.

Nicht erst seit die Maximierung der Lautstärke ein derartiges Ausmaß angenommen hat, wie wir es bei den Metallica-Beispielen beobachten können, wird diese Entwicklung unter dem Stichwort Lautheitskrieg scheinbar einstimmig als verwerflich verurteilt. In Musikforen etwa lassen sich Nutzer regelmäßig darüber aus, dass der Eindruck, das lautere Lied klinge besser, schlicht falsch sei. So zerstöre die Lautstärkekompression den differenzierten Klang von Musik mit hoher Dynamik, sodass alles nur noch matschig klinge und in „Früher-war-alles-besser“-Manier beanstandet man fehlende Spannungsverläufe in der Dramaturgie moderner Musik. Die Pleasurize Music Foundation stellt die Kennziffer „Dynamic Range“ zur Verfügung, die eine Aussage darüber gibt, wie hoch der durchschnittliche Dynamikumfang des jeweiligen Liedes oder Albums ist. Ein niedriger Wert zeigt an, dass ein Stück lautstärketechnisch stark angehoben ist. Indem man Alben mit dem Wert kennzeichnet, sollen die Käufer für den Lautheitskrieg sensibilisiert werden.

Warum nicht einfach aufhören?

Alle sind sich einig, dass es der Qualität von Musik schadet, die Lautstärke auf Kosten der Dynamik zu erhöhen. Daher kann man sich nur wundern, warum Produzenten mit dem Hochrüsten der Lautstärke nicht einfach aufhören.
Musik ist ein Kulturgut und Kulturgüter sind Waren. Und wie alle anderen Waren, muss sich auch ein Album oder ein einzelnes Lied im Wettbewerb gegen andere Alben und Lieder durchsetzen. Dabei zählt der erste Eindruck – oberflächlich scheint das Lautere besser zu klingen – und eine Kaufentscheidung will schnell getroffen sein.

Bei Waren gilt: Nur eine Ware, die ihren Wert realisiert, also verkauft wird, ist eine gute, nützliche Ware. Genau diesem Grundsatz muss sich Musik unterwerfen, wenn sie warenförmig produziert wird. Die Umsetzung ihres Tauschwertes ist die einzige Kategorie, die noch relevant ist. Alle anderen, künstlerischen Qualitäten sind wertlos. Dabei sollte es doch eigentlich genau andersherum sein: Kunst und Kulturgüter sollten unabhängig von kommerziellen Logiken erstellt werden. Ein Künstler sollte sich in seiner Kreativität nicht von der Frage leiten lassen, wie sich sein Werk später am besten verkauft. Genau das wird an Kunst schließlich geschätzt, dass sie nämlich vollkommen frei von solchen Zwängen erstellt wird, und vielleicht verkauft sie sich darüber hinaus in Ausnahmen auch (sehr) gut. In den Fällen unterlieg das Werk keinem Wettbewerbsdruck mehr, weil es ohnehin ein unvergleichbares Unikat ist. Als Ware ist Musik jedoch ein massenhaft hergestelltes Produkt. Das schlägt sich nicht nur konzeptionell nieder (an dieser Stelle der kulturpessimistische Seufzer „Klingt ja eh alles gleich“), sondern auch in dem uniformen Bestreben möglichst laut zu sein. „Kultur heute schlägt alles mit Ähnlichkeit.“ Diesen Satz schrieben in den 1940er Jahren die Soziologen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno und er war damals wie heute gleichermaßen gültig, nicht weil die Kulturgüter von damals und heute sich so ähnlich sind – bei Weitem nicht! Aber die warenförmige Produktionsweise ist dieselbe geblieben, weshalb auch die strukturellen Folgen dieselben sind: Kulturgüter werden nicht geschaffen und dann als Waren verkauft, sondern ihre von vornherein angelegte kapitalistische, warenförmige Produktionsweise wirkt sich auf ihre Beschaffenheit aus.

Kunst wird nicht erst als Ware behandelt, nachdem sie erstellt worden ist. Schon allein die Tatsache, dass sie später eine Ware sein soll, bestimmt ihre inhaltlichen Qualitäten. Indem man nun Alben etwa mit einem Dynamic-Range-Wert kennzeichnet, akzeptiert man weiterhin die vorherrschende Produktionsweise von Musik. Man versucht lediglich eine einzelne Folge, die negativ aufgefallen ist, zu regulieren. Solange man nicht die Produktionsbedingungen überwindet, ist solch eine Maßnahme nur ein Tropfen, der den heißen Stein verfehlt.

Vielleicht sollte man Musik mit geringem Dynamikumfang vermeiden – schon allein aus Gehörschutzgründen. Doch im Umkehrschluss bedeutet das nicht, dass Musik mit hoher Dynamik die bessere Musik wäre. Mist bleibt Mist, ob laut oder leise.

 

Bildquellen

Titelbild: http://www.gearjunkies.com/news_info.php?news_id=8743

Abb 1, 3, 4: Bilder des Autors

Abb. 2: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Cd_loudness_trend-something.gif