Die Klangwelt der Neandertaler

Neandertaler beim Tanz zu den Klängen eines Schwirrgerätes

Die Neandertaler gibt es zwar nicht mehr und das bereits seit mehr als 120.000 Jahren, doch die Wissenschaft ist sich darüber einig, dass der Homo heidelbergensis in seiner intellektuellen als auch kulturellen Ausprägung uns, den Homo sapiens, nicht wesentlich unterlegen war. Paläontologen fanden unter anderem heraus, dass die Neandertaler über das gleiche Sprachgen verfügten wie wir. [1] Desweiteren belegen archäologische Funde, dass die Neandertaler einen Tanz- und Musikkult betrieben. [2] Diese Feststellungen brachten ein Experiment hervor, welches nicht nur ungewöhnlich, sondern schlicht und ergreifend faszinierend ist: Die Rekonstruktion des Sounds, d.h. der Klangwelt der Neandertaler.

Ausgangspunkt für dieses Experiment war eine Ausstellung des national Museum Cardiff „Origins: In Search Of Early Wales“. Der walisische Jazzprofi Simon Thorne wurde beauftragt für die paläolithische  Abteilung eine Komposition zu verfassen, die den Klang der Neandertaler auffängt.[3] Doch wie tastet man sich an eine Klangwelt heran, die auf diese Weise gar nicht mehr existiert? Da Simon Thorne überzeugt davon ist, das Musik eine fundamentale menschliche Eigenschaft ist, und somit für Thorne klar war, dass die Neandertaler, mit Hilfe ihrer Klangwelt, auch bewusst Musik gemacht haben- hatte er einen ersten Anhaltspunkt. Er musste »erleben« was die Neandertaler erlebt hatten. Thorne sprach mit Archäologen, Linguisten, nahm Steinwerkzeuge in die Hand die mehr als 100.000 Jahre alt waren und besuchte sogar die Pontnewydd–Höhlen [4] in Wales, wo Forscher die Überreste einer Familie gefunden hatten, die vor mehr als 230.000 Jahren lebten. Aus all diesen Eindrücken formte er sich ein eigenes Klangbild der Steinzeit.

Da sich charakteristische Merkmale einer Kultur auch in den Technologien und dem,  den Technologien zugehörigem Klang aufzeigen lassen, war für Thorne klar, dass der Grundklang seiner Komposition „Stein auf Stein“ sein musste. Denn dieser Klang, schien völlig stimmig mit der technologischen Stufe der Zeit zu sein. Thorne ist sich sicher: „Diese Menschen hörten Stein“ [5] Und so begleitet den Gesang, das rhythmische Aufeinanderschlagen von Steinen, das Schlagen und Reiben von Hölzern als auch der Klang der Schwirrgeräte. Wir müssen den Schwirrgeräten besondere Aufmerksamkeit widmen, da diese nicht nur als älteste Musikinstrumente überhaupt, sondern als Beweis für die Musikalität der Neandertaler gelten.

Verwendung eines Schwirrgerätes

Obwohl nicht abschließend geklärt werden konnte, ob die Schwirrgeräte tatsächlich als Musikinstrument und nicht lediglich als Signalinstrument gedient haben, stuft die Wissenschaft diese dem kulturellen Bereich der Musik ein. Die Aborigines (australische Ureinwohner) verwenden die Schwirrgeräte (engl.: Bullroarer) noch heute. Doch archäologische Funde bestätigen, dass es diese Geräte auch in Europa gegeben hat. Einer dieser Funde ist im Kreismuseum Jerichower Land in Genthin zu besichtigen.[6] Es handelt sich um ein aus Knochen gefertigtes Schwirrgerät, welches auf die Zeit 10.000 bis 14.000 v. Chr. (Späte Altsteinzeit) datiert wird.[7] Gefunden wurde es bei Ausgrabungen an der Havel.

Die Tonerzeugung der Schwirrgeräte:

Doch wie wird mittels dieses Gerätes überhaupt Sound erzeugt? Das Schwirrgerät ist ein flaches, ovales Stück z.B. aus Holz (Aborigines) oder bei dem Stück aus dem Jerichower Land Museum, aus Knochen. An einem Ende wird eine Schnur befestigt, an der man das Gerät dann über dem Kopf herumwirbeln kann. Bei diesem Vorgang dreht sich das Holz um die eigene Achse und die Schnur verdrillt sich. Innerhalb der auf diese Weise erzeugten Wirbel entstehen Druckvariationen, die den Knochen bzw. das Holz zum Schwingen bringen und einen auf- und abschwellenden Ton erzeugen. Je nach Geschwindigkeit geht der Ton in ein Brummen oder Sirren über. Die Töne die man letztendlich hört entstehen durch die Wirbel als auch durch die Oszillation. Es gibt kein Musikinstrument das einen vergleichbaren Klang produziert. Da der Ton über weite Strecken zu vernehmen ist (die Frequenz liegt üblicherweise bei 80 Hz [8]), ist es nicht nur als Musikinstrument sondern auch hervorragend zur Kommunikation geeignet.

Den Aspekt der Kommunikation nimmt Hollywood in Crocodile Dundee 2: Ein Krokodil zum Küssen aus dem Jahre 1988 auf. Hier dient das Schwirrgerät der Signalübertragung (als stromloses Handy sozusagen). Doch es gibt noch weitere Funde der Archäologen die auf eine musikalische Ausrichtung der Neandertaler schließen lassen. Wie z.B. die sogenannten Höhlenbärenknochen die Klang durch aufeinanderschlagen oder hineinblasen erzeugten. Doch widmen wir uns wieder dem Experiment des Jazzprofis Thorne. Da er nun einen Einblick in die Technologien der Neandertaler gewonnen hatte, musste er sich dennoch bezüglich seiner Komposition der Tatsache stellen, dass es noch keine Art des Notationssystems gegeben hat. Auch wenn vieles darauf hindeutet, dass es bereits im Alten Ägypten 3000 v.Chr. ein Notationssystem existierte, ist die 1. voll entwickelte und auch entzifferte Notation die griechische »Seikilos-Stele«[9], welche unterschiedlichen Quellen zufolge auf 200 v. Chr. und 100 n. Chr. datiert. Lange nach der Zeit der Neandertaler.

Aus diesem Grund brach Thorne die Musik auf ihre ursprünglichen Bestandteile herunter, Tonhöhe und Zeit. Während die Höhe darüber entscheiden soll ob die Stimme sich in den oberen oder unteren Oktaven bewegt, bestimmt die Zeit den Rhythmus des Stückes. Thorne gab jeder Stimme eine Linie, die festlegt auf welcher Ebene sie sich entlang bewegen soll. In der Partitur [10] sind diese Linien parallel angeordnet. Die Form der Linie gibt die Tonhöhe an. Bei steigender Linie, steigt dementsprechend auch der Ton- bei abfallender Linie sinkt er. Den Rahmen des Stückes bilden die Instrumente (z.B. das Schwirrgerät) sowie die Stimmen, die in einer Relation zueinander stehen. Die Linien die die Tonhöhe angeben sind frei, daher ist das Stück bei jeder Aufführung anders. Bei den Aufführungen läuft im Hintergrund ein Video das den Zuschauer in eine einst von Neandertalern bewohnte Höhle führt. Dies dient der visuellen Unterstützung der Komposition.

Trotz der Mühen und des Erfolgs den Thorne mit seiner Komposition hat, gibt es wissenschaftlich etwas zu bemängeln. Dem Anthropologen Robert McCarthy von der Florida Atlantic University ist es gelungen, nachzuweisen das der Neandertaler , aufgrund der Ausbildung des Kehlkopfes, nicht in der Lage war, Eckvokale (A, i und U) zu formen. [11] Die „Sänger“ bei Thornes Komposition verwenden aber häufig diese Laute. Daher stelle das Stück nicht die realistische Klangwelt der Neandertaler dar.[12] Thorne erwidert diesbezüglich:

„Ich habe ja keine wissenschaftliche Arbeit zur Musik der Neandertaler verfasst, […] sondern ganz explizit Kunst geschaffen. Es ist für uns unmöglich, genau zu rekonstruieren, wie sich der Gesang der Neandertaler anhörte – aber sich vorzustellen, wie er hätte sein können, ist eine faszinierende Erfahrung. Mein Ziel war die Schaffung einer Klangwelt.“ [13]

Die Schaffung einer Klangwelt ist Thorne zweifelsohne gelungen und anhand der historischen Hinweise die für eine musikalische Ausprägung der Neandertaler sprechen, ist es durchaus möglich das Thorne tatsächlich die Klangwelt der Neandertaler erfasste. Überzeugt euch selbst.

Quellen:

Franz, Angelika: „Musikexperiment: Sound der Steinzeit“, in „Spiegel Online“, (23.03.2009), http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/musikexperiment-sound-der-steinzeit-a-612442.html, (03.09.2012).

(o.V.): „DNA-Analyse: Neandertaler hatten  menschliches Sprachgen“, in „Spiegel Online“, (19.10.2007), unter http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/dna-analyse-neandertaler-hatten-menschliches-sprachgen-a-512357.html, (03.09.2012).

(o.V.): „Evolution Mensch: Wichtige Fundorte – Pontnewydd“, unter

http://www.evolution-mensch.de/thema/funde/fund-detail.php?key=96, (03.09.2012).

(o.V.) : „Kreismuseum Jerichower Land, Genthin: Schwirrgerät“, unter

http://www.museum-digital.de/san/index.php?t=objekt&oges=1673, (04.09.2012).

(o.V.): „Wikipedia: Partitur“, unter

http://de.wikipedia.org/wiki/Partitur, (04.09.2012).

(o.V.): „Wikipedia.Schwirrgerät“, unter

http://de.wikipedia.org/wiki/Schwirrger%C3%A4t, (03.09.2012).

(o.V.): „Wikipedia: Seikilos-Stele“, unter

http://de.wikipedia.org/wiki/Seikilos-Stele, (04.09.2012).

Probst, Ernst: „Neandertaler waren die Ersten Musiker und Tänzer“, in „archaeologie-news“, (06.06.2005), unter

http://archaeologie-news.blog.de/2005/06/06/neandertaler_waren_die_ersten_musiker_un/, (03.09.2012).

Einzelnachweise:

[1] Vgl: (o.V.): „DNA-Analyse: Neandertaler hatten  menschliches Sprachgen“, in „Spiegel Online“, (19.10.2007), http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/dna-analyse-neandertaler-hatten-menschliches-sprachgen-a-512357.html, (03.09.2012).

[2] Vgl: Probst, Ernst: „Neandertaler waren die Ersten Musiker und Tänzer“, in „archaeologie-news“, (06.06.2005), http://archaeologie-news.blog.de/2005/06/06/neandertaler_waren_die_ersten_musiker_un/, (03.09.2012).

[3] Vgl: Franz, Angelika: „Musikexperiment: Sound der Steinzeit“, in „Spiegel Online“, (23.03.2009), http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/musikexperiment-sound-der-steinzeit-a-612442.html, (03.09.2012).

[4] (o.V.): „Evolution Mensch: Wichtige Fundorte – Pontnewydd“, http://www.evolution-mensch.de/thema/funde/fund-detail.php?key=96, (03.09.2012).

[5] Franz, Angelika: „Musikexperiment: Sound der Steinzeit“, in „Spiegel Online“, (23.03.2009), http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/musikexperiment-sound-der-steinzeit-a-612442.html, (03.09.2012).

[6] (o.V.) : „Kreismuseum Jerichower Land, Genthin: Schwirrgerät“, http://www.museum-digital.de/san/index.php?t=objekt&oges=1673, (04.09.2012).

[7] Vgl.: Ebd.

[8] Vgl.: (0.V.): „Wikipedia.Schwirrgerät“, http://de.wikipedia.org/wiki/Schwirrger%C3%A4t, (03.09.2012).

[9] Vgl.: (o.V.): „Wikipedia: Seikilos-Stele“, http://de.wikipedia.org/wiki/Seikilos-Stele, (04.09.2012).

[10] Vgl. (o.V.): „Wikipedia: Partitur“, http://de.wikipedia.org/wiki/Partitur, (04.09.2012).

[11]Vgl.: Franz, Angelika: „Musikexperiment: Sound der Steinzeit“, in „Spiegel Online“, (23.03.2009), http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/musikexperiment-sound-der-steinzeit-a-612442.html, (03.09.2012).

[12] Vgl.: Ebd.

[13] Ebd.